Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 41 (10.10.1924)
- Date
- 1924-10-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 41 DIE WAHRHEIT Seite 9 Wohltätigkeitssimi der Juden, der sich bei Notleidenden ohne Unterschied der Konfession betätigt. Hierauf fragte der dänische Prinz verwundert: „Majestät, Sie sind doch nicht Philosemit?" Der Kaiser antwortete: „Ja, das bin ich, und warum sollte ich es nicht sein, da sich auch die Päpste der Juden angenommen haben. Ich brauche nicht katholischer zu sein, als der Papst." Wir erinnern uns bei dieser Gelegenheit auch an den bekannten Fall Mortara. Im Jahre 1858 erkrankte das Söhnchen der jüdischen Eltern Mortara, die irgendwo in Italien wohnten. Die christliche Amme, die das Kind sehr liebte, vollzog an ihm die Nottaufe und als das Kind von der Krankheit genesen war, wurde es seinen Eltern weggenommen und in ein Kloster gebracht. Der Fall machte damals ungeheures Aufsehen. Eine ganze Welt wurde in Bewegung gesetzt, damit das jüdische Kind seinen Eltern wiedergegeben werde. Es war vergebens. Interessant ist nun, daß auch Kaiser Franz Joseph sich mit einem eigenhändigen Schreiben an den damaligen Papst um Herausgabe des Kindes wandte, aber es scheint, daß auch damals die weltliche Macht vor den Mauern eines Klosters Halt machen mußte. Das Kind wurde nicht herausgegeben, es wurde katholisch erzogen und aus dem kleinen Knaben Mortara ist dann später ein hoher Prälat oder Kardinal geworden. Daß der strengkatholische Kaiser Franz Joseph sich der jüdischen Eltern angenommen hat, gehört zu den schönen Zügen aus dem Leben dieses Kaisers, der wie selten ein Monarch gerade von den Juden des ehemaligen Oesterreich und Ungarn bis über das Grab hinaus geliebt wird. Und daß der Kaiser die erste Wahl des antisemitischen Bürgermeisters Liieger nicht bestätigen wollte, ist gleichfalls auf seine den Juden freundliche Gesinnung zurückgeführt worden. In einem Memoirenwerk aus dem Leben des Kaisers wird auch erzählt, daß er sich wiederholt lobend über die Juden geäußert hat und daß derjenige, der es gewagt hätte, in seiner Gegenwart über die Juden in dem bekannten antisemitelnden Tone zu sprechen, schlecht weggekommen wäre. Herbert Samuel. Wir gaben in Nummer 38 eine I. T. A.¬ Meldung wieder, wonach angeblich in Jerusalem amtlich verlautbart worden wäre, daß Sir Herbert Samuel weitere fünf Jahre als High Commissioner in Palästina bleibe. Die nunmehr aus Palästina eingetroffenen Zeitungen wissen weder von einer amtlichen Verlautbarung noch selbst von einem Gerücht diesen oder ähnlichen Inhaltes zu berichten. Sie enthalten nur Meldungen über den herzlichen Empfang, der Samuel bei seiner am 3. September erfolgten Rückkehr bereitet worden ist. Die I. T. A. selbst berichtet jetzt im Gegensatz zu ihrer früheren Meldung, daß Samuel den Entschluß gefaßt habe, seine Amtsperiode nicht zu verlängern und im Sommer 1925 sein Amt als High Commissioner von Palästina niederzulegen. Samuel gedenke, ein weiteres Jahr als Privatmann in Palästina zu verbleiben, um sich dort literarischen Arbeiten zu widmen; er wolle ein Buch über Palästina veröffentlichen. Wir glauben, daß auch diese Meldung nur mit Vorsicht entgegenzunehmen ist und daß vielmehr über die weiteren Absichten Samuels noch nichts Definitives vorliegt. Präsident Coolidges Neujahrsbotschaft. Auf ein Ersuchen des Redakteurs von „T he J e w i s Ii Forti ni", Isaac R os e n g a r t e n, hat Präsident C o o 1 i d g e in einem Briefe eine Botschaft an die amerikanischen Juden erlassen. In dem Briefe, der durch Herrn Rosengarten veröffentlicht wurde und in „The Evening Bulletin", Philadelphia, vom 12. August 1924 abgedruckt war, schreibt Präsident Coolidge: „Das jüdische Neujahr, Rosch haschonoh, das in diesem Jahre am Abend des 28. Septembers beginnt, ist einer der bemerkenswertesten Tage im jüdischen Kalender. Auch •für die nichtjüdische Bevölkerung hat es eine besondere Bedeutung. Die Juden dieses Landes werden sich an diesem Tage dankbar des glücklichen Geschickes bewußt, das ihnen unter den amerikanischen Einrichtungen, welche die Gleichberechtigung aller Bürger sichern, zuteil geworden ist. Man kann ihnen gratulieren zu ihrem hervorragenden Geist, mit dem sie sich den Zwecken und Bestrebungen der Landespolitik angepaßt haben. In einem Lande, dessen Gesetze keine bevorzugte Rasse, Gruppe oder Religion kennen, haben sie ihren Weg gemacht, weil sie ihr feines Empfinden für verständnisvolle Mitarbeit zum Wohle der Allgemeinheit bewiesen haben." Die Wahrheitsliebe des „Fridericus". Der „Fridericus" berichtete kürzlich folgenden Vorfall aus Norderney: Im Jahre 1919 habe sich ein jüdischer Badegast in Norderney trotz der Warnungen eines Badeaufsehers häufig zu weit hinaus gewagt und diesem Badeaufseher auf seine gutgemeinten Warnungen hin mit groben Bemerkungen geantwortet. Als der Badegast dann eines Tages vom hohen Seegang abgetrieben wurde, sei er von dem Aufseher gerettet worden, dieser aber beim Rettungsversuch ertrunken. Weder der Gerettete noch sonst ein jüdischer Badegast habe sich darnach um den Ertunkenen bekümmert oder sich an der Beerdigung beteiligt. Für seine Familie habe eine Sammlung den lächerlichen Betrag von 5000 Papiermark ergeben. Dieser Bericht enthält, wie die „C. V.-Zeitung" nach genauer Untersuchung des Tatbestandes feststellen kann, nicht weniger als vier Lügen: 1. der gerettete Badegast war kein Jude; 2. der jüdische Arzt Dr. Forchheimer aus Würzburg hat an dem Ertrunkenen zwei Stunden lang, leider ohne Erfolg, Wiederbelebungsversuche gemacht; 3. an der Beerdigung beteiligte sich eine große Anzahl jüdischer Badegäste; 4. die Sammlung für die Hinterbliebenen, des heldenmütigen Retters ergab nicht 5000, sondern 15.000 Mark und dies waren im Jahre 1919, als sich dieser Vorfall abspielte, etwa 5000 Goldmark. Der jüdische Gemeindebund in Ungarn. Der seit längerer Zeit geplante Zusammenschluß der jüdischen Kultusgemeinden Ungarns zu einem Gemeindebund soll schon in allernächster Zeit zur Tatsache werden. Der Präsident der Budapester Kultusgemeinde, Dr. Alexander L e d e r e r, der Initiator der Idee des Gemeindebundes, ht soeben an die Vorsitzenden der anderen Kultusgemeinden Ungarns ein Schreiben gerichtet, in welchem es heißt: „Nur aus patriotischen Gründen wollten wir, solange die ausländischen Beratungen über die Sanierung Ungarns im Zuge waren, diese nicht durch die Einberufung einer Konferenz der jüdischen Kultusgemeinden stören. Es unterliegt keinem Zweifel, daß im Laufe dieser Tagung alle die bekannten Rechtsverkürzungen und Rechtsverletzungen gegen uns Juden in berechtigt scharfer Weise zur Sprache gekommen wären, was die Sanierungsverhandlungen im Auslande sicherlich ungünstig beeinflußt hätte. Nun ist dieses Hindernis beseitigt und es steht nunmehr der Schaffung des Verbandes der jüdischen Gameinden und der konstituierenden Versammlung desselben nach den Feiertagen nichts mehr im Wege. Die Kultusgemeinden haben meinen Entwurf zustimmend begrüßt und urgieren die Bildung des Gemeindeverbandes." Völkische Pressesitten. Als kurz vor dem Hitler-Putsch die Zeitungsmeldungen aus Thüringen über die Zusammenziehung irregulärer Verbände an der bayerischen Nordgrenze berichteten, verbot das Generalstaatskommissariat den Verkauf von „Berliner Tageblatt", „Frankfurter Zeitung", „Vorwärts". „Vossische Zeitung" für ganz Bayern. Der „Völkische Beobachter" grüßte am Tage vor dem Hitler-Putsch diese Maßnahme mit dem unzweideutigen Zusatz: „Und die Münchner Vertreter der verbotenen Blätter? Was geschieht mit diesen jüdischen Pressebanditen?" Die Münchner Vertreter der vier genannten Blätter stellten daraufhin Beleidigungsklage gegen den verantwortlichen Redakteur des „Völkischen Beobachters", die vor dem Münchner Amtsgericht zur Verhandlung kam und damit endete, daß der Beklagte eine Erklärung abgab, in der es heißt, daß die beleidigende Bemerkung ohne sein Wissen und seinen Willen aufgenommen worden sei, daß dem betreffenden Schriftleiter der Vorwurf der Hetze gegen Bayern nicht gemacht werden könne und daß er den Gebrauch des Ausdruckes „Jüdische Pressebanditen" bedauere. Gedenket in Leid und Freud des israelitischen Taubstummeninstituts in Wien HL, Juchgasse 22.