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Die Wahrheit · 1924-10-24 · Heft 43 (24.10.1924) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 43 (24.10.1924)
Date
1924-10-24
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 10- Nr. 43 Wer hetzt? Diese Frage zu beantworten, überlassen wir einmal Ranz unseren Lesern. Zum Verständnis vorausgeschickt sei nur, daß die Hakenkreuzbubcn immer den Judenblättern vorwerfe}], daß diese die abscheulichste Hetze betreiben. Einer der lautesten Rufer in diesem Streite ist der Salzburger „Grobian'". Dieser beiaßt sich in seiner letzten ..Rundschau" zunächst mit der Finanzwirtschaft Oesterreichs, Da heißt es: .,Während man aber jüdische Verbrecher, wie diese (Castighoni und Gabor Neumann), dann wie die Gauner Brüder Brenner, die Juden Heinrich und Leo Sklarz der Wöllersdorfer Werke, die Juden Schratter, Fränkl, Drucker der Kommerzialbank usw. auf freiem Fuße beläßt, funktionieren unsere Strafbehörden prompt gegenüber viel und viel k I c i n c r e n V e r f e h 1 u n g e n christlicher B a n k- 1 c u t e, wie beispielsweise gegen den früheren Generaldirektor der Nordisch-Oösterreichischen Bank, Wäldes g, den man ohneweiteres einsperrt, gegen den die Jirdenprcsse w och e n 1 a n g eine w ü s t e Hetze betreibt, dessen Verfehlungen sie unverschämt aufbauscht, gegen -den sie nach dietm Staatsanwalt brüllt — während sie tobt und droht, wenn das ohnehin kopfscheu gemachte Gesetz einmal gegen jüdische G e ne r a 1 v e rb r e c h e r zaghaft einzuschreiten wagt. Aber man läßt sie spazieren — und zuletzt überhaupt straflos aussehen, denn sonst ist die — Sanierung gefährdet." Nach dieser famosen Exkursion ins Wirtschaftliche befaßt sich der Sudler mit der neuzeitlichen Literatur, von der der Gute ebensowenig, wie vom früheren Kapitel zu verstehen scheint, und borgt sich den Hugo Bettauer aus. Ueber oder vielmehr gegen ihn schreibt der „Grobian" treu der Parole seines Titels wörtlich: „Möchte sich auch gegen den notorischen Massenmörder von Seelen Bettauer ein Jawurek finden, der besser trifft. Solch ein Pestilenzkerl, der alle Gesetze und Sitten verhöhnt, gehört ausgetilgt." Wer hetzt? Wie sie sich widersprechen. Während der „Grobian" von „viel kleineren Verfehlungen christlicher Bankleute" spricht, schreibt die hakenkreuzlerische „Neue Zeit": „Ein Bankskandal jagt den anderen. Ca s t i g 1 i o n i tritt in den Hintergrund g e gen große betrügerische Machenschaffe n, die in der N o r d i s c h - O e s t e r r e i c h isehen Bank aufgedeckt wurden und »dienen Fäden bis ins Ministerium führen. Bliese Bank zählte die reichsten Kreise des Klerus und der M o n a r c h i s t e n zw Einlegern, d'.e dadurch schwer igeschädigt erscheinen. Eine große Anzahl kleiner Einleger w u r d e u m ihre Ersparnisse betröge n." Natürlich hat die „Neue Zeit" Recht. Aber sie und die von ihr vertretene Bewegung wird sich noch blamieren, falls es nicht schon geschehen,, wenn sie was anderes behauptet als eine gleichgesinnt Zeitschrift. W7ie sali sich ein Leser beider Blätter zu dem eineni Relau machen? Oder genügt es. nur eines von beiden zu beziehen? Wir glauben, daß er, wenn er gar keines liest, auch keinen Schaden erleidet. Der belastete Dawes. Die Dawes-Gesetze, die voin dein Deutschvölkischen bekämpft, jedoch mit Hilfe der Deutschnationalen dann doch im deutschen Reichstag — „Das jüdische Tannenberg" nach Ludendorff — angenommen wurden, wurden von den Hakenkreuzlern mit allen Mitteln lächerlich gemacht. Vornehmlich glaubte die Weimarer Zeitung „Der Völkische" etwas ganz besonderes bieten zu müssen. An Hand von drei Photographien machte das Blatt seinen Lesern die erschreckliche Mitteilung, daß Herr Dawes zwar uiur Halbjude, dafür aber seine Frau .Jüdin — „ein echter Negertyp", wie es erläuternd heißt — und des Herrn Dawes Schwiegersohn ein rasseechter Jude sei. Der „Völkische" hat sich mit dieser umstürzenden Entdeckung sicherlich ein großes Verdienst um die völkische Bewegung erworben. Mildernde Umstände: geistige Unfähigkeit. Der wiederholt vorbestrafte Georg 0 u i n d e I aus Hannover stand wieder einmal vor den Schranken des Gerichtes. In seinem Blatt „Der Sturm" hatte er einen Artikel „Der Judengott Jahwe" veröffentlicht. Dieser Artikel strotzte von groben Gotteslästerungen. In der Verhandlung zeigte Quindel m e r k w ü r d i g e theologische Anschauungen. Während es bisher bei allen, auch den Antisemiten, anerkannt war, daß der Grundglaubenssatz des Judentums der „Glaube an einen einig einzigen Gott" ist, erfand Quindel plötzlich zwei Götter, und zwar konstruierte er noch einen Jahwe II, dem er alle möglichen schlechten Eigenschaften andichtete. Er erklärte, man müsse Gott, den alle Welt verehrt, vor Verwechslungen mit diesem Jahwe II, der nur in gewissen jüdischen Kreisen verehrt würde, schützen. Das Sachverständigen-Gutachten des Herrn Rabbiner Doktor F r e u n d legte diese „Beweisführung" Quindels in ihrer ganzen Schamlosigkeit bloß. Quindel hatte sich noch einen gewissen Professor Bischoff aus Leipzig verschrieben, dessen Sachverständigengutachten durch keinerlei Sachkenntnis getrübt war. Soviel verstand er aber doch, daß er Quindel die Fähigkeiten absprach, logisch und sachlich zu denken. Das Gericht erachtete eine grobe Gotteslästerung für vorliegend und erkannte auf 150 Mark Geldstrafe au Stelle einer verwirkten Gefängnisstrafe von zwei Wochen, in dem es als mildernd ansah, daß Quindel wohl eine Meiis;e Bücher gelesen hätte, a b er n i c h t die geistigen Fähigkeiten besäße, sie zu verd a u e n und deshalb zu seinen abstrusen Ideen gekommen wäre. „Der Entdecker des Paradieses" ein — Falschmünzer! Es hat allseitig das größte Erstaunen hervorgerufen, daß ein Verlag, wie der von Georg Westermann in Braunschweig, der sich bisher des größten Ansehens erfreuen durfte, sich dazu hergeben konnte, ein so unsinniges, blödes und vom übelsten Judenhaß triefendes Machwerk wie das Buch von Franz v. W e n d r i n „Die Entdeckung des P a r adiese s" herauszugeben, das an anderer Stelle der heutigen Nummer gebührend gekennzeichnet wird. Der Unsinn, der darin verzapft wurde, indem der Verfasser sich u. a. allen Ernstes darum bemühte, den „historischen" Nachweis dafür zu erbringen, daß Mecklenburg der Sitz des Paradieses gewesen sei — eine Behauptung übrigens, die ihm schon Fritz Reuter in seiner humorvollen, nur leider unvollendet gebliebenen f „Urgeschichte von ^ecklenborg'' vorweggenommen hatte — erschien selbst rechtsstehenden' "Blättern^ wie der „Deutschen Zeitung" so blödsinnig, daß sie auf das entschiedenste von ihm abrückten. Ein Mitarbeiter der letzgenannten Zeitung, der bekannte ehem. Kgl. Landrat v. Hertzberg hat sich der Mühe unterzogen, nachzuforschen, wer denn dieser Franz v. Wendrin eigentlich sei, und er ist zu der Feststellung gekommen, daß dieser Name nur ein Deckname ist, hinter dem sich ein Herr Franz W y d r i n s k i verbirgt, der in Berlin O, Holzmarktstraße 48 a. wohnt. Bei weiteren Nachforschungen hat Herr v. .Hertzberg einen Artikel der „Voss. Ztg." vom 15. September 1921 entdeckt, in dem unter der Spitzmarke „Der Philosoph als Falschmünzer" folgende erbaulichen Dinge über Herrn Franz Wydrinski alias v. Wendrin mitgeteilt worden sind: „Aushebung einer Tausendmarkschein- Werkstatt. Seit einem halben Jahr sind besonders in Berlin falsche Tausendmarkscheine in den Verkehr gebracht .... Die Hersteller und Verbreiter sind jetzt von der Reichsbank-Falschgeldabteilung ermittelt und festgenommen worden. Es sind der Lithograph Erwin Pophal, dessen Bruder der Photograph Bruno Pophal, und ein Schriftsteller Franz Wyd r i n s k i, der in der Holzmarktstraße 48 a wohnte und in seiner Wohnung auch die Fälscherwerkstatt eingerichtet hatte. Wydrinski ist eine nicht uninteressante Persönlichkeit. Lithograph von Beruf, endeckte er in jungen Jahren bei Hemmental, Schweiz, einen Schieferbruch . . . Der Lithograph wurde später Schriftsteller und Erfinder eines Stenographie-Systems, das nach ihm dos Wydrinskische heißt. Er nennt sich jetzt „Philosoph" und hat Weihnachten 1920 eine Broschüre über die Systematik aller Begriffe und die Entdeckung der Kategorien als Lösung aller philosophischen Probleme herausgegeben... Kleider-, Pelzeu. Gummimäntel-Fabrik Zentrale: Detailverkauf: Wien II., Glocken gasse 24 Wien II., Taborstraße 44 JAC. MAY

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