Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 43 (24.10.1924)
- Date
- 1924-10-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064071-3064112--13193-3080685- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 43 DIE WAHRHEIT als germanischer Gottkönig mit Hilfe des Gottkönigs, des heiligen Michael, in der Schlacht bei Paradies die Germanen vor dem Untergang gerettet." Für d'as Wort „Gott" gibt Wendrin folgende „wissenschaftliche" Erklärung: Gott liedßt' im Hebräischen „Elohim"; man drehe das Wort um, so hat man „Milohe", das ist Verstümmelung von „Michael", also ist der Gott, der die Menschen, 'ct. i. die Hebräer, aus dem Paradies vertrieb, der deutsche Gottkönig Michael. So sieht es im einstigen Volke der Denker und Dichter heute aus! Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode . . . Nein, es ist nicht mehr nur Antisemitismus, es ist Antisemitismus und Antichristentum, es ist Bösartigkeit und Wahnsinn, es ist niedriger Haß gegen die Menschheit, es ist Verderben und Fäulnis, es ist die emsige Arbeit der Totengräber, die die Kultur ins Grab schaufeln wollen... was sich da im völkischem Lager jetzt abspielt. :l: Neulich suchte ich einmal in Kantschen Schritten, stundenlang, und darnach mußte ich in moderner deutschvölkischer Literatur blättern. Da war mir's, als wäre ich ans dem schönsten Garten mit den wahrsten Herrlichkeiten ganz plötzlich auf einen stinkenden Misthaufen geraten . . . Und wer ehrlich deutsch fühlt, konnte nur mit Wehmut zusehen, wie neulich im Nationaltheater von Weimar, angesichts von Goethe und Schiller, eine Gesellschaft sich ein Stelldichein gab, die die Trägerin ist von all dem blöden völkischen Ungeist, der deutsche Gehirne umnebelt.!; Soll man nun diese Laiute ernst nehmen — oder ist es wirklich nur die völkisch-germanische Narretei? So oder so; der Kampf gegen sie muß von allen vernünftigen Menschen gemeinsam und energisch, geführt werden. Denn auch Narren sind gefährlich. Das Brillantendiadem. Eine Geschichte aus Chelm. Chelm ist bekanntlich eine berühmte, eine sehr berühmte Stadt. Man kennt ihren Namen überall, wo Juden, namentlich polnische Juden wohnen. Wo sie liegt, kann ich euch nicht sagen, denn sie ist auf keiner Landkarte verzeichnet. Aber die polnischen Juden versichern, daß Chelm überall liegt, in jeder Stadt ein wenig. Durch eines zeichnen sich die Bewohner von Chelm besonders aus: Fragt man einen von ihnen: „Woher seid Ihr, lieber Mann?", so antwortet er prompt: „Na, so seid Ihr der Kluge!" Daran kann der freundliche Leser ersehen, daß die Chelmer nicht gerade in dem Rufe besonderer Schlauheit stehen. Dieser Art sind auch die Geschichtchen, die über sie im Umlauf sind. Zu ihrer Entschuldigung pflegt man zu sagen: „Die Chelmer sind gar nicht so dumm, nur — merkwürdigerweise — alle Dummheiten ereignen sich gerade' bei ihnen." Sie besaßen z. B. eine sehr alte, berühmte Synagoge, die schon vor undenklichen Zeiten ihre' viel klügeren Ahnen erbaut hatten, die Synagoge stand seit Jahrhunderten fest gemauert in der Erde, und hatterallen Wettern und Stürmen und Bränden getrotzt und unzähligen Generationen als Schutz und Zufluchtsstätte gedient. Da begannen die Chelmer auf einmal sich zu schämen, daß die Synagoge so alt war und fürchteten, sie könnte eines Tages einstürzen. Sie überzogen also die Wände ringsum mit funkelnagelneuer schimmernder Pappe, es war eine Augenweide zum Anschauen. Bald darauf fing die neue Schutzmauer Feuer und die ganze Synagoge ging in Rauch auf. Die Chelmer beschlossen, eine neue Synagoge zu bauen. Der Steinbruch, aus dem die 0uadern für den Bau geholt wurden, lag an der Spitze eines hohen Berges. Die Chelmer fingen fleißig an, im Schweiße ihres Angesichts die großen schweren Steine zu Tal zu tragen. Als sie den letzten Stein hinuntertrugen, kam gerade ein Fremder vorbei und sprach zu ihnen: „Wäre es nicht klüger gewesen, die Steine den Berg hinab zu rollen anstatt zu tragen?'* „Ei. was für ein scharfsinniger Mann," sprachen die Chelmer; da aber schon alle Steine unten waren, trugen sie sie sämtlich wieder hinauf und rollten sie dann getreulich hinunter. Wie baut man eine Synagoge? Zuerst macht man das Dach, dann das Gebälk, dann errichtet man die Wände und schließlich legt man den Grund. So geht's rascher, und zum Sabbat-Abend war die Synagoge fertig, aber als sich die Chelmer zum Abendgottesdienst versammelten, stürzte die Synagoge ein und begrub die ganze Vesammlung unter ihren Trümmern. Als die Verschütteten hervorgezogen wurden, sagten sie: „Das hat man davon, wenn man zu langsam baut." Sie beschlossen, das nächstemat alle Arbeiten auf einmal anzufangen, damit die Synagoge zu Minchah fertig werde. Der Rabbiner, ihr geistiges Oberhaupt, wurde ohne Kopf hervorgezogen. Die Chelmer konnten sich nicht erinnern, ob er früher einen Kopf gehabt hatte, und während sie darüber berieten, ob sie ihn weiter behalten könnten, kam ein Fremder vorbei, den sie um Rat fragten. Der antwortete: „Behaltet ihn nur weiter, hätte er je einen Kopf gehabt, so wäre er ja nicht bei euch Rabbiner gewesen." Einmal beschlossen die Chelmer, sich einen eigenen Mond anzuschaffen, über den sie mit Beginn eines jeden Monats den Segen sprechen konnten. Wie macht man das? Ein vorüberkommender Fremder riet ihnen, auf dem Marktplatz ein großes Becken voll Wasser aufzustellen, um, sobald sich der Mond am Himmel zeigt, und sich im Bastsin spiegelt, ein Tuch darüber zu werfen, damit der Mond nicht entfliehen kann. Alle diese klugen Streiche endeten ja ziemlich harmlos, aber einmal ereignete sich in Chelm etwas, das einen tragischen Ausgang nahm. Der reichste Mann und größte Wohltäter der Gemeinde, dem sie zum höchsten Dank verpflichtet waren, verstarb plötzlich und hinterließ eine Witwe mit sechs unversorgten Kindern, und es stellte sich heraus, daß er kurz vor dem Tode das ganze Vermögen verloren hatte. Die Hinterbliebenen gerieten in tiefste Not. Zu Lebzeiten des Mannes kam die Frau jeden Sabbat zur Schule mit einem prächtigen Brillantendiadem auf dem Kopfe, einer Perlenschnur um dem Hals, in einen kostbaren Pelz gehüllt. Jetzt verschwand zuerst das Diadem, dann das Perlenkollier usw., bis die Frau schließlich nicht ausgehen konnte, weil ihre Schuhe zerrissen waren. Es nahte ein strenger Winter. Da kam ein Fremder vorbei und