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Die Wahrheit · 1924-10-31 · Heft 44 (31.10.1924) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 44 (31.10.1924)
Date
1924-10-31
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 44 Demnach, die Judenschaft nimmt offenkundig nur eine Sonderstellung im Hinblick der Religionsgemeinschaft ein, und zwar in früheren Zeiten als geduldeter, seit dem XLII. Gesetzartikel vom Jahre 1895 aber als rezipierte Religionsgemeinschaft. Diese ihre Religionsgemeinschaft ist konservativer Natur, welche infolge ihrer uralten Gesetze und Bräuche nicht nur ihre religiösen Gefühle, sondern in vieler Hinsicht sogar das Privatleben und die soziale Gesinnungsart der Gläubigen derart beeinträchtigt, daß, wenn von Juden die Rede ist, jeder gemeiniglich und ausschließlich eine Person von jüdischem Glaubensbekenntnis darunter verstehen wird, aber keineswegs und niemals Nationalität oder eigene Gesellschaftsklasse. Das Wort „Jude" nämlich dient in seiner allgemein akzeptierten Bedeutung als Bezeichnung des mosaischen Glaubens und der dieser Religionsgemeinschaft angehörigen Bekenner und beinhaltet gar keinen anders gearteten Begriff. Wer also von Juden schreibt oder spricht, dessen Worte können in der allgemeinen Auffassung nur auf solche Personen bezogen werden, welche Bekenner des mosaischen Glaubens sind, die also laut unseren Gesetzen zur jüdischen Religionsgemeinschaft gehören. Demgemäß sind unter der Bezeichnung „Jude44 ausschließlich Personen von jüdischem Glauben zu verstehen und folgerichtig kann auch unter dem Sammelbegriff „Judenschaft" nichts anderes verstanden werden als — ohne Rücksicht auf Beruf und Nationalität — im allgemeinen daie Gemeinsamkeit jener Gläubigen, welche diie jüdische Religionssekte bilden und somit auch die Religionsgemeinschaft selbst. Aus all dem folgt, daß, wer gegen die Judenschaft als Menschengemeinschaft vom Gesichtspunkte der patriotischen Gesinnung und Unbescholtenheit im allgemeinen aufreizt, in Wirklichkeit gegen die israelitische Glaubensgemeinschaft die Aufreizung begeht, weil, wer ein Mitglied irgend einer Religionsgemeinschaft in solcher Allgemeinheit an dem Pranger stellt, die Religionssekte selbst angreift. Das Zweitgericht hat also geirrt, als es den Angeklagten mangels einer sträflichen Handlung freigesprochen hat. Demzufolge mußte sein Urteil annuliert und das richtige Urteil der ersten Instanz restituiert werden." Das Urteil der ung. Kurie darf man wohl mit Befriedigung zur Kenntnis nehmen, aber die ungarischen Gesetzgeber mögen nun bedenken, daß das Urteil nicht nur Lehel Kädär, sondern' auch den ungarischen Numerus clausus richtet. Das wird aber wohl nur frommer Wunsch bleiben. Denn die ungarische Justiz! Nur ein Beispiel: Der „Abend" meldet aus Budapest, daß der radikalantisemitische Abgeordnete Ulain während der Debatte über den Freispruch der Csongrader Mörder durch das Gericht in Szokiok erklärt hat, die Mehrheit der ungarischen Richter ist im Verein der Erwachenden Magyaren organisiert; 'diese Richter seien durch einen Schwur gebunden, die Prinzipien des Vereins zu verteidigen. Der Numerus clausus aber hat die ungarische Judenheit als Rasse im Gesetze statuiert. Nach der Entscheidung der Kurie kann der Numerus clausus, da die Judenschaft eine Religionsgemeinschaft darstellt, auf die ungarische Judenschaft nicht mehr bezogen werden. E. F. Anatole France ist tot. Wenn man auch mit Superlativen noch so geizen möchte, — bei d i e s e m Manne, der vor einigen Tagen als Greis von 81 Jahren sanft in die Ewigkeit hinüberschlummerte, lassen sich Superlative beim besten Willen nicht vermeiden! — Er war nun einmal zugleich einer der liebenswertesten Menschen Feuilleton Die Jüdin. Von Wühelm Eckfeld. Viel gelobt und viel gelästert, verherrlicht und anderseits wieder in den Kot gezerrt, teilt die Jüdin im Urteile der Völker das Schicksal ihrer männlichen Glaubensgenossen. Wie ist sie eigentlich? Interessant, überaus klug, von außerordentlicher geistiger Regsamkeit, wißbegierig, ehrgeizig, von sprühendem Witz, von feinstem Takt, pikant und bezaubernd in ihrem Stimmungswechsel, von größtem und innigstem Zartgefühl, stärkster Aufopferungsfähigkeit den Eltern, dem Kinde und dem Manne gegenüber, sagen die einen. Putzsüchtig, kalt berechnend, arbeitsscheu, anmaßend, protzenhaft, frivol, zynisch und genußgierig, behaupten manche besonders gehässige Feinde. Was ist also die Wahrheit? Wir gehören nicht zu denjenigen, die über das Urteil der Gegner verächtlich achselzoickend' hinweggehen, auch dann nicht, wenn dieses, wie in diesem Falle, aus dem Munde voreingenommener Hasser stammt. Wir sind vielmehr) mit dem Dichter der Meinung, daß wir auch aus dem Urteile der Feinde Nutzen ziehen können, denn sagt uns der Freund, was wir können, so lehrt uns 'der Feind durch seinen Tadel, was wir solle n. Lassen wir also unsere diesbezüglichen Lebenserfahrungen Revue passieren und prüfen wir alles völlig unparteiisch. Gehen wir Punkt für Punkt streinig ins Gericht! Vor allem konstatieren wir, daß selbst die Feinde nicht behaupten, daß idie Jüdin dumm, langweilig oder fad wäre. BezügEch ihrer geistigen Ueberlegenheit gegenüber dem Durchschnitt der Frauen anderer Rassen herrscht offenbar allgemein Uebereinstimmung. Sie ist den Feinden sogar allzu kalt berechnend, eine Eigenschaft, die ja auch ein Zeichen ihrer Intelligenz ist. „Sie ist putzsüchtig," hören wir. Nun, die Evastochter muß erst geboren werden, die sich nicht gern schmücken, die nicht gern ein elegantes, schönes Kleid tragen, einen modernen, geschmackvollen Hut aufsetzen möchte.

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