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Die Wahrheit · 1924-10-24 · Heft 43 (24.10.1924) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 43 (24.10.1924)
Date
1924-10-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 43 DIE WAHRHEIT Seite 7 Kaufmannschaft und Bürgerschaft vielfältigen Nachteil und Schaden." A'ber weder dieser Konkurrenzkampf noch die von Haß erfüllten Predigten der Geistlichkeit, so namentlich zuletzt die des Bischofs von Wiener-Neustadt, Leop. Kollonitsch („Jage weg •diese Magd"), hätten den bestehenden Status erschüttern können, wenn nicht ein starkes psychologisches Moment den Ausschlag gegeben hätte. Der bereits verstorbene geniale Professor Dr. David K a u f man n versuchte in seinem lichtvoll geschriebenen Buche: „Die letzte Vertreibung der Juden aus Wien, die Vorgeschichte (1625 bis 1670) und ihre Opfer" jeden einzelnen Vorgang zu registrieren und zu erforschen. Und doch liegt das Motiv viel tiefer und ist im der Psyche oder noch besser in der Psychose der Masse zu suchen. Auch die agressiven Stimmungen der Völker suchen an dem „Orte des geringeren Widerstandes" in guten wie in schlechten Zeiten sich zu entladen. Am Judentum konnten stets die Siege wie die Niederlagen sich gefahrlos auswirken. Als die Mauren aus ihrem letzten Aufenthaltsorte in Spanien verdrängt werden konnten und ihnen Granada entrissen wurde, entlud sich der Uebenmut der Sieger gegen die Juden und vertrieb sie gänzlich von der iberischen Halbinsel (1492) und als die deutschen, ungarischen und österreichischen Heere vor dem Halbmonde der Türken zurückwichen, da mußten die Juden Wiens den Mißmut der Besiegten erfahren. Wer denkt da nicht an dietalmudische Legende vom irdenen Topfe, der darunter leidet, ob er auf den Stein oder der Stein auf ihn fällt? Der Kampf gegen die Ungläubigen in der Ferne löst den Antrieb aus, an den Ungläubigen in der Nähe die Kraft ohne jede besondere Anstrengung und Gefahr zu erproben. Aus diesem psychischen Zustande der damaligen Zeitverhältnisse, von der Belagerung Wiens durch die Türken nur um 12 Jahre getrennt, ist der schnelle Entschluß des Kaisers Leopold I. zu erklären, die Juden aus dem unteren Werd auszuweisen. Da Bürgermeister und Rat der Stadt Wien sich verpflichteten, die entfallende Steuer von zusammen 14.000 Gulden jährlich der Holkammer aus Eigenem abzuführen, war auch der fiskalische Gesichtspunkt nicht mehr von Bedeutung und das Schicksal der Juden entschieden. Freilich waren die Zeiten humaner geworden. Trotzdem in dem bereits angeführten Memorandum von „Brunnenvergiftung" und „Ermordung von Christenkindern" die Rede war, traute man sich nicht mehr, solche Fälle zu konstruieren. Die Juden wurden einfach mit Erlaß vom 28. Februar 1670 verständigt, daß sie bis zmm 5. Juni desselben Jahres Wien und Niederösterreich zu verlassen hätten, wobei hinzuigefügt wurde, daß „niemand1 den Juden etwas zu Leide tun, sie kränken oder beleidigen dlürfe". Das Hinausziehen der Juden war wohl traurig, aber nicht mehr als katastrophal1 empfunden worden, da sie Gelegenheit fanden, anderswo sich niederzulassen; zudem wirkten die damaligen Zu- und Auswanderungen der Protestanten und Katholiken in Befolgung des Grundsatzes cuius regio, eins religio mildernd aaif die Stimmung der Juden. Liii Zeichen der bereits von humanen Erwägungen erfüllte Zeit, aber auch der edelsten opferbereiten Pietät der Juden war der Vertrag, den Koppel Frankel mit dem Bürgermeister und Rat Wiens zur Erhaltung des Friedhofes in der Rossau abschließen konnte und der später seinen Erben überantwortet wurde. Im Vertrage verpflichtete sich die Stadt Wien gegen eine „Satisfaktion" von 4000 Gulden, „daß besagte Gräber und Steine, wie sie zur Zeit ihres (der Juden) Abzuges gewesen und noch sind, mit einer Planken eingeplankt verbleiben und von uns nicht verändert werden sollen." Die den Juden gehörenden Häuser am unteren Werd wurden von der Stadt um den Betrag" von 100.000 Gulden iiberncinmen. der Stadtteil selber er h i c 11 n a c h d e m Kaiser die Bezeich n u n g L e o p o! d s t a d t. die Hauptsynagoge wurde in eine Kirche umgewandelt; die Juden nahmen wieder den Wanderstab zur Hand und zogen fort. Die Ruhestätte i Ii r e r A h n e n b 1 i e b unversehrt, unverändert als ein bis z u r Stunde erhalten gebliebenes Denkmal jüdischer Elternliebe und E l te r n v e re h r u n gäbe r das G rab derselben, aber auch über das eigene Elend h i n a u s. (Fortsetzung folgt.) Was man uns schreibt Eine Predigt. Am ersten Sukkothtage hat Herr Oberrabbiner Dr. C h a j e s in seiner im Tempel in der Seitenstetten- •gasse gehaltenen Kanzel rede das Problem der rebgiösen Erziehung unserer Jugend zum Gegenstände seiner Predigt gemacht. Er sprach von der Gleichgültigkeit unserer Jugend gegen Religion und Abfall, indem er, zur Loge der Kultusvorsteher hingewendet, mit großem Nachdruck und wörtlich denselben zum Vorwurf machte, daß es ihnen nicht zur Ehre gereiche, wenn bisher auch nicht in einem einzigen Protokolle der parlamentarischen Vorstandssitzungen unserer Kultussfoube auch nur mit einem einzigen Worte die Frage unserer Jugenderziehung erwähnt wird. Auch nach lüü Jahren werde man in den Protokollen des jüdischen Parlamentes unserer Kultusstube kein Wort von der religiösen Erziehung unserer Jugend zu lesen bekommen. Er spracii von der Notwendigkeit der Reform dies jüdischen Religionsunterrichtes, die bei den bevorstehenden Kultuswahlen ais 'Plattform der Kandidaten gar sehr in-s Gewicht zu fallen haben werde. Es ist nicht meine Autgabe, die Ehre des derzejtigen Kultusvorstandes hier besonders zu retten. Dies mag er selbst besorgen; was einen früheren anbelangt, muß aber doch gesagt werden, daß der Herr Oberrabbiner die Sitzungsprotokolle zumindest einer genauen Prüfung und Würdigung zu unterziehen unterlassen hat. Im September 1911 hat das damalige Mitglied des Wiener israelitischen Kultusvorstandes, der seither verstorbene Doktor Maximilian Steiner, ein Manu von tiefstem historischen und philosophischen Wissen in seiner ganz ausgezeichneten, bei Waitzuer erschienenen Druckschrift: „Vorschläge betreffend eine Reform des jüdischen Religionsunterrichtes, erstattet an den Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgemeinde" diese seine Vorschläge in vielfachen hierüber stattgehabten Sitzungen auch vertreten. Es wurden über diese Vorschläge Enqueten einberufen und Kommissionen eingesetzt, wovon jedenfalls die betreffenden Sitzumgsprotokolle heute noch reichlich Zeugnis geben. Herr Überrabbiner Dr. Chaies. der sich in jeder seiner gottesdienstlieben Ausführungen mit Vorliebe als Historiker bezeichnet, hat vorliegend einen historischen Fehler begangen. Ihm sei die Schrift des seligen Dr. Steiner besonders warm empfohlen, weil die alles das. was dem Herrn Dr. einlies am Herzen liegt, schon von dreizehn Jahren mit solch eindringlicher Schärfe und mit solcher Ueberzeugungskraft vorgebracht hat, daß, wenn Herr Überrabbiner Dr. Chaies diese Schrift gekannt hätte, er mir auf dieselbe zu verweisen brauchte und Rat und Lehre sich aus derselben heute noch holen könnte. — Secher zadik liwruchinh! Ein langjähriger Tempelbesucher. I tt^xzfr^t'i1

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