Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 43 (24.10.1924)
- Date
- 1924-10-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 43 DIE WAHRHEIT denen Zielen zustreben und in geschiedenen Lagern unsere politische Gesinnung betätigen, haben nur einen Sammelpunkt, der uns alle als Juden zusammenführt, das Gotteshaus. Für sehr viele ist auch das einzige Band, das sie mit unserer jüdischen Vergangenheit in Berührung hält, der öffentliche Gottesdienst. Schon aus diesen Gründen muß der Besuch des Bethauses gepflegt und in den Vordergrund der Fürsorge für die Erhaltung jüdischen Lebens gestellt werden. Er wird aber nur ermöglicht, wenn schon das jüdische Kind mit den überlieferten, durch die Patina ihres ruhmreichen Alters geweihten Gebeten der Synagoge vertraut wird. Da die wenigen Stunden, die der öffentliche allgemeine Schulbesuch und in vielen Fällen Nachhilfestunden in anderen Fächern für die Ergänzung des öffentlichen Religionsunterrichtes durch die Religionsschule übrig lassen, zur Erlernung der hebräischen Konversation nicht ausreichen, ist, zumal dort, wo das Haus den Religionsunterricht nicht unterstützt, auf Geläufigkeit im Lesen der Gebete, Verständnis ihres Inhaltes und Einübung der liturgischen Melodien der Nachdruck zu legen. Daß Ausflüge in die hebräische Grammatik hierbei unerläßlich sind, liegt auf der Hand. Geschickte Lehrer werden auch reifere Kinder zur Beherrschung des hebräischen Ausdruckes im mündlichen und schriftlichen Verkehr anregen und anleiten können. Niemals aber darf das Ziel verrückt werden, den Schüler mit Siddur und Machsor vertraut zu machen. Diese Vorbereitung für den Gottesdienst soll ihm. zugleich auch, ... die, Grundzüge der jüdischen Religion und Sittenlehre einprägen, die ja im Gebetbuch auf jeder Seite offen zutageliegen, vor allem erzieht sie ihn zum privaten Gebrauch des Gebetbuches, das ihm für das ganze Leben ein treuer Freund, ein milder Tröster, gütiger Mahner und Erwecker sein soll. Neben diese Aufgabe der Religionsschule tritt als zweite die Einführung in die Heilige Schrift. Auch hierbei soll die Rücksicht auf den öffentlichen Gottesdienst iusoferne maßgebend sein, als das Verständnis der Thora als Ideal zu gelten hat. Sonst ist für die Vorlesungen aus der Thora im öffentlichen Gottesdienste schwerlich die wünschenswerte Aufmerksamkeit zu erzielen. Unerläßlich aber ist die Kenntnis der heiligen Schrift in einer der jüdischen Ueberlieferung entsprechenden Uebersetzung. Jeder Engländer und mancher andere Christ kennt seine Bibel, also noch weit mehr als unseren Kanon, auswendig. Warum sollen wir, „das Volk der Schrift", zu unserer Schande gestehen müssen, daß unter uns die wenigsten von dieser Schrift eine nähere Kenntnis besitzen? Besonders markante Stellen in der Sprache des Originals kennen zu lernen, dazu wird es bei rechter Unterrichtsweise den Schüler selbst drängen. Das dritte Gebiet, auf dem unsere Religionsschule heimisch machen soll, ist die j ü d i s c h e G eschichte. So wie die ersten beiden Fächer an den Lehrer nicht gewöhnliche Anforderungen stellen, indem er Gebetbuch und Schriftwort geistanregend und herzerwärmend auszulegen verstehen muß, ist besonders der Unterricht in der jüdischen Geschichte nur demjenigen anzuvertrauen, der selbst von seinem Stoffe tief ergriffen und darum für ihn zu begreifen imstande ist. Was der vorgeschriebene Religionsunterricht in den öffentlichen Schulen nur in knappem Auschnitte zu bieten vermag, soll hier in lebensvoller Breite und Anschaulichkeit geboten werden, die biblischen Gestalten nicht in verzopfter, engbrüstiger Schulfüchsigkeit, nicht in byzantinisch steifer Manier mit dem Glorienschein, sondern von wirklichem Leben durchpulst, wobei das Spezifische des jüdischen Volkseharakters, der jüdischen Psyche, des unentwegbaren jüdischen Gottvertrauens um so machtvoller sich herausarbeiten läßt. Die jüdische Geschichte soll, im Gegensatz zur landläufigen Behandlung der Menschheitsentwicklung, nicht Krieg und Politik in den Vordergrund stellen, sondern die Entfaltung des Geistes, den Fortschritt der Kultur. Was von den Historikern seither im Anhang behandelt wurde, die Stationen friedlicher Arbeit, es gehört in den Vordergrund, die Haupt- und Staatsaktionen, meist Rückfall in Barbarei, in die Schattenseite der Betrachtung. Die Kulturtaten und ziviisatorisclien Leistungen des jüdischen Volkes sowie einzelner seiner Söhne sollen neben der Schilderung der jüdischen Martyrien zu gebührender Geltung kommen. Am wenigsten darf die jüdische Geschichte die Darstellung einer Literatur sein, die dem Schüler nichts sagt. So beklagenswert es ist, daß man in der jüdischen Schule Literaturdenkmäler behandeln muß, deren Sprache dein Schüler nicht geläufig ist, so darf mau diesen Uebelstand nicht noch dadurch verschärfen, daß man ihm Geistesprodukte darbietet, die, einer ihm fremden Zeit und Welt entstammend, ihm nichts fürs Herz geben können. Man denke sich, daß man in der deutschen Literaturstudie scholastische Disputationen vortragen wollte. Statt allen unverdaulichen Unterrichtsstoffen biete man Historisches, Poetisches, Ethisches aus älterer Zeit in den besten Uebersetzungen aus neuester Zeit aber ausgiebig die neuen hebräischen und jiddischen Autoren in Uebertragung, was in deutscher Sprache vorhanden ist (ich nenne nur Riesser, Lazarus, Steinthal, Jcllinek, Herz!, Bloch, Cohen), natürlich im Original. Nicht zum wenigsten muß auch die Liebe zum angestammten Volkstum durch Darstellung des jüdischen Lebens in Haus und Gemeinde in Vergangenheit und Gegenwart in den verschiedenen Ländern gepflegt und der Schüler mit dem Lande unserer Väter und seiner neuesten Entwicklung bekannt gemacht werden. Das ist in großen Zügen der Lehrplan einer Religionsschule, wie wir sie uns denken. Daß sie, um dem inneren Werte das würdige Gewand zu geben, in entsprechenden Räumlichkeiten untergebracht werden muß, versteht sich von selbst. Eine solche Religionsschule, von der Kultusgemeinde ins Leben gerufen, würden, wie der jüdische Elternbund im 2. Bezirk, auch andere ähnliche Vereine in anderen Stadtteilen tatkräftig unterstützen. Man würde den Eifer der Schüler durch Prämien stacheln, die Schüler durch Ausflüge. Freikarten für Theatervorstellungen, Konzerte, Filmvorführungen geeigneten jüdischen Inhaltes zu fesseln suchen. Vorläufig ist mit Bedauern festzustellen, daß man sich von gewisser Seite redlich bemüht, dem genannten jüdischen Elternbunde auf Schritt und Tritt Hindernisse in den Weg zu legen. Wir erhoffen von den kommenden Wahlen eine Remedur auch dieses