Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 42 (17.10.1924)
- Date
- 1924-10-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Mr. 42 DIE WAHRHEIT Sehe 7 Ludendorft erschien pünktlich am 1. April 1917, abends <3 Uhr, nachdem er sich vergewissert hatte, daß fünf Minuten vorher die Sonne untergegangen war, im Hause des Rabbi. Am Eingang wurde er von der Frau des Oberrabbiners mit den Worten empfangen: „Bornch habo, der Qenerol ist do!" Ludendorff antwortete: „Gott mit Eich und mit der Jiddenschaft in Paulen und in der Welt!" Darauf reichte er der Qattin des Oberrabbiners, einer älteren und rundlichen Dame, die klassische Formen nicht mehr ihr eigen nennen konnte und die sich zu Ehren des Abends mit weißem Häubchen und weißer. Halskrause geschmückt hatte, den Arm und führte sie an den gedeckten Tisch. Rechts neben der Frau des Oberrabbiners saß der General Ludendorff, links der Hausherr, rings herum die zwölfköpfige Kinderschar, nach jüdischem Brauch vor der Mahlzeit mit dem Studium des Talmuds beschäftigt. Erst als der Oberrabbiner in feierlichem Tone wiederholte: „Boruch habo, der Generol ist do!" klappten sie die zerlesenen Talmudbände zusammen. Vor Beendigung des Mahles nahm Ludendorff den Helm vom Kopfe — getreu den Traditionen der Juden in Polen hatte er bedeckten Hauptes das Mahl eingenommen — und ergriff das Wort zu einer kurzen Rede, in der er ausführte, daß er jetzt erst erkannt habe, welche tiefernste Sittlichkeit dem jüdischen Familienleben innewohne und welch grausames Unrecht der Zarismus in Polen an den Juden begangen habe. Was er in seinem „Aufruf an die Jidden in Paulen" versprochen habe, werde er halten. Er sei und bleibe ein rreund der Juden. In Freundschaft und Eintracht sollten fortan die polnischen Juden mit der deutschen Okkupationsbehörde zusammenleben und er werde sich ein Vergnügen daraus machen, den Wünschen der jüdischen Bevölkerung in jeder Weise entgegenzukommen. Er erwarte aber auch von dem Oberrabbiner, daß er seinen Einfluß auf die Juden in Polen geltend machen und ihnen erzählen v/erde, daß er, Ludendorff, die erste Gelegenheit benutzt habe, dem Oberrabbiner in seinem gastlichen Hause die freundschaftlichen Grüße des deutschen Kaisers zu übermitteln. Er bat um Entschuldigung, daß er schon vor dem Tischgebet, zu dem sich die Familie rüstete, da& Haus verlassen müsse, „weil er noch wichtige Besprechungen mit dem Ortskommandanten habe". Ludendorff klopfte dem greisen Rabbi auf die linke Schulter, küßte der Hausfrau, die den General entsetzt an- 'sah, die rechte Hand und verschwand schnell. (Israel. Wochenschrift f. Süddeutschland.) Eingesendet Unerträgliche Unordnung beim Gottesdienst. Offener Brief an den Kultusvorstand. Löblicher Kultusvorstand! Unsere Kultusgemeinde bringt schwere Opfer, um in ihren Bethäusern Ordnung und den Gottesdienst auf der Höhe zu erhalten. Diese Fürsorge ist besonders für die Predigt in Anspruch zu nehmen. Auch während des übrigen Gottesdienstes ist jede Störung zu vermeiden. Wie soll eine Andacht möglich sein, wenn man mitten im Gebete beiseite rücken muß, weil es „dem bösen Nachbarn nicht gefällt", zur rechten Zeit in den Tempel zu kommen und seinen Platz einzunehmen? Das Hin- und Herlaufen, die Unruhe in der Umgebung verhindert jede Sammlung und Konzentrierung. Immerhin läßt ein Gebet sich leichter unterbrechen, als das Anhören eineir. Predigt. Entgeht einem ein Satz, so ist es nicht leicht, dem Gedankengange des Predigers zu folgen. Vor allem wird doch die Predigt nur einmal gehört. Daher auch im Vortragssaal die Vorkehrung, daß Saaldiener dafür sorgen, daß weder der Vortragende noch der Zuhöret durch Zuspätkommende gestört werde. Ja, selbst im Korzertsaal, im Theater, bei Vorführungen, die doch wiederholt werden und Gelegenheit zu nochmaligem Anhören bieten, wird derartigen Störungen mit aller Strenge vorgebeugt. Nur die Predigt ist vogelfrei. Da darf man ein- und ausgehen, in den Gängen lustwandeln, mit den Sitzklappen schlagen, sich von Toiletten und ähnlichen wichtigen Angelegenheiten unterhalten. Nirgends eine Aufsicht, nirgends ein Ordnungsorgan. Der Prediger muß sich minutenlang unterbrechen, die Zuhörer zischen ungehalten, es hilft nichts. Man läßt alles gehen, wie es geht. Es wird sich schon von selbst regeln. Beschwerden bei den lokalen Behörden sind in den Wind gesprochen. Diesen Uebelstand haben am vergangenen Versöhn ungstage die Besucher des großen Leopoidstädter Tempels so peinlich empfunden, daß auf allen Seiten Mißbilligung und Entrüstung laut wurden. Im Mänmerraum waren die Seitengänge sorgsam durch Barrieren vor Unordnung geschützt, gerade der große Mittelgang aber zügelloser Willkür freigegeben. Auf den Frauengalerien wurde, wie noch nie zuvor, jede Aufsicht durch einen geregelten Ovrdnerdienst vermißt. Bedenkt man, daß viele der Tempelsitzinhaber nur an diesem einen Tage dem Gottesdienste beiwohnen, so wird man mit Bedauern gestehen müssen, daß solche Zustände nicht geeignet sind, die Lust zu wecken, das Gotteshaus des öfteren zu besuchen. Aber auch den ständigen Tempelbesuchern wird das Bethaus dadurch verleidet. Hier muß energisch eingegriffen werden. Eine Abstellung dieser Mißwirtschaft bis zum nächsten Versöhnungstage zu verschieben, ist nicht ratsam. Bis übers Jahr ist alles vergessen und das traurige Schauspiel wiederholt sich von neuem. Uebrigens gilt unsere Beschwerde doch nicht allein für den Jörn Kippur, sondern ebenso für die anderen Gottesdienste, besonders an Maskirtagen. Wir wenden uns deshalb an den löblichen Kultusvorstand mit dem Ersuchen, dahin wirken zu wollen, daß der Bethausvorstand durch persönliches Eingreifen für die Aufrechterhaltung der Ordnung sorge. Wenn die bezahlten Organe versagen, sollten im Interesse der heiligen Sache die Herren dieses Vorstandes selbst im Hauptraume wie auf den Frauengalerien die Aufsicht leiten und den bestellten Tempeldienern von Fall zu Fall die entsprechenden Weisungen erteilen. Wir müssen doch endlich unsere öffentlichen Gottesdienste auf die Höhe erheben, die sonst überall als selbstverständlich gilt Welch ein trauriges Zeichen von Disziplinlosigkeit, wenn nicht einmal die geweihte Stätte, der Ort, an dem wir uns Gott besonders nahe fühlen sollen, die Rücksicht findet, die allgemein der Anstand auferlegt! In der Hoffnung, daß der verehrt. Kultusvorstand dieser Beschwerde kurzer Hand Folge geben wird, zeichnet mit vorzüglicher Hochachtung eine große Anzahl von Tempelbesnchern.