Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 42 (17.10.1924)
- Date
- 1924-10-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE WAHRHEIT allen Teilen der Erde ihr Wissen. Das war ei nm a 1. 1 Dann ging es bergab. Das freie Wissen ward verpönt. Es konnte nur der Professor etwas werden, der in abgestempelter preußisch-militärischer „Wissenschaft" machte. Und' sie wollen alle etwas werden. So ward aus Schule und Haus, aus Seminar und Universität der f reie deutsche Geist hin ausgetrieben und engstirniger Ungeist machte sich breit. Und1 es ging immer tiefer bergab. Deutschland ist nicht mehr das Volk der Denker und Dichter. Deutschland,, so scheint'« fast, soll das Volk völkisch-germanischer Schmierfinken werden. Die einstigen deutschen Stätte tiefster und ernstester W issenserf orschung, der Born, aus dem wissenbegehrende Schüler der gesamten Erde schöpften, droht ein stinkender Sumpf zu werden. Der weite, freie Welt- und Menschengeist unserer Denker und Dichter von einst droht verwandelt zu werden in* engstirnig völkischen Ungeist. Der Dummheit allein entspringt es gewiß nicht, was* heutzutage völkische „Schriftsteller", Professorerl und Generale zusammenschreiben. Es sind eben gut bezahlte Gemeinheiten, die da dem deutschen Volke vorgesetzt werden. Und das geschlagene, geistig zerrüttete, in den letzten Jahren von einer Erregung in die andere geworfene deutsche Volk verschlingt gierig diesie völkischen Gemeinheiten — zu seinem Verderben. Da ist zuerst der- Sünden-Dinter. Seine Leichtfertigkeit in persönlicher Hinsicht Isommt in seinem gerichtlich bescheinigten geschlechtlich - unsittlichen Lebenswandel zum Ausdruck.*) Seine Leichtfertigkeit auf politischen Gebiete wirkt sich im schönen Thüiringerland aus. Und von seiner 1 e i c h t s i n n i g e n) s c h r i f tstellerischen Tätigkeit zeugen genügend seine Sünden-Romane. So schreibt er vom Apostel Paulus in seinem Buche „Sünden wider die Liebe": „Er (Paulus) redet, labert und salbadert das Blaue vom Himmel herunter ... Er ist der Typus des Allerweltsjuden, dessen Maul man vergeblich totschlägt." * * * Ein weiterer Held auf dem Gebiete der völkischen Literatur ist der Literaturkritiker Adolf Bartels. Bei ihm tritt die Schreibweisefür Geld recht drastisch in die Erscheinung. So schrieb er einmal im Auftrage und natürlich gegen Bezahlung des Reclamschen Verlags für dessen „Welt-Litieratur" folgende Kritik über Heinrich Heine: „E i n w i r k 1 i c h e r D i c h t e r, wenn auch vor allem ein Virtuose, ist Heinrich Heine, der von allen Dichtern des 19. Jahrhunderts das meiste Aufsehen zu machen verstanden hat und heute als europäische Größe gilt____Auch wer ein scharfer Gegner Heinrich Heines ist, wird zugeben müssen, daß heute kein ernster Deutscher aus Zeit- und anderen G r ünd en um das Studium Heines' h e r u m k o m m t". *) Siehe den Artikel „Dunkle Ehrenmänner" in Nr. 39/40 der „Wahrheit". In einem eigenen, für deutschen Gimpelfang berechneten Buch aber nennt er „Heinrich Heine, diesen jüdischen Dichter, einen vollkommenen Lumpen, einen Seelenverkäufer, giftigen Feind des deutschen Volkes, einen Revolverjournalisten und Z u c h t h a u s k a n d i d a t e n." * * * Aehnliche Zwiespältigkeiten beging auch der . antisemitische Bismarckverherrlicher Bewer. Dieser Mann brachte es fertig, vor dem Kriege dem ehemaligen deutschen Kaiser, Wilhelm IL, fortgesetzt wegen seiner „Judainemspritzungen" zu verhöhnen. Im Kriege aber veröffentlichte Bewer über Wilhelm II. däe„ widerlichsten Verhimmelunigen wegen „seines (Wilhelms) künstlerisch schön aufgebauten Kaiserhauptes" und seines „junggermanischen Typus". Aber nicht nur mit Bismarck und Wilhelm II. hat sich der Judenfresser Bewer beschäftigt, auch religiöse Probleme hat er gewälzt. Und da ist es ihm gelungen, „nachzuweisen", daß Christus bestimmt Germane war und daß der Vater des (unehelichen Mischlings) Jesus aus Reinland - Westfalen stammt. # * * * Die deutschvölkischen Pastoren kommen beinahe in eine ungemütliche Lage. Sie schreien im Chor fortgesetzt immer mit nach dem deutschen Gott und wenn völkische „Gelehrte" den Juidenstämmling Jesus entweder auf eine jeder anständigen Gesinnung Hohn sprechenden Weise „vergermanisieren" wollen oder wenn verführte Gymnasiasten ihn überhaupt ablehnen wollen, um „Wotan Opfer zu bringen" .... dlann möchten dfe völkische Pastoren .wohl verzweifelnd „tfalt!" rufen. Aber: ...an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Auf dem letztem Parteitag dler Völkischen in Weimar bemühte sich ein Professor darum, Goethe für den völkischen Geist zu reklamieren. Widerwärtig geradezu..wenn man im deiitschvölkischen Lager den. Namen Goethe hört. Die ganze innerliche Hohlheit und Verlogenheit der Völkischen kommt auch dabei zum Ausdruck, denn vordem warf man Goethe schon einmal in den großen Pott der Juden und Judengenossen. So schrieb z. B. ein deutschvölkischer Rasse nfanatiiker über Goethe in einem Buche „Das Sanatorium der freien Liebe": „Sieht man nun Goethe an: diese vorquellenden dunkelbraunen Augen, diese an der Spitze gekrümmte Nase, diesen langen Oberlieib mit den kurzen Beinen, welchen selbst ein leicht wehmütiger Zug nicht fehlt, dann haben' wir ganz das Urbild eines Nachkommen Abrahams vor uns. Goethe war Mischling durch das Blut seiner Mutter, und nicht nur in seinem Aeußeren prägte sich seine Abstammung von den alttestarnentarischen Helden ab, sondern auch in seinem ganzen Wesen. Seine glühende Sinnlichkeit und ewige Verliebtheit, seine unsittliche Lebensweise und fragwürdige Ehe, der er erst ganz heimlich die Weihe geben ließ, als Napoleon, der gewiß kein Abstinenzler und Toiigendbold war, sich: eine etwas ironisch bezügliche Frage gestattet hatte, seiin Servilismus gegen Fürsten, der