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Die Wahrheit · 1924-10-10 · Heft 41 (10.10.1924) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 41 (10.10.1924)
Date
1924-10-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 41 SIE WAHRHEIT Seite 7 eigenes Gasthaus, eigene Schulen, ein groß angelegtes Gotteshaus, Badestuben und, wie schon erwähnt, einen Friedhof. Die Judenstadt bildete eine ebenso abgeschlossene Welt, wie die verschiedenartigen Handelsniederkssunigen der Genueser, Venezianer in manchen Städten, und doch bestand zwischen diesen ein gewaltiger Unterschied. Die Juden hatten ihre Achillesferse, sie besaßen einen Punkt, an dem sie angegriffen und vernichtet werden konnten. Das war nicht bloß ihre politische Ohnmacht, sondern vor allem ihre von der Kirche tiefgehaßte Religion. Hier wurden die Hebel angesetzt, um die Juden um Habe, Gut und Leben zu bringen. Professor Krauss verstand es, in seinem Buche „Die Wiener Geserah vom Jahre 1421" plastisch die Motive darzustellen, die zur Katastrophe der Juden führten. Es wurden alle möglichen Vorwände gebraucht, um der Judenstadt ein Ende zu bereiten. Zunächst wurde das Märchen der Hostienschändung in Anwendung gebracht. Im Städtchen Enns (Niederösterreich) soll ein reicher Jude Israel von der Frau des Meßners einige Krümmchen der Hostie gekauft haben, um dieselben dann an die Glaubensgenossen zu verkaufen. Zu dieser legendenhaften Anklage gesellte sich der Vorwurf, daß die Juden angeblich die Hussiten begünstigt hätten. Ueber Befehl des Herzogs Albrecht V. wurden im Mai 1420 alle reichen Juden in den landesfürstlichen Städten und Ortschaften gefangengenommen, während die armen Juden ausgewiesen wurden. Eine ganze Liste von Städten, darunter Krems, Klosterneuburg, Herzogenburg, Lin-z, Ybbs, Steyr, Enns, Wels1, Laa, Mörtersdorf, Hainburg, Zisters'dorf, Marchegg, Vitis, Winkl undj Leubs ist erhalten geblieben; in diesen wurden die Juden auf entsetzliche Weise gemartert. Den Höhepunkt der Verfolgungen sollte aber Wien selber übertreffen. Nachdem viele angesehene Juden, darunter der Vorsteher Rabbi Ahron und der Rabbiner Meinsterl zu Tode gepeinigt wurden, fand ein Autodafe auf der Wiese in Erdberg (heute zum 3. Bezirk gehörend) statt. Dort wurden am 12. März 1421 nicht weniger als 92 Männer und 120 Frauen verbrannt. Die Häuser der Juden wurden verkauft oder verschenkt, die Steine aus dem jüdischen Gotteshause für das Universitätsgebäude verwendet, der Friedhof verwüstet — die Judenstadt hatte zu bestehen aufgehört. (Fortsetzung folgt.) i Reichspräsident Ebert und die Juden. Hamburg, September 1924. Die Zurücksetzung der jüdischen Deutschen bei der Kriegsgedenkfeier am 3. August, wo die' Zuziehung eines Feldrabbiners neben den Geistlichen der beiden christlichen Bekenntnisse von der Reichsregierumg abgelehnt worden ist, hatte unter den deutschen Juden starke Verstimmung hervorgerufen. Verantwortlich für die Regie bei dieser Feier war Dr. J a r r e s, der Reichsminister des Innern, d.er auf dem rechten Flügel der Deutschen Volksparteü (ehemals Nationalliberale) steht. Aus einem durchaus loyalen Schreiben, das Dr. Jarres nachträglich an den Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gerichtet hat, ging klar hervor, daß es sich um einen Regiefehler gehandelt hat, wie er bei der Berliner Regierung schon gang und gäbe war, als es noch ein Kaiserreich gab. Die eiigentlichen Schuldigen sitzen in der U mg e b u n g des Innenministers, und es kann überhaupt keine Rede davon sein, daß Reichspräsident Ebert, dessen stille Größe erst spätere Geschlechter ganz zu würdigen wissen werden, für die Zurücksetzung der jüdischen Krieger verantwortlich sei. Ein zionistisches Wiener Blatt wußte es/ besser. Es schimpfte in seinem Leitartikel vom 11. August auf den „feisten Sattlergehilfen Ebert", der bei der Feier „mit kalten Auigen zur Erde geglotzt habe". Wir Juden, die wir das hier lasen, trauten unseren Augen nicht! Das ist just die Sprache, in der — früher einmal! — der „Miesbacher Anzeiger" vom Präsident des deutschen Reiches zu sprechen wagte. Man muß fast glauben, daß die Wien ^Redaktion, in der solches geschrieben ward, iihre Informationen von der „Roten Fahne" in Berlin beziehe, da man ja eine Intimität zwischen Hakenkreuzlern und Zionisten nicht gut voraussetzen kann. Wir würden von einer einmaligen Entgleisung kein Aufsehen machen,' aber es handelt sich hier offenbar um ein System. An anderer Stelle witzelte das Wiener Blatt über den „redegewaltigen Präsidenten", während1 doch jedes Kind in Deutschland weiß, daß Herr Ebert; im Gegensatz zu seinem gekrönten Vorgänger, noch nie in seiner Amtszeit ein Wort zuviel gesagt hat. Ein Muster kluger und taktvoller Zurückhaltung! Was ist aber Wahrheit? Während der Wiener Zionist aus seiner Feder Gift und Galle gegen einen Demokraten von musterhafter Haltung spritzte, weilte ebenderselbe Mann, der Reichspräsident, in Westfalen, an der Grenze des unbesetzten Gebietes und empfing dort am 10. August - anläßlich der Verfassungsfeier in Münster neben den Vertretern der christlichen Geistlichkeit auch den Rabbiner von Dortmund, der jetzt viel genannten Stadt, den auch als Gelehrten weithin geschätzten Dr. Jakob. Außer dem Reichspräsidenten waren der preußische Innenminister Severins und der Oberpräsident von Westfalen zugegen. Die drei Herren unterhielten sich eingehend mit dem Rabbiner über jüdische Angelegenheiten und gaben ihm für die Zukunft die loyalsten und beruhigendsten Versicherungen. Sozialdemokratische Abgeordnete, die der zionistischen Bewegung nahestehen, waren, als sie auf diese Entgleisungen des Wiener Blattes aufmerksam gemacht wurden, im höchsten Grade bestürzt. Vielleicht setzt sich der Wiener Redakteur mit seinen Gesinnungsgenossen, dem Zionistenführer und sozialdemokratischen Abgeordneten, dem Ministerialrat Dr. Badt (übrigens ein Sohn des verewigten Breslauer jüdischen Gelehrten) ins Benehmen und läßt sich von diesem über Herrn Ebert berichten. Zum Schluße dürfen die deutschen Juden wohl —' frei nach dem Wallensiteiuschen Jäger — dem Herrn Zionisten zurufen: „Herr Bruder, uns ,Assimilanten' mag er schimpfen, den Ebert soll er uns nicht verunglimpfen!" K I u c k o.

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