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Die Wahrheit · 1924-10-24 · Heft 43 (24.10.1924) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 43 (24.10.1924)
Date
1924-10-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Dm WAHRHEIT Nr. 43 sagte: „Schämt euch doch. Chelmer, die Witwe eures größten Wohltäters darben zu lassen. Kamt doch wenigstens warme Schuhe für die Frau und ihre Kinder!" Die Chelmer nahmen sich das zu Herzen, kamen zusammen und berieten. Der Mann hat keinen Sinn fürs Höhere, beschlossen sie, Stiefel rät er uns zu kaufen. Nein, wir wollen so handeln, wie es einer großen Gemeinde würdig ist. Alles, was sie verloren hat, wollen wir der Frau ersetzen. Aber, da wir am Ende doch eine arme Gemeinde sind, wollen wir ihr dieses Jahr das Brillantendiadem kaufen, nächstes Jahr das Perlenkollier, dann den Pelz, schließlich werden wir zu den warmen Stiefeln gelangen. Gesagt, getan. Der geschickteste Mann der Stadt brachte aus Wien ein herrliches Briilantendiadem, und eine Deputation überreichte es der Witwe mit vielen schönen Reden und Versprechungen, daß es so weitergehen werde, bis man zu den Stiefeln gelangt. Sehr befriedigt ob dieses wohlgelungenen guten Werkes begab sich an diesem Abend die ganze Gemeinde zur Ruhe — und war am Ende ganz entrüstet und erstaunt, als man eines Morgens die Witwe und ihre sechs Kinder tot auffand; sie waren vor Hunger und Kälte! gestorben, während das herrliche Briilantendiadem mitten in der ärmlichen Wohnung auf dem Tisch prangte . . . Noch nie stand die Gesamtjudenheit vor so vielem Elend und so tiefer hilfloser Not, wie seit dem Aufhören des Weltkrieges. Kriegswaisen und Witwen, Pogromwaisen und Witwen, Opfer des wirtschaftlichen Niederganges, Opfer der Geldentwertung, Opfer des antisemitischen Boykotts, Opfer des Numerus Clausus. Hunderttausende Staatenloser, die nicht wissen, wo sie hingehören, hunderttausende von Auswanderern, die auf allen Ozeanen heimatlos umherirren, einen rettenden Hafen suchend, lausende beschäftigungsloser Aerzte, Juristen, Lehrer und sonstiger Intellektueller. Die ehemals zahlreichsten und leistungsfähigsten Gemeinschaften Osteuropas (Rußland, der Ukraine, der Krim), die von jeher so viel zu aligemein-jüdischen Zwecken beitrugen, sind total niedergebrochen und können ohne auswärtige Hilfe ihr jämmerliches Alltagsdasein nicht fristen, geschweige denn etwas für die Zukunft aufbauen. Die ehemals so blühenden Gemeinden in Posen, YVesipreußen, Pommern, Oberschlesien sind verödet, in ganz Polen leiden die Juden unter einem nie zuvor dagewesenen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Druck und überdies unter einem inneren Hader und einer Zerrissenheit, die das Schlimmste befürchten läßt. Ueberau" in Europa aber hat man eingesehen, daß eine gründliche Umschichtung der jüdischen Gesellschaft unaufschiebbare Notwendigkeit ist, daß alles daran gesetzt werden muß, um die nächste Generation zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit, zum unmittelbaren Erzeuger von Gütern, also zum Ackerbau und zum besseren Handwerk zu erziehen, das allein vor dem Verdrägtwerden sichert. Die einzige jüdische Gemeinschaft, die aufrecht steht, ist die nordamerikanische, und zu ihr schauen auch die Juden von ganz Europa empor. Aber wir haben beschlossen, eine halbe Milliarde Goldmark unter dem Titel „Keren Hajessod" zusammenzubringen, um in Palästina — nicht etwa Waisenhäuser für die Pogromwaisen, nicht etwa Handwerks- und Gewerbeschulen, Ackerbauschulen oder Musterfarmen zu errichten, oder große Ländereien zu erschließen, wo zahlreiche Scharen von Einwanderern Arbeit und Brot finden könnten, die sie in allen Gegenden der Welt stachen. Davon, daß Palästina große Scharen von Einwanderern aufnehmen könnte, ist überhaupt nicht die Rede, höchstens ein ganz kleiner Teil von denen, die gezwungen sind, ihre alten Wohnsitze zu verlassen, hat Aussicht, dermalen in Palästina Unterkunft zu finden. Aber wir gründen in Palästina zunächst eine Universität, eine Nationalbibliothek, ein Nationalmuseum, ein Nationaltheater, eine Nationaloper, eine Kunstakademie, eine Tanzakademie und eine Singakademie wurde nämlich schon vor Jahren gegründet. Dann müssen wir zum Schluß eine Akademie der Wissenschaften haben. Dann wird uns nichts mehr zur vollkommenen Herrlichkeit fehlen. Dazu brauchen wir eine halbe Milliarde Goldmark. Wir sammeln schon beinahe sechs Jahre, und es wird noch sehr, sehr lange dauern, bis wir das Sümmchen beisammenhaben. Denn unsere fabelhaften Reichtümer existieren nur in der Phantasie der „Weisen von Zion". Aber wenn wir dann alle die aufgezählten Herrlichkeiten besitzen, werden wir mit einem Briilantendiadem auf dem Kopfe umherstolzieren, aber mit nackten Füßen durch den frierenden Schnee waten. Gebt, Juden, soviel man von euch für den Keren Hajessod fordert! Die Hunderttausende von Waisen mögen weiter darben und frieren und in Findelhäusern der Sowjetregierung oder in den Krippen katholischer Klöster barmherzige Aufnahme finden oder über die ganze öde Welt zu barmherzigen Privatleuten gebracht werden. Die heranwachsende Jugend mag wie bisher sich zu den Pforten der Mittelschulen drängen und später von den Universitäten zurückgewiesen werden. Unzählige Waisenhäuser, Blindeninistitute, Taubstimmenanstalten, an deren Aufbau Generationen gearbeitet haben, mögen ruhig nach und nach aus Mangel an Mitteln geschlossen werden, berühmte Lehrhäuser für die Wissenschaft des Judentums mögen einfach eingehen und ihre Lehrer nach jahrzehntelangem geistigen Schaffen sich in die weite Welt verstreuen. Die jüdischen Ackerbaukolonien in Südrußland mögen ruhig verkommen aus Mangel an Saatkorn, Ackerbaugeräten und Zugvieh. Die neugegründeten Handwerkerlehrstätten mögen geschlossen werden. Das alles ficht uns nicht an, wenn wir nur das National Flome in Palästina aufrichten, das wie ein Brillantdiadem über unserem Haupte weithin leuchtet. Was fehlt uns denn sonst noch? . . . Chelm! ... Der ungläubige Thomas. Hauptmoinente aus der Geschichte der Juden in Wien. Von Rabbiner Dr. M. Rosen mann. (Fortsetzung.) Im unteren Werd hatten die Juden ihren Wohnsitz, in der Stadt selber ihren Betrieb. Nicht weniger als 32 „Gewölbe" erwarben sie hier nach und nach und kauften und verkauften in denselben allerlei Ware, namentlich Stoffe, Tücher und Kleider. Dieser Handel brachte sie aber in Konflikt, denn er verursachte, wie es in einem Memorandum hieß, „der

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