Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 42 (17.10.1924)
- Date
- 1924-10-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Nr. 42 geworden. Der einmal entwurzelte Baum kann nur schwer wieder aus demselben Erdreich seine Säfte beziehen. Es gab keinen jüdischen Mittelpunkt und vor allem keine Jüdischen Häuser mehr. S i e wohnten zumeist zur Miete und waren stets der Gefahr ausgesetzt, durch eine plötzliche Kündigung obdachlos zu werden. Wie gering ihre Zahl wegen dieser Verhältnisse war, ist daraus zu ersehen, daß nach einer Feststellung des bekannten Historiographien Oerson Wolf im Jahre 1512 die Anzahl der jüdischen Familien 7, im Jahre 1599 34 betrug. Wo dieses kleine Häuf lern Juden seine Toten bestattete? Bernhard. Wachstein, wohl eine erste Autorität auf diesem Gebiete, erklärt, daß die Juden in Wien bis gegen die Mitte des 16. Jahrhunderts keinen eigenen Friedhof besessen haben dürften und ihre Toten nach den zunächst gelegenen Landgemeinden überführten. Neues Leben erwachte erst, als die Juden, in des Wortes vollster Bedeutung, neuen Boden unter den Füssen gewannen und ihr Zentrum in der Judenstadt jenseits der Schlagbrücke am unteren Werd erhielten. Sie wuchs zusehends. 1625 wurden 14 Häuser von den Fischern erworben, bald noch weitere 15 Häuser abgelöst. Neubauten kamen schnell hinzu, so daß 1660 bereits III jüdische Häuser gezählt wurden, die 1670 auf 132 angewachsen waren. Wer die jetzige Große Sperlgasse, die Große Pfarrgasse, mit der aus der Synagoge entstandenen Leopoldskirche, die Nebenlinien, wie Tandelmarktgasse, Haidgasse, Kleine Pfarrgasse, Kleine Sperlgasse, einen Teil der Großen Schiffgasse sowie einen sehr geringen Teil der Augartenstraße ins Auge faßt, hat ein Bild der Ausdehnung der alten zweiten Judenstadt Wiens, die durch Grenzsteine gegen das übrige Wien abgeschlos- Grenz9tein zwischen der judenstadt und dem Karmelilerkioßter I65G Aus Dr. M. Grunwald „Geschichte der Juden in Wien 1625—1740" sen war. War so die Judenstadt mittels kaiserlichen Erlasses vom 6. Dezember 1624 im unteren Werd errichtet worden, so dürfte der Judenfriedhof am oberen Werd (Rossau) bereits viele Dezennien früher angelegt worden sein. In der Seegasse 9, im weit ausgedehnten Hofgarten des Altersversorgungshauses unserer Gemeinde, befinden sich die Ruhestätten sow;ie Grabsteine jener Generationen, über deren einzelne nur irgendwie in Betracht kommenden Persönlichkeiten Bernhard Wachstein in seinem zweibändigen Monümentalwerke: „Die Inschriften des alten Judenfriedhofes jn Wien", reichen Aufschluß gewährt. Alles, was zu einer Judengemeinde gehört, schoß in die Höhe. Nicht weniger als zwei Synagogen entstanden, Lchrhäuser blühten auf und berühmte.Rabbiner und Gelehrte, darunter Jörn tob Lippman n- Heller, der Verfasser des Werkes: „T o s a f o t Jorato b", verschafften dem Judentum Wiens neuen Glanz, der nicht wenig Stütze in der zunehmenden materiellen Wohlfahrt fand. Aus den vielen Erlässen,"Petitionen, Schiuitzbriefen und kurzen Befehlen läßt sich auf die hohe wirtschaftliche Stellung schließen, welche die Juden in kaum einem halben Jahrhundert errungen haben. Noch in einem umfangreichen Patent vom Jahre 1659 sucht Kaiser Leopold I. die Juden „vor der Stadt Wien, enthalb der Schlagbrugken, im underen Wörth genannt", gegen die Uebergriffe des Magistrates und anderer Behörden in Schutz zu nehmen und sie seines besonderen Wohlwollens zu versichern. Es war nicht billig erkauft worden, und zudem auf nicht lange Zeit. (Fortsetzung folgt.) ßoruch iiabo, der Generol is do! General Ludendorff ist der völkische Führer! Er ist also selbstverständlich Antisemit bis ins Mark hinein. Das hat der General die letzten Jahre her immer und immer wieder nachdrücklich unterstrichen. Im Prozeß in der Infanterieschule erklärte Erich Lindström, er habe sich im Krieg und in der Nachkriegszeit gewissenhaft mit dem jüdischen Weltproblem beschäftigt und die Juden als Fremdkörper im deutschen Volk und als die Kriegsschuldigen erkannt. Daß Ludendorff einmal anders gedacht hat, haben wir seinerzeit mit dem Aufruf nachgewiesen, den er in echt ostjüdischem Jargon an die Juden in Polen erlassen hatte. Der Herr General hat übrigens einmal recht treue Freundschaft mit den Ostjuden gehalten. Das beweist, daß er am 1. April 1917 von dem Oberrabbiner in Warschau eine Einladung bekommen und angenommen hat. Die Einladung war jüdisch abgefaßt und hatte folgenden Wortlaut: „As Sie haben erklärt, Sie sind gekummen zu gaien als Freind zu die Jidden in Paulen, bitte ich Herrn Generol, dem unterzeichneten Oberrabiner Salomon Rachmanes anzutun e Ehre, wie sie is noch nicht dagewesen in der Geschieht der Jidden zu Warschau und zu kimmen zu gain am Schabbes abend zu e Fischgericht mit polnischer Sauce, was wird sein selbst e Genuß für den hochmögenden Herrn Generol.'" Ludendorffs staatsmännischer Blick erkannte sofort, daß es notwendig war, dieser Einladung Folge zu leisten. Wie er es heute ausgezeichnet versteht, in Bayern bayerisch, in Preußen preußisch zu sein, so verstand er es damals, in Polen die Seelen der Jidden zu suchen. Nicht nur, daß er sich bemühte, wie es in dem Aufruf an die Juden in Polen aller Welt klar wurde, die jiddische Sprache zu lernen, so macht er heute in Kriegsbeschuldigungen gegen die Juden. Ludendorff wußte damals, daß er die Juden im Kriege brauchte, und daß ein Oberrabbiner einen gewaltigen Einfluß auf seine Gemeinde hat, und da galt es, diesen für das Okkupationsgebiet auszunutzen. .