Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 42 (17.10.1924)
- Date
- 1924-10-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064071-3064111--13174-3080665- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 42 DIE WAHRHEIT Seite 3 und die Menschen das Geben. Sie war die erste der Gebenden! Vielleicht. hatte jener Talmudlehrer die Ansicht vertreten, daß der Ethrog die Frucht des Paradiesesbaumes war, weil der Mensch durch das verlorene Paradies gelernt hat — zu geben. Sinnig wird daraiif hingewiesen, daß der Ethrog in seiner Gestalt und Form dem menschlichen Herzen gleiche. Durch den Ethrog, der dem Herzen gleichet, haben wir Menschen das Paradies verloren, durch das Herz, das gibt, können wir es wieder gewinnen. Wenn in Jerusalem, so wird im Talmud berichtet, das Fest der Hütten vorüber war, so überließ man die Ethrogim nach S u k k o s den Kindern; sie sollten sich der Früchte des Festes erfreuen. Die Stammutter Eva ist auch „Chafwa" die „Sprechende", die Mutter aller Sprechenden. Ihr gleicht iäie israelitische Taubstummenanstalt in Wien, die unglücklichen Menschenkindern die Gabe der Verständigung lehrt, eine Sprache gibt. Sie hat einen ergreifenden Notruf ausgestoßen. Sie ringt um ihre Existenz, um ihren Bestand. Ist das ein Zeichen der Zeit, daß die Hauptstadt ihre Anstalten nicht erhalten kann oder ist bei einem großen Teil derer, die zu geben pflegen, das Verständnis geschwunden, daß die bestehenden Anstalten in erster Linie vor dem Eingehen bewahrt werden müssen? „Ethrogim nach Sukkoth" — dieses Wort gebraucht man dort, wo Gaben oder Dinge kommen, wenn sie keinen Wert mehr haben oder nicht mehr nützlich sein können. Hoffentlich werden die Spenden, die für die Taubstummenanstalt einlaufen, nicht in diesem Sinne „Ethrogim nach Sukkoth" sein! Jeder. Jude ist verpflichtet, für Sukkoth einen Ethrog zu kaufen. Sehr wenige tun dies noch. Darum soll jeder, der gesunde Kinder hat, sich ihrer Fähigkeiten und Fortschritte erfreut, das Geld, das er für den Ethrog nicht ausgelegt hat, als „Ethrogim nach Sukkos", als Spende der notleidenden Anstalt zuweisen. Denn die Ethrogim nach Sukkos gehören ja den Kindern und sie könnten nirgends besser am Platze sein — als bei der Taubstummenanstalt. Dann werden die scheinbar wertlosen Dinge einen praktischen und idealen Zweck erfüllen — Stummen Rede geben! Moses Tod, Nun suchte seine Seele nichts als Gott. Er stieg den Berg hinan, von Kraft durchdrungen Aufrecht entgegen letztem Ziel Ünd von der Last der Jahre unbezwungen. Und als den Gipfel er erreicht, Ein leises Weh will ihn ergreifen. Da lag Kanaan im Soniienglanz — Und seine Augen fernhin schweifen. Und was er für sein Volk ersehnt In vierzig Wanderjahren langen, Dies Land voll Schönheit, Fruchtbarkeit, An ihm die Blicke segnend hangen. Und Moses betet laut: 0 Herr, Erfüllt hat Du, was Du verheißen. Sei gnäd'ger Richter jetzt auch mir. Barmherzig letzten Weg zu weisen. Da starb Mose. Ein Wolkenmeer Sinkt nieder, hält den Leib umfangen. Trägt ihn zum Ort, den Gott erwählt. Den treusten Mann, der heimgegangen. Beate Baumgarten. Volkisch-germanische Narretei? Von Ernst Seifert. Deutschland hat die Goethe und Schiller und Kant und Fichte geboren. Deutschland war einmal das Volk der Denker und Dichter. Am Borne der deutschen Wissenschaft labte sich die gesamte Kulturmenschheit. Aus den geistigen Tiefen deutscher Hochschulen schöpften Studierende aus (Hetman) — trifft selten zu! Der Ataman — der Oberbefehlshaber — sei es der Station oder des Stammes usw. — mußte irgendwelche Schulen als Voraussetzung haben. Der Ataman alier Kosaken war der jeweilige Thronfolger. Wer einem Kosaken-Smot. (Heerschau) beiwohnt, glaubt oft, es handle sich um eine Zirkus- Attraktion! Am Exerzierplatz werden Stangen mit Eisenringen aufgestellt und während des rasenden Galoppierens wirft der Kosak seine Lanze durch den Ring und erhascht sie wieder; oder es wird ein -Fünfkopekenstück in den Sand gescharrt und während des Rittes erwischt er die Münze u. dgl. Die Kosaken sind jahraus, jahrein auf Märschen und wenn sie in eine Stadt kommen, dann heißt es: „Vorsichtig, Tür und Tor schließen!", denn der Kosak übertrumpft im „Eskamotieren" sämtliche russischen Kapazitäten... Es war Sukkot. Mehrere Familien saßen in der Laubhütte und sangen fromme Lieder, aßen und politisierten .... Man sprach davon, wer den schönsten Ethrog (Goldapfel) in der Stadt hat, wer sich in den Halbfeiertagen verloben wird, welcher Melamed (Lehrer) Aussicht auf die feinsten Schüler hat und von ähnlichen aktuellen Sorgen in der Gemeinde . . . Plötzlich vernahm man ein Knistern und Krachen aus dem Laubdache und ehe man sich umsah, krachte es in den dünnen Latten und auf den Tisch fällt ein leibhaftiger Kosak! .... Er schaut sich verdutzt die Gesellschaft an, ist aber um eine Ausrede nicht verlegen: „Könnt Ihr, liebe Jüdlein, mir nicht den Weg nach Wilkowitschki sagen?" Sprach's und verschwand! .... Bald bemerkte man, daß im ersten Stock des angrenzenden Hauses ein Fenster offen stand -und kombinierte, daß der Kosak über die Laubhütte zum Fenster gelangen wollte .... Das Experiment war mißglückt und hat dem Kosaken bloß Tannennadeln unter den Kragen gebracht! Armin Wilkowitsch, Eger.