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Die Wahrheit · 1924-10-31 · Heft 44 (31.10.1924) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 44 (31.10.1924)
Date
1924-10-31
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 DTE WAHRHEIT Nr. 44 Tolstoi — dadurch geehrt, daß sie seine Bücher auf den Index setzen ließen, — jedoch schädigen' oder totschweigen konnte man ihn natürlich nicht. Und jetzt, wo er tot ist, wird sein Werk weiter wachsen und sicher noch manchen Segen stiften. Das ist ein Trost! Wir Lebenden müssen melancholisch; feststellen, daß einer der allerbesten Köpfe unserer Epoche dahingegangen ist. Wir sehen uns — besonders in Frankreich — suchend nach einem Ersatz für ihn um... Ach! der ist nicht zu finden ... Dr. L. D. Im Privatkabinett Prof. Albert Einsteins. Von Siegfried J a c o b i, Berlin. Das Kabinett meines hochverehrten Herrn Professors E i n s t e i n ist nicht groß und auch nicht nach der neuesten Mode eingerichtet. Main könnte eher das Gegenteil behaupten. Die Wände sind mit Bücherregalen umstellt. Der kleine Arbeitstisch des Wissenschaftlers ist mit vielen Briefen und Schriften überhäuft. Die Bibliothek ist nicht groß, aber es sind einige hundert Journale darin, die ordentlich und sauber sortiert liegen. Professor Einstein selbst legt keinen großen Wert auf Bücher und Zeitschriften. Nur einzelne Werke über die Wissenschaft der Relativitätstheorie finden besonderen Anklang. Die Zeitschriften und sonstigen Drucksachen vom Völkerbund, der Kommission „Intellektuell" sind besonders in einer Ecke aufgestapelt. Professor Einstein se'lbst ist nicht nur bedeutender Wissenschaftler und glänzender Gesellschafter, sondern auch ein ganz vorzüglicher musikalischer Kopf. Die Geige und das Klavier haben im Leben dieses großen Wissenschaftlers niemals gefehlt. Aber selbstverständlich alles zu seiner Zeit. Ist Professor Einstein in seiner Privatwohnung, so kommen täglich viele Menschen mit den verschiedensten Angelegenheiten, von denen mau sich im allgemeinen keine Vorstellungen machen kann, zu ihm. Es kommen Studenten, Gelehrte, Journalisten, Politiker und auch einfache Bürger, die entweder Bilder oder Autogramme, Gutachten usw. von diesem großen Gelehrten haben möchten. Alle können selbstverständlich nicht berücksichtigt werden, aber meistenteils werden junge, aufstrebende Studenten mit besonderem Interesse aufgenommen. Die Post ist an manchen Tagen sehr stark angewachsen und ist es manchmal unmöglich, all diese Briefe und Zuschriften an einem Tage zu beantworten. Es kommen Briefe aus der ganzen Welt. Vom fernen Osten bis zu den entlegensten exotischen Indern sind sie alle vertreten. Wissenschaftler aller Gattungen schreiben an Albert Einstein, zum Teil aus Wißbegierde, zum Teil aus rein wissenschaftlichen Motiven heraus. Eine gute, tüchtige Stütze aller Arbeiten ist Frau Professor Einstein. Sie ist eine sehr aufopfernde Hausfrau, aber auch gleichzeitig eine vielgewandte und sehr kluge Beraterin ihres Gatten. Mit der täglichen Politik vertraut, werden alle Besucher von Frau Professor Einstein persönlich empfangen. Als Herr Professor Einstein vor einiger Zeit aus Genf von den Tagungen der Kommisision „I nt e 11 e k t u e 11" zurückgekommen is't, habe ich ihn über seine Ansicht über die positiven! Arbeiten in der Kommission gefragt. Her Professor meinte, daß die Kommission „Intellektuell" sehr viele internationale Arbeiten auf geistigem Gebiete zu erledige*! habe. Vor allem hat sich die Kommission mit den Plänen des Austausches von Publikationen, Schutz des geistigen Eigentumes. Austausch von Professoren und Studenten zwischen den verschiedenen: Ländern, um das gegenseitige Verständnis zu fördern1, zu befassen. Herr Professor Einstein steht auf dem Standpunkt, daß das Problem der wissenschaftlichen Berichterstattung am meisten gefördert worden ist. Selbstverständlich finden alle diese Dinge nicht das eigentliche Interesse der breiten Masse in den einzelnen Ländern. Weltpolitisch, meinte Herr Professor Einstein, trete er sehr stark für D e u t s c h 1 a n d s A u fnähme in den Völkerbund ein. Er ist entschieden der Ansicht, daß dies für Europa höchst nutzbringend sein wird. Ja, ich habe sogar das Empfinden, wenn Herr Professor Einstein vom Völkerbund spricht, kann er sich mit großer Freude über die Arbeiten der einzelnen Kommissionen iim Völkerbund äußern. Er ist sicher der Ansicht, daß aus diesem' Geist heraus, wie er jetzt im Völkerbund! auf der Tagesordnung steht, nur Gutes entspringen kann. Vor allen Dingen meint Herr Professor Einstein', daß die französischen Delegierten mit der größten: Ehrlichkeit und mit der aufopferungsvollsten Anstrengung in den einzelnen Ressorts arbeiten, um so auf dasGedeihen und auf de n e n dgültigen Frieden Europas hinzuarbeiten. Der Völkerbund soll und muß das Instrument des allgemeinen Völkerfriedens werden, so meinte es Herr Professor Einstein. Vor allen Dingen möchte Herr Professor Einstein sehr gern eine jüdische Universität in Europa ins Leben rufen, wird aber von den osttjüdischen Studenten und den Zionisten in diesem Plan nicht genügend unterstützt. Es ist nur ein kleiner Kreis um Herrn Professor Einstein herum, der intellektuell und geistig hochstehend; genug ist, um diesen Plan einer jüdischen Universität in Europa mit Herrn Professor Einstein zusammen zu propagieren. Einstein selbst bearbeitet den gleichen Plan seit zirka zehn Jahren.. Der Völkerbund als solcher kann diesen Plan unterstützen und so dieses Werk wesentlich fordern. Die Kommission „Intellektuell" hat auch den Plan einer internationalen Universität in Europa eingehend erwogen. Sie hat aber bis zum heutigen Tage, da dies ein sehr schwieriges Problem ist, noch keine positiven Entschlüsse in dieser Angelegeinheilt gefaßt. Die wichtigsten Köpfe in der Kommission „Intellektuell" sind: Frau Curie, Paris, Henry Bergson, Paris, Albert Einstein, Berlin. Mögen alle diese, auch die nichtgenannten, im Völkerbund weiterhin tatkräftig an der Vollendung dieses großen Werkes der gesamten Völkervereinigung arbeiten, um so einen dauernden W e 11frieden zu erhalten.

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