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Die Wahrheit · 1924-10-24 · Heft 43 (24.10.1924) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 43 (24.10.1924)
Date
1924-10-24
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 43 DIE WAHRHEIT An den Geldscheinfälschungen will er sich nicht aus Eigennutz beteiligt haben, sondern um seine, den Laien reichlich phantastisch anmutenden Pläne einer Reform der Gesamtwirtschaft gegen die Ablehnung der Wissenschaftler durchsetzen zu können. Bei den Ermittlungen gegen Wydrinski und Genossen hat Kriminalkommissär von Liebermann festgestellt, daß die Fälscher in der Wohnung Wydrinskis in den Jahren 1919 und 1920 zweimal auch Nachahmungen von Fünfzigmarkscheinen in großer Menge hergestellt haben. Eine dieser Fälschungen fand während der Märzunruhen 1919 statt. Da geschah es, daß eine von den Aufständischen abgeschossene Granate das Dach durchschlug und Wydiinski besinnungslos zu Boden warf. Infolge des Nervenchoks, den er dabei erlitt, hat er sich ein dauerndes Nervenleiden zugezogen, so daß sich auch die Gerichtsärzte mit ihm und seiner geistigen Zurechnungsfähigkeit zu beschäftigen haben werden." Diese Feststellungen gestalten . die Veröffentlichung des Wydrinskischen Machwerkes durch den Westermannschen Verlag zu einem argen Skandal. Dem Spürtalent des Herrn v. Hertzberg gebührt allseitige Anerkennung. Hitler sitzt weiter. Hitler sollte am 1. Oktober aus der Haft entlassen werden, da ihm durch Beschluß des Münchener Landgerichtes die Bewährungsfrist zugesprochen worden war. Auf die Beschwerde der Staatsanwaltschaft entschied aber das Oberste Landesgericht in München, daß die Bewilligung einer Bewährungsfrist sowohl für Hitler als auch für den Mitverurteilten Kriebel auszusetzen sei bis zur hinreichenden Klärung darüber, ob Hitler und Kriebel sich an der Gründung des Frontbanns und an der Fortführung verbotener Verbände beteiligt haben. — Die Gründung des Frontbanns verfolgte selbstverständlich einzig und allein den Zweck der Fortführung der verbotenen Verbände. Nach der letzten Gerichtsentscheidung bleibt also Hitler vorläufig in Haft. Deutscher Buchhandel?! Im „Börsenblatt für den deutschen Buchhandel" ist ein Inserat zweier Hitlerbücher veröffentlicht worden, in dem die Professoren Lenard und Stark erklären, „daß wir in Hitler und seinen Genossen... eben denselben Geist erkennen, den wir bei unserer Arbeit, damit sie tiefgehend und erfolgreich sei, selbst stets gesucht, erstrebt, aus uns hervorgeholt haben... den Geist, den wir in den großen Forschern der Vergangenheit erkannt und verehrt haben, in Galilei, Kepler, Newton, Farady". Es heißt dann weiter: „Man täusche sich nicht darüber, daß arisch-germanisches Blut schon schwer im Schwinden begriffen ist; fremdrassiger Geist arbeitet schon mehr als zweitausend Jahre dahin. Es ist ganz die gleiche Tätigkeit, immer mit demselben asiatischen Volk im Hintergrund, die Christus ans Kreuz, J o rdanus Brunus auf den Scheiterhaufen brachte, Hitler und Ludendorff mit dem Maschinengewehr beschießt und hinter Festungsmauern bringt; der Kampf der Dunkelgeister gegen die Lichtbringer mit dem Streben, diese aus Erdenwirksamkeit auszuscheiden," Es folgt dann ein Angriff auf die Universitäten: „Die Universitäten und ihre Schüler haben versagt, am meisten gerade in den Fächern, die hätten längst trommeln müssen". Und von Hitler als „Trommler" wird das „neue Deutschland" erwartet „zur Ehrenrettung des Lebens auf unserem jetzt von minderwertigem Geist beherrschten Planeten". Die allgemeine Geistesverfassung des als Physiker ausgezeichneten Forschers und Nobelpreisträgers Lenard ist bekannt, man kann also seine für die deutsche Wirtschaft beschämenden Ausführungen nur mit einem bedauernden Achselzucken hinnehmen. Höchst auffallend ist es aber, daß das Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, das Organ des von allen deutschen Verlegern gegründeten und unterhaltenen Deutschen Buchhändler-Börsenvereines, das an der Anzeige aller nicht deutsch-völkisch gerichteten Publikationen eine strenge Zensur übt, an diesem Inserat keinerlei Anstoß genommen hat. Pogrom-Statistik. Die ,Prawda" (offizielles Sowjetorgan) veröffentlichte am 14. September eine Uebersicht der antijüdischen Exzesse, die sich in der Ukraine während des Bürgerkrieges ereignet haben. Die Zahl der von den weißen Armeen verübten Pogrome ist 1235. 70.000 Juden sind dabei umgekommen. 200.000 Kinder sind verwiadist, 500.000 Juden flohen, mehrere hundert Städte und Dörfer sowie von Juden bewohnte Kolonien wurden zugrunde gerichtet, Häuser, Vieh und Wirtschaftsgerät verbrannt. Einzelne Ortschaften zählen nicht weniger als 17 Pogrome. Theater, Kunst u. Literatur | Schalom Asch französisch. Schalom Asch's Schauspiel „Gott der Rache" ist von dem Direktor des Pariser Künstlertheaters „L* Atelier", Herrn Charles Dullin, zur Aufführung angenommen worden und soll noch in diesem Monat aufgeführt werden. Die Uebersetzung ins Französische wurde von Herrn BlumenfeW besorgt. > Der Elena Gottschalk-Verlag G. m. b. H., Berlin, W50, Neue Ansbacherstraße 6, teilt mit: Soeben läßt Mynona seine 30 Grotesken „An t i -Fr eud", von Hans Bellmer illustriert bei uns erscheinen. Rudolf Schlichter gab den „Balladen Jack des Aufschlitzers" von Paul Althaus, mit fünf Kreidezeichnungen. Walther von Hollanders Roman: „Gegen Morgen" die Aufzeichnungen des Mörders Karl Raste, erscheinen soeben. Ein volkstümlicher jüdischer Film. Jede jüdische Gemeinde hat neben den Gedenktagen der Volkstrauer auch Gedenktage, da sie sich der Ereignisse erinnert, welche ihr selbst im Abiauf der Geschichte Trauer und Leid gebracht haben oder da Söhne aus ihrer Mitte als Märtyrer ihr Leben lassen mußten. Diese Geschichten der Trauer sind die volkstümlichsten in der Judenschaft, und es ist ein guter Griff, den ein neuer von dem amerikanischen Regisseur Sydney M. Goldin (Regisseur von „Ost und West") inszenierter Film getan hat, daß er einen solchen volkstümlichen jüdischen Stoff als Sujet nahm. Der Film führt den Titel „Jiskor" (Gedächtnisfeier) und wird im Laufe dieser Woche in Wien zur Aufführung gelangen. Voraussichtlich wird die Uraufführung dieses Kolossal Werkes, im jüdischen Milieu spielend, auch in Paris und London zur gleichen Zeit erfolgen. Die Hauptrollen sind mit den Künstlern der Jiddiisch-anierikanischen Kiinstlergruppe. unter der Direktion. Morris Schwarz besetzt, welche im Sommer im Carl- Theater mit einem außerordentlichen Erfolg gastiert hat. Außerdem wirken noch aus dem Kreise prominenter Wiener Filmdarsteller Oskar B e r e g i und Dagny S e r v a e s mit Wir werden nach der Pressevorführung über diesen Film, der das größte Werk ist, das S. M. Goldin bis jetzt schuf, ausführlich berichten. Bei unseren Brüdern in New-York. Unter diesem Titel beginnen wir in der nächsten Nummer mit einer Aufsatzreihe aus der Feder unseres Mitarbeiters Chain Bloch, der siehie interessanten Wahrnehmungen und Betrachtungen des jüdischen Lebens in Amerika bei uns veröffentlicht. Wir freuen ans. unseren geschätzten Lesern diesen Erstdruck bringen zu können und sind überzeugt, daß sie diese Freude; angesichts des anerkannten journalistischen Rufes des Autors teilen werden. Der „völkische4* Goethe. Max MauTenbrecher, der Hauptschriftleiter der „Deutschen Zeitung", hat in einem Buche nachzuweisen gesucht, daß Goethe durchaus den Völkischen zuzurechnen sei. Aussprüche Goethes, mehr oder minder wahrheitsgetreu wiedergegeben, spielen eine große Rolle im völkischen Schrifttum und in völkischen Versammlungen. Es ist schon oft in dieser Zeitung nachgewiesen worden, daß Goethe seiner ganzen Einstellung nach mit den Völkischen unserer Tage nicht das geringste gemeinsam hat Vielleicht zeigt das auch ein neuentdeckter Ausspruch Goethes, der in einem von dem Berliner Antiquariat Clara Landau gefundenen Stammbuch des französischen Emigranten Auguste Duvau enthalten Ist. Goethe schreibt in dieses Stammbuch unter dem 28. April 1796 das Folgende: „Der gebildete Mensch findet überall em Vaterland oder er schafft sich's." Wollten wir die völkischen Zitiermethoden nachahmen, so müßten wir Goethe fortan als einen „Prediger der Internationale" ansehen. Wer aber diesen Spruch Goethes aus seiner Zeit heraus versteht und wer weiß, an wen er gerichtet ist, wird trotzdem Goethe keinesfalls die „nationale" Gesinnung absprechen wollen. Derjenige, der ein solches Wort prägt, ist jedenfalls nicht der Hakenkreuzschar zuzurechnen. E. J. Gumbel: „Verschwörer", Mallk-Verlag; Gumbel, dieser von den Völkischen verfolgte Deutsche, den ich das Gewissen seines Volkes nennen möchte, liefert uns im Vorliegenden eine wertvolle Geschichte und Soziologie der deutschen nationalsozialistischen Geheimbündelei seit 1918, in der wir die Heldentaten aller uns wohlbekannten Antisemiten und Organisationen aufgezählt finden (Kapp, Ehrhardt, Organisation C. Roßbach, V. V. V., BlücheTbund usw.). Wir wollen dies Buch unseren Nachkommen aufbewahren — als Zeitporträt! —f—n.

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