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Die Wahrheit · 1924-10-31 · Heft 44 (31.10.1924) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 44 (31.10.1924)
Date
1924-10-31
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Nr. 44 Araber, die mit ihren Familien nach Brasilien auswanderten, vorwiegend aber tausende Juden aus allen Ländern Europas, darunter Familien mit Kind und Kegel, Mütter mit ihren Säuglingen an der Brust, deren Anblick mir tief ins Herz schnitt. Man gewinnt da erst recht die Ueberzeugung, daß die Nachwirkungen des Weltkrieges, trotz der dünnen Schicht jüdischer „Neu-Reicher", die durch ihre Protzerei in die Augen fallen, kein anderes Volk so sehr ins Mark getroffen wurde, als das jüdische. Wirtschaftliche Not und politische Bedrückung, die nach dem Kriege ihren Höhepunkt erreicht haben, zwingen jüdische Familien unaufhörlich, ihre Heimat zu verlassen. Am Simchat-Thorafeste saß ich mit auswandernden Juden, wahren Jammergestalten, die auf den Abgang der Schiffe warteten, beisammen. Ich war von der geradezu fatalistischen Schicksalsergebenheit mehrerer Juden, die da, wie einst unsere Ahnen an den Wassern Babels, saßen, ganz ergriffen,- die Niedergeschlagenheit der andern erpreßte mir Tränen. Sie schilderten die Grausamkeiten und die Schikanen, die sie daheim zu erdulden hatten, und berichteten haarsträubende Dinge. Und da wurde es mir erst begreiflich, warum sie, nachdem sie in den letzten Jahren infolge Verdienstlosigkeit alles verzehrt hatten, was sie sich durch langjährigen Erwerb geschaffen, nunmehr auch Haus und Hof verließen und davongingen. Es blieb diesen Unglücklichen in der Tat nichts anderes als die Auswanderung übrig. Ihre letzten Habseligkeiten veräußerten sie zur Tilgung von dringenden Schulden. Nun gehen sie, die meisten von ihnen reisen dritter Klasse als sogenannte „Zwischendecker", über das Meer, um dort nach dem Glücksstern', der ihnen in der Heimat verloren ging, zu suchen und ein neues Leben zu beginnen. Ja, ob sie in das Land ihres Zieles —^ da kommt vor allem Nordamerika in Betracht — hineingelassen werden? Sie hoffen! Das bittere Schicksal zerstreut siie inalle Windrichtungen. Eine junge Frau aus Lodz, die mit ihrem Mann nach Argentinien reiste, sagte mir: „Wir gehen, wohin uns die Füße tragen, und es ist uns gleichgültig, wohin." Wer nicht die Möglichkeit hat, in Nordamerika hineinzukommen, der reist nach Argentinien, Brasilien, Chile, Kuba oder Mexiko. In all diesen Ländern sind heute jüdische Niederlassungen. (Ich erfuhr später in New York, daß die Lage der in Kuba eingewanderten Juden nicht besonders günstig ist, so daß man von einer weiteren Einwanderung abrät.) Ich sah eine Gruppe slowakischer Bauern mit ihren Familien. Ihr Ziel war Brasilien. Ich fragte sie, ob sie es in der Heimat schlecht hatten, daß sie in die Ferne ziehen. „O nein!" erwiderten die Männer wie aus einer Kehle, „in unserer Heimat ging es uns nicht schlecht, doch verließen wir sie, da wir sehen wollen, ob es dort nicht besser sein wird. Gefällt es uns dort nicht, dann kommen wir nach Europa zurück. Wir haben doch daheim unseren Boden." Da dachte ich mir: Welcher Unterschied zwischen diesen Bauern und den jüdischen Auswanderern! Die Juden wandern aus Not aus, die Slowaken aus Lust. Es gibt Menschen, die immer das haben wollen, was sie nicht haben, was sie aber haben, wollen sie nicht. (Fortsetzung folgt.) Hanptmomente aus der Geschichte der Juden in Wien. Von Rabbiner D. M. Rosenmann. (Fortsetzung.) Nach allen Windrichtungen zerstreuten sich die Bewohner des „unteren Werdi"; bis mach Brandenburg und Frankreich gelangten Splitter dieser jüdischen Ansiedlung. David Kaufmann vermochte in seinem bereits angeführten Werke bedeutende Spuren derselben in vielen Gemeinden, namentlich Mährens und Böhmens, festzustellen. Wien war trotz mancher Versuche, die Vertriebenen wieder aufzunehmen, tatsächlich jahrzehntelang d i e Stadt o h n e Juden. Weder die 1679 ausgebrochene Pest noch die Türkenbeiagerunig 1683 gelangen in den Inschriften des alten Juld'enMeidihofes in Wien zum Ausdrucke. Erst das Jahr 1696 liefert einen neuen Grabstein, wie dies Wach stein im zweiten, mit einer sich gleichbleibenden tief schürfenden Gründlichkeit bearbeiteten Bande1 seines Werkes nachweist. Und dennoch sollte baldi ein merkwürdiger Umschwung eintreten. Es wird bei der Bewertung des Judentums oft und oft übersehen, daß in demselben weniger die Masse als vielmehr die suggestive Persönlichkeit zum Vorschein kommt. Wie erratische Blöcke auf weiten Ebenen, gelangen) plötzlich aus der nicht selten amorphen Menge einzelne Männer an, die Oberfläche,'die faszinierend auf die Mitmenschen, Juden wie Nichtjuden, einwirken und der Entwicklung der Ereignisse im jüdischen Lager eine neue Wendung geben. Ein solcher Mann von weitreichendem, umgestaltendem Ei nf 1 u s s e war in der damaligem Zeit der Heieres- 1 ief erant Samuel 0 p p e n h ,e Ii m e r. Rabbiner Dr. M. Qrunwald hat in sleiniem: vorzüglich gehaltenen Werke: „Samuel Oppe n h e i m e r undseiuKreis" nicht bloß den Lebenslauf, sondern vor allem dien politischen Hintergrund eindrucksvoll gezeichnet, von dem sich dieses Organisations- und Finanzgenie abhob. Gleich wie Wallenstein während des dreißigjährigen Krieges auf militärischem Gebiet, verstand es Oppenheimer während der Türkenkriege in finanzieller Hinsicht aus dem Boden neue Hilfskräfte herauszustampfen. Freilich unterschied ihn von den, meisten anderen Glaubensgenossen Oesterreichs die hohe Kultur, die den Rheinländer auszeichnete. 1630 geboren, hatte er zunächst in Heiidelberg den Schwerpunkt seiner Tätigkeit, die in der Verproviantierunig der kaiserlichen Truppen im Kampfe gtegen die Raubkriege Ludwigs XIV. bestand. Um alle Ausgaben bestreiten und namentlich um mit der Bezahlung zuwarten zu können, gründete Oppenheimer Konisorttien- Vorläufer der heutigen Kommamditgesellischaften, und schraubte dien) Begriff „Kredit" zu einer bis dahin ungeahnten Höhe empor. Ein ganzes Heer von Unterlieferanten — zumeist Verwanjdfte, Verschwägerte — bildete seinen Troß, den er von Zeit zu Zeit in Bewegung zu setzen verstand. (Fortsetzung folgt.) Herbet Abonnenten für „Die Wahrheit"!

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