Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 44 (31.10.1924)
- Date
- 1924-10-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3064071-3064113--13208-3080701- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
:-X^5X£_ j: j^-s«i»v.&.^s-i--»; ::-^.:-ti»'^v*Nr!»."'—•~-a*.!>g~,*~ * £i£feaSSSi3£ÄM&iv Nr, 44 DIE WAHRHEIT Seite 3 und feinsten Geister, einer der größten Dichter und einer der bedeutendsten Gelehrten, die in unserer reichlich widerwärtigen Zeit lebten! Einer der ganz wenigen Franzosen, die für sich den Nietzscheschen Ehrentitel eines „guten Europäers" in Anspruch nehmen konnten! Einer der wenigen „Ganzgroßen", bei dessen Hinscheiden man wehmütig seufzen muß, daß nun die Welt ärmer geworden ist!-- Als Vierundzwanzigjähriger schon gesellte er sich mit seiner Studie über Vigny zu den besten Literaturhistorikern seines Landes. Dann erwarb er sich durch seine formvollendeten, unübersetzbaren Gedichte „Poemes dores" (1873) internationalen Ruhm. Eine große Reihe unvergänglicher wissenschaftlicher und dichterischer Werke folgten und bilden den reichen Ertrag eines Lebens, das wirklich „köstlich gewesen" ist .... Da ist sein entzückender wehmütig-ironischer Erstlingsroman von der „Schuld des Professors Bonard", diese altfränkische Geschichte eines nur in seiner Bücherwelt lebenden und im Leben" sich .verirrenden Gelehrten. Für wenige Groschen ist das Buch in der Reklambibliothek zu haben, allein um alle seine sprachlichen Schönheiten zu genießen, muß man es schon französisch lesen! .... Da ist das beste — dichterisch geschriebene — historisch-wissenschaftliche Werk über die Jungfrau von Orleans, das es gibt. Eine ganze Menge ganz ausgezeichneter Bücher zeigen den hellseherischen Blick des genialen Historikers, z. B. die Romane „Thais", „Noces Corinthiennes", „Jardin d'Epicure", die wundervolle große Erzählung aus der französischen Revolution „Les Dieux ont soif" usw. Wie sympathisch berührt uns sein soziales Mitgefühl in der köstlichen Erzählung „Crainquebille", die schildert, wie ein armer Teufel von Grünkramhändler durch Staat und Gesellschaft ruiniert wird. Es brauchen hier nicht die ganzen, eine kleine Liste bildenden Werke dieses überragenden Geistes aufgezählt werden. Erwähnt sei zuerst, daß France niemals gegen Deutschland gehetzt hat, sondern ununterbrochen während der ganzen letzten fünf Jahrzehnte nur milde, versöhnliche, verstehende Worte über dieses Land gefunden hat. Stand er doch mit vielen hervorragenden deutschen Dichtern, z. B. mit Hauptmann, in freundschaftlichem Verkehr. Mit den französischen Kriegsschreiern hatte er nichts gemein, er hat — darin ein Erbe Voltaires — seinen Landsleuten in der „Ile des Pinguins" und im „Sur la Pierre Blanche" sehr hübsch einen Spiegel vorgehalten .... Er liebte Frankreich, die Menschheit jedoch nicht weniger! — Dann aber muß hervorgehoben werden, daß auch gerade das Judentum an der Bahre dieses wundervollen Menschen trauert. Einige unschöne Züge moderner Juden hat er zwar in seiner Romanreihe „Histoire eontemporaine" mit lächelndem Sarkasmus verspottet, aliein er war ein Kenner und ausgesprochener Freund des Judentums, und es macht seinem Gereehtrjgkeitssinn alle Ehre, daß er Zeit seines Lebens den Antisemitismus auifs schärfste bekämpft hat. Dieser milde, rücksichtsvolle und gütige Mensch war nur gegen den Fanatismus und die Verbohrtheit rücksichtslos. Als sich in den Neunzigerjahren des vorigen Jahrhunderts weite Kreise Frankreichs mit dem antisemitischen iDreyfuß-Skandal schändeten, war er mit Zola einer der ersten Rufer im Streite, und der sonst so Leidenschaftslose nahm leidenschaftlich für den zu Unrecht Verfolgten Partei. — Als die Pogrome in Rußland so viele unschuldige Todesopfer forderten, rüttelte er das Gewissen der KuiturmenscMieit wach, indem er einen flammenden Protest gegen diese Verbrechen, erließ. Die ihm einst übergeben« Summe des Nobelpreises stiftete er für die hilflosen Kinder der Pogromopfer. — In seinen Jugendermnerungen „La vie en fleur" erzählt er einiges von seiner Freundschaft mit bedeutenden Juden und verurteilt in schärfster Weise den geistlosen Antisemitismus. Seine Feinde halben ihn perhorresziert, und die Congregation Sancti Officii hat ihn — ebenso wie Was den Vorwurf der Koketterie anbetrifft, so sehen wir in dem Bestreben, zu gefallen, kein Verbrechen, wenn es im schicklichen Rahmen bleibt. Und es bleibt bei Juden, insbesondere bei religiösen Juden, erfahrungsgemäß in diesem Rahmen! Denn wo ist weibliche Sittsamkeit und Keuschheit häufiger anzutreffen als bei den Juden, die ihre Religion beobachten? Ist die Jüdin arbeitsscheu? Wahrlich, ein bloßer Rundgang bei einer Anzahl aufs Geratewohl gewählter jüdischer Familien würde selbst den Voreingenommensten rasch vom Gegenteile überzeugen. Wir finden die Jüdin im Haushalte, im Geschäfte, im Büro usw. tätig und niemand, der sie hier bei der Arbeit sieht, wird behaupten können, daß sie da im Eifer, ihre Pflicht zu erfüllen, der Frau eines anderen Volkes nachstünde. Tatsache ist nur, daß die Jüdin infolge ihrer intellektuellen! Fähigkeiten oft höherwertige Arbeit verrichtet und deswegen die groben und primitiven Leistungen! des Haushaltes und dergleichen fremden Hilfskräften ü b e r 1 a s s e n muß, worauf die irrige Meinung von ihrer Unlust zur körperlichen Arbeit zurückzuführen sein mag. Anmaßend und protzenhaft ist die Jüdin aus frommem Hause niemals. Im jüdischen: Haus aus echtem Schrot und Korn wird die Tochter zur Bescheidenheit erzogen und wird! ihr eingeschärft, alles zu vermeiden, was irgendwie Anstoß erregen könnte. Der aufreizend zur Schau getragene Reichtum ist direkt u n j ü d i s c h. i Und wenn es schließlich auch Jüdinnen gibt, die frivol und zynisch sind, so sind dies nur solche bedauerliche Ausnahmen, die mit der jüdischen Weltanschauung und Lebensauffassung gebrochen haben. Dasselbe gilt auch von den genußsüchtigen Jüdinnen, die überall, wo es ein Vergnügen gibt, anwesend sein und nach Art der Snobs alles Neue mitgemacht haben müssen. Sie ahmen nur dasjenige äffisch nach, was sie von manchen Töchtern der Völker, unter denen sie leben, sehen. Wir bilden uns beileibe nicht ein, daß wir Juden lauter Tugendbolde und unsere Schwestern durchwegs Engel sind, aber wir wollen mit Entschiedenheit festgestellt haben, daß, wenn manche Jüdin Fehler hat, dies nicht darum der Fall ist, w e i 1 sie Jüdin, sondern trotzdem sie Jüdin ist. E*S>% •••rÄ^Jfc^fcVlSCS?*?'* <^ l :