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Die Wahrheit · 1924-10-17 · Heft 42 (17.10.1924) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 42 (17.10.1924)
Date
1924-10-17
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Die WAHRHEIT B Wahrheiten vom Tage U Horthys Presse-Attache amüsiert sich. Vor kurzem kam es in einer Bar der Inneren Stadt zu einem aufsehenerregenden Zwischenfall, in dessen Mittelpunkt der Presse-Attache der Wiener ungarischen Gesandtschaft, Alexander Boros, steht. Hen' Boros besuchte in Gesellschaft des Theaterdirektors Siegfried Geyer und des Kammersängers O e s t v i g eine Bar. Bei Begleichung der Zeche kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen ihm und dem Kellner. Herr Boros behauptete, nur fünf Gläser Whisky getrunken zu haben, während der Kellner sieben Gläser rechnete. Diese Meinungsverschiedenheit brachte Boros dazu, daß er zu brüllen begann und, trotzdem er si^h in Gesellschaft eines Juden befand, Ausdrücke wie „Judenbagage" und ähnliche gebrauchte. Die anwesenden Gäste ließen sich das nicht gefallen und nahmen gegen den Vertreter Horthy-Ungarns Stellung. Boros wurde „Horthy-Bandit!" und „Solche Manieren gibt es bei uns nicht!" zugerufen. Plötzlich zog Boros, der offenbar glaubte, in Budapest zu sein, einen Revolver und bedrohte den Barbesitzer. Er wurde entwaffnet und einem Kriminalbeamten übergeben. Appell ungarischer Juden an Amerika. Der Verband der ungarischen Juden in Amerika hat an den republikanischen Kandidaten Präsidenten Coolidge, den demokratischen Kandidaten Senators John W. Davis und an den unabhängigen Kadidaten Senator Robert M. La Follette ein Schreiben gerichtet, in welchem gegen die Behandlung der Juden in Ungarn unter dem Regime des Admirals Horthy protestiert wird. Der Präsident des Verbandes, stellvertretender Oberstaatsanwalt Dr. B u c h 1 e r, richtet an die Präsidentschaftskandidaten die Frage, ob sie sich nach ihrer Wahl bemühen werden, für die radikale Aenderung der in Ungarn herrschenden Verhältnisse zu wirken. Dr. Buchler stellt in dem Schreiben fest, daß der Verband der ungarischen Juden in Amerika sich aus Hunderten von Zweigvereinen sozialen, ge sellschaftlichen und erzieherischen Charakters zusammensetzt und 250.000 Juden umfaßt. Dann heißt es: Hunderttausende ungarischer Juden sind dem finsteren, barbarischen Regime des Admiral Horthy unterworfen. Die ungarische Regierung untergräbt die Existenz der jüdischen Kreditgenossenschaften, obwohl sie selbst auf die Völkerbundanleihe angewiesen ist. Das Joint Distribution Comittee hat bis zum 1. April 1923 den jüdischen Kaufleuten und Handwerkern in Ungarn nur gegen einen starken Widerstand des reaktionären Regimes mit .25,000.000 ungarischer Kronen beistehen können. Ungarn hat keine 'freien Wahlen. Liberale wie Demokraten werden unterdrückt. Armee-Offiziere bilden öffentliche Verbände mit dem Ziel, die Freiheit der jüdischen Wählerschaft zu unterdrücken. Jüdische Studenten sind des Privilegiums beraubt, Hochschulen und Universitäten zu besuchen, da nur drei Prozent der Studierenden Juden sein dürfen. Da nun diese Ausschreitungen eine klare Verletzung der im Trianonvertrag verzeichneten Garantien zum Schutze der Minderheiten bedeuten, fragen die ungarischen Juden in den Vereinigten Staaten den Kandidaten für das höchste Amt der' großen Republik an, ob er für den Fall seiner Wahl geneigt sei, auf eine Aenderung der in Ungarn herrschenden Verhältnisse hinzuwirken. Ludendorffs Ehrenlegion. So was gibt es auch. Und zwar ist es die zweifelhafte Institution der „Deutschen Ehrenlegion". Deren Ordensrat verleiht die „Deutsche Ehren-Denkmünze des Weltkrieges". Interessant ist dabei die Tätigkeit des Geschäftsführers dieses Ordensrates, eines Hauptmannes a. D. Hering. Wir lesen nun in der „Vossischen Zeitung" in einem Bericht über eine Gerichtsverhandlung in Memmingen: „Hering betreibt seit 1921 die Ausgabe einer .Deutschen Ehren- Denkmünze für den Weltkrieg', die im Auftrage des Verbandes nationalgesinnter Soldaten herausgegeben wurde. Während des Hitler-Prozesses übermittelte Hering auch Ludendorff den Orden und ernannte ihn zum JEhremnarschair. Ludendorff hat in einem Antwortschreiben für die Ueberreichung des Ordens gedankt. Den Orden konnte zuletzt jeder für 2.85 Mark beziehen. Dem Angeklagten Hering wird nun zur Last gelegt, daß er die für den Verkauf des Ehrenzeichens eingehenden Beträge zu"einem großen Teil für sich selbst verwendet hat. Hinsichtlich des Betruges wurde Hering schließlich freigesprochen, wegen des Vergehens gegen das Kapitalfluchtgesetz dagegen zu einer Geldstrafe von 1000 Mark und wegen der Abtreibung, zu der er eine Krankenschwester angestiftet hatte, zu vierzehn Tagen Gefängnis verurteilt." So ist dieser Geschäftstüchtige Ehrenlegionär vom Geschick ereilt worden. Ludendorff, der Ehrenmarschall, aber hat einen neuen Beweis seiner Menschenkenntnis und seines politischen Scharfblickes gegeben. Spengler und der deutsche KulturantiseinUismus. Prof. Dr. Erik Nölting (Detmold) hält gegenwärtig in Berlin einen Vortragszyklus über „Nationale Kultur" ab, für den sich in Presse und Gesellschaft ein sehr starkes Interesse kundgibt. In seinem am 16. September abgehaltenen zweiten Vortrag seines Zyklus beschäftigte sich Prof. Nölting mit Oswald Spengler und seiner Theorie vom Untergang des Abendlandes, die er einer vernichtenden Kritik unterzog. Zum Schluß führte Prof. Nölting aus: Das Böseste an der Untergangstheorie sei aber folgendes: Wenn man, anstatt das Experiment der Sanierung frisch zu wagen, die Krankheitserzeuger wie Bazillen ausfindig macht, und in ihrer Ausrottung die Gesundheit sieht, mit einem Wort: der Kulturantisemitismus, das Vorurteil, daß das Judentum als zersetzender, schmarotzerischer Parasit die Gesundheit der Volkskultur zerfresse. Dagegen spreche, daß die Kultur der Juden im eigenen Lande jeder anderen Kultur gleicher soziologischer Struktur entsprochen habe; kein Herrenvolk und kein Sklavenvolk. Dem kapitalistischen Element sei die Bibel geradezu entgegengesetzt Im Exil der Juden habe die Proletarisierung zwar dieselben Folgen der Häßlichkeit gehabt, wie jede aufgezwungene Qual und Entstellung, aber keineswegs mehr. Die kulturellen Leistungen der Juden zumal seien im Verhältnis zu ihrer Anzahl, die ein Prozent der Bevölkerung ausmache, erstaunlich. Die Ammenmärchen des Kulturantisemitismus .seien eine große Gefahr, nicht zuerst für die Juden, sondern für die deutsche Kultur . . . Der Antisemitismus halte das Lebenauf. Nicht das eine Prozent Juden hindere am Werk, sondern die Suche nach dem Sündenbock. Hier tut Umstellung not. Verrat am. Deutschtum. Die deutschvölkischen Kampfmethoden haben einen Tiefpunkt an Gemeinheit und Erbärmlichkeit erreicht, der wohl nicht mehr unterboten werden kann. Man wird unwillkürlich bei all dem, was man von ihnen zu hören bekommt, an die noch viel zu wenig gewürdigte Streitschrift des vortrefflichen Wilhelm Michel (Michel ist Arier!) „Verrat am Deutschtum" erinnert. Michel schreibt auf Seite 9 und 10: „Im antisemitischen Kampf gegen Stoß und Schlag nicht bloß zwischen Judenhassern und Juden hin und her. Die Gemeinheiten, die nach Tausenden zählen . ., geschehen im Namen des Deutschtums. Mari beruft sich, indem man sich als übelriechender Coyote benimmt, auf deutsches Viesen, •deutschen Geist, deutsches Blut. Man behauptet, echtes Deutschtum zu bewähren, indem man schäbig ist wie eine Kellerassel, ordinär wie ein Strizzi, schamlos wie ein Leichenfledderer, betrügerisch wie ein Wechselfälscher. Der Antisemitismus ist nicht bloß eine Sache zwischen Juden und Judenhasses. Er ist in erster Linie eine Sache zwischen Deutschen und einer Horde von Verrätern aller edlen, geistigen, ritterlichen Ueberlieferungen des Deutschtums, die wir als etwas Verehrungswürdiges in uns tragen. Er ist unser aller Entehrung. Er ist die Schmach, die uns auf Jahrhunderte ans Galgenholz anprangert." Man müßte diese scharfen und erbitterten Worte eines Deutschen, der im Sinne eines Hölderlin sein Deutschtum lebt und vertritt, allen den Verleumdern in das Stammbuch schreiben, die unsere Ehre "beschmutzen und gegen besseres Wissen unsere Menschenwürde bezweifeln, die uns Heimat und Vaterland verekeln und das alles im Namen des Deutschtums. Dr. Karl Arnstein und die deutschen Nationalisten. Die deutschen reaktionären Kreise zeigen sich sehr verlegen über die Tatsache, daß der Erbauer des berühmten Amerika- Zeppelins „Z. R. 3", Dr. Karl Arnstein, ein aus Prag stammender Jude sei. Die Berliner „Deutsche Zeitung" läßt sich von ihrem nach Friedrichshafen entsandten Sonderberichterstatter berichten: „Die Leitung der Werft in Friedrichshafen teilte mir mit, daß ein Herr vom Konstruktionsstabe, der dort als 1. Statiker Hervorragendes leistet, in Prag als Sohn eines deutschböhmischen Juden und einer deutschen Katholikin geboren ist, daß sich aber die Leitung der Werft und die Fortführung des Erbes des Grafen Zeppelin in rein deutschen Händen befindet." Antisemitische Beschimpfungen des Präsidenten Calles. Die von Pastor Maurenbrecher redigierte alldeutsche „Deutsche Zeitung" veröffentlicht in ihrer Nummer vom 16. September unter der Ueberschrift „Mexiko, das neue

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