Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1924-10-17 · Heft 42 (17.10.1924) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 42 (17.10.1924)
Date
1924-10-17
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064071-3064111--13180-3080671
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIE WAHRHEIT Seite 9 Zfon", „Calles und Dalles", einen Artikel, der von Beschimpfungen des gegenwärtig in Deutschland weilenden mexikanischen Präsidenten Plutako E. Calles strotzt. Der Artikel nimmt Bezug auf das Angebot des Präsidenten Calles, die heimlosen jüdischen Emigranten in Mexiko industriell und landwirtschaftlich anzusiedeln und bringt eine Reihe offenbar erdachter Aussprüche des Präsidenten Calles, wonach der Präsident gesagt haben soll, Juden wären in erster Linie die Träger der sozialistischen Heilslehre, Rußland wäre von den Juden aus den Ketten befreit worden und auch der Aufschwung der Vereinigten Staaten wäre das Verdienst der Bankjuden'. Weiter zitiert die Zeitung einen Brief ihres mexinischen Berichterstatters, in welchem Präsident Calles ein „bolschewistischer Banditengeneral mit einem jüdischen Gefolge von Krummnasen und Plattfüßlern" genannt wird. Der Berichterstatter betont, daß Calles „den Deutschen nichts weniger als wohlgesinnt sei, sondern seinen ganzen Ehrgeiz in guten Beziehungen zu dem internationalen Judentum erblickt, von den New-Yorker Bankjuden über die Berliner Presstjuden zu den Moskauer Mordjuden". Die Zeitung schließt dann ihrerseits: „Die deutschen Behörden aber haben diesen eigenartigen Politiker Calles mit der größten Freundlichkeit empfangen und gefeiert und ihn nach allen Richtungen unterstützt. Sollte wirklich das jüdische Wohlwollen ausschlaggebend in Deutschland sein? Dann würde sich auch das frühere Verhalten zu dem Deutschenfeind Obrogon mühelos erklären." Vom Ghetto In Amsterdam. Im „Berliner Lokalanzeiger" handelte jüngst ein Feuilleton mit dem Motto: „Ein Land der Gemütsruhe" über Amsterdam und verbreitet sich mit folgenden Ausführungen üher das Amsterdamer Juden viertel: Zu den zwar ganz interessanten, aber sonst nicht sehr einladend aussehenden Quartieren Alt-Amsterdams gehört auch das Judcnviertcl. Es ist nicht umfangreich. Wir haben es hier mit dem in Westeuropa wohl einzig dastehenden Fall zu tun. daß die seit Jahrhunderten in Amsterdam ansässigen Juden in ihren kümmerlich engen Häusern und Gassen wohnen bleiben, obwohl sie selbstverständlich in keiner Weise dazu genötigt werden und sie sich zweifellos angenehmere Wohnstätten leisten können. Die Anhänglichkeit an das alte Ghetto beruht zum Teil auf Gewohnheit und Pietät, hat aber auch seine praktischen Gründe, denn seit dem 15. Jahrhundert, der Zeit der Einwanderung der Amsterdamer Juden aus Spanien, Portugal, Deutschland und dem Osten, bilden die Straßen des Juden- . vierteis den Trödelmarkt der kleinen Leute, auch befinden sich in nächster Nähe die Diamantenschleifereien, in denen Tausende von Juden beschäftigt sind. Es geht hier besonders am Sonnabend sehr lebhaft zu, da kommt man kaum vorwärts in den dichten Volksmassen, die sich um den überall ausgebreiteten Kram drängen. Vom pickfeinen, „so gut wie neuen" Kavaliersanzug an bis zur Stecknadel gibt es schlechterdings alles zu kaufen. Der Begriff der Unbrauchbarkeit ist hier offenbar unbekannt. Man glaubt es kaum, was für Unmengen moderner Schundwaren und uralten Plunders sich da breit machen, und daß dieser Plunder, beispielsweise ganze Haufen verrosteter alter Schlüssel, immer noch seine Käufer findet. Aber auch hier geht es bei allem Feilschen und Handeln mit jener beneidenswerten Gemütsruhe zu, die für das Land, wo man noch Zeit hat, charakteristisch ist. _ Der Mord an de Haan. „Sunday Expreß" vom 21. September berichtet aus Jerusalem, daß Mania Schochat, ein prominentes Mitglied der Arbeiterpartei „Achduth Haawodah" in Haft genommen wurde, weil man glaubte, daß sie Aufklärungen über die unbekannten Mörder de Haans zu geben in der Lage ist. Nach einer bei ihr vorgenommenen Hausdurchsuchung sind eine Anzahl Papiere beschlagnahmt worden. Mania Schochat ist eine in der palästinensischen Arbeiterbewegung sehr bekannte Figur. Vor etwa 20 Jahren kam sie (damals, als Mädchen, hieß sie Mania Wilbuszewiez) aus Rußland, wo sie in der Sozialrevolutionären Bewegung eine große Rolle gespielt hat, nach Palästina und gehörte zu den Begründern der Organisation „Haschomer", die sich die Bewachung jüdischen Eigentums gegen Ueberfälle zur Aufgabe stellte. Auf Grund welcher Verdachtsmomente die überraschende Verhaftung erfolgt ist, ist nicht bekannt. Es kann daher noch nicht gesagt werden, ob diese Verhaftung, die sich bald als ein Irrtum erwies, auch nur scheinbar zu rechtfertigen war. Denn einem zweiten Telegramm zufolge wurde Mania Schochat auf die Bürgschaftdes amerikanischen Zi on is te n Dr. M a g n c s. der in Jerusalem wohnt, aus der Haft entlassen. Die Untersuchung wurde nunmehr endgültig eingestellt, denn plötzlich heißt es, es lägen keinerlei Verdachtsgründe vor. Eine pazifistische Tat. Der amerikanische Reformrabbiner Stephan S. Wise hat auf die Aufforderung eines amerikanischen Generals, er möge anläßlich des von der Regierung für den 12. September angesetzten „Verteidigungstages" einen patriotischen Gottesdienst in seiner Synagoge veranstalten, mit einem ablehnenden Briefe geantwortet, aus dem wir folmobilisienmgstag möglich machen wird. Als religiöser und als Religionsdiener kann und will ich an diesem „Verteidigungstag", den ich für eine moralische Katastrophe für die ganze Welt ebenso wie für unser Land halte, keinen Teil haben. . . Weit davon entfernt, dieser Institution meine Billigung zu geben, lehne ich sie vielmehr völlig ab wegen der Verwicklungen, die sie im Inland und Ausland erzeugen muß. ... Sie ist schlecht, weil sie Zweifel wirft auf den Patriotismus unserer Bürger, der sich 1917 und 1918 genügend erwiesen hat. Aber es ist noch etwas viel Schlimmeres. Der Mobilisierungs- und Verteidigungstag muß notwendigerweise die Gedanken der Nation eher auf das Gebiet des Krieges führen, als die Wege ,zum Frieden suchen lassen. Der 12. September scheint mir so wie vielen meiner christlichen Kollegen eine sehr bedauernswerte Geste zu sein, die der Welt zeigt, daß Amerika trotz gewisser mit halbem Herzen gegebener Friedenserklärungen eher an Krieg als au Frieden denkt. Ich glaube nicht, daß dies wahr ist, aber es kann wahr werden, wenn der 12. September und ähnliche Erfindungen dies bewirken. Als Amerikaner bin ich bereit, an jeder Unternehmung teilzunehmen, die einen Demobilisierungstag möglich machen wird. Als religiöser und ethischer Lehrer betrachte ich es als meine Pflicht, nicht jedem unüberlegten Vorschlag eines übereifrigen Kriegsamtes zuzustimmen, sondern zu tun, was ein einzelner Mensch tun kann, um seinen Mitbürgern das oberste Gebot der Stunde zum Be wußtsein zu bringen, und das ist: ernsthaft, wirksam und unaufhörlich die Mächte der Welt für den Frieden zu mobilisieren, was Amerika aus diesem oder jenem Grunde bis jetzt ver^ säumt hat." " " ■■.<■•**? Christliche Makkabim. In einer ausländischen jüdischen Zeitung lesen wir folgende Notiz aus Brünn: Der hiesige .Makkabi" hat christliche Mitglieder aufgenommen, die bei ihrer Aufnahme den Revers unterschrieben, daß sie der jüdischen Nationalität beitreten! — Es handelt sich anscheinend nicht um einen faulen Witz. Anschlag auf eine ungarische Synagoge. In Szentes (Csongrader Komitat), wurden während des J o m- Kippur- Gottesdienstes Steine durch das Fenster in die jüdische Synagoge geworfen. Szentes liegt in der Nähe des durch das Bombenattentat berüchtigten Csongrad und der Anfall erregte unter den Betern, die noch unter dem Eindruck des Bombenprozesses standen. eine Panik. Glücklicherweise wurde niemand verletzt. Die Nachforschung nach den Tätern — es sollen drei Erwachende Studenten sein — wurde eingeleitet. Liegt Szentes räumlich in der Mähe Csongrads, so wird auch wohl die Nachforschung wie die Bestrafung der Verbrecher so wie dort vor sich gehen. Gedenket in Leid und Freud des israelitischen Taubstummeninstituts in Wien HL, Juchgasse 22.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.