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Die Wahrheit · 1924-10-10 · Heft 41 (10.10.1924) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 41 (10.10.1924)
Date
1924-10-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seife 6 DIE WAHRHEIT Kr. 41 unter Juden selber dürfte das jüdische Gericht die Entscheidung getroffen haben. Die Juden waren gewissermaßen den damaligen Herzogen unmittelbar, unter Vermeidung jeder magistratischen Intervention, untergeben; sie waren servi camerae — Kammerknechte im guten, aber auch im schlechten Sinn. Eine Fülle von Freiheitsbriefen und Schutzpatenten ist noch aus dem Mittelalter erhalten, welche den deutschen Juden und also auch Wiens von Kaisern, Königen, Herzogen und Fürsten bei jedem Anlaß für teures Geld verliehen worden waren. Sie enthalten viele Rechte, welche den Juden eingeräumt wurden, nur nicht jenes Grundrecht, von welchem die Bibel spricht: „Ein Reicht sei euch und dem Fremden, der in eurer Mitte wohnt." Diese, mit allen ■sogenannten Rechts- und Schutzbriefen ausgestattete Rechtlosigkeit war; das verhängnisvolle Fatum für die Judenheit Deutschlands, namentlich Wiens. Kaiser Friedrich I. Barbarossa räumte in einem 1158 den Herzogen in Oesterreich gegebenen Privilegien diesen das Recht ein, in allen ihren Ländern Juden und öffentliche Geldverleiher halten zu können. Ein Jahrhundert später — 1256 — erließ, das in Wien tagende Konzil der Bischöfe und Prälaten Bestimmungen bezüglich der Juden, darunter drei schwerwiegende, 1. daß die Juden wie früher sich durch ihre Kleidung auszeichnen und einen gehörnten Hut tragen sollten, damit man sie deutlich erkenne, daß sie 2. die Bäder oder die Gasthäuser der Christen nicht besuchen, keine christlichen Dienstboten welcher Art immer halten und zu keinem öffentlichen Amt zugelassen werden dürfen lund daß 3. die Behörden den Juden den Verkehr mit den Christen verbieten sollten. Diese Erlässe von weltlicher und geistlicher Seite beleuchten die Situation, wie sie damals unter den Juden Wiens herrschte. Nicht bloß äußerlich, sonsdern auch seelisch umschloß eine Mauer immer enger und enger die Judenstadt und trennte sie nach und nach von ihrer christlichen Umgeoung. Da damals die Zünfte jedes Gewerbe für sich in Anspruch nahmen, die Landwirtschaft für die Juden unzugänglich war, so blieb ihnen nichts anderes übrig, als der Handel und das Geldverleihen. Es ist eine durchaus rückständige, von vorurteilsvoller Seite in die Volkswirtschaftslehre getragene Auffassung, als ob der Handel der Juden im Mittelalter an und für sich etwas minderwertiges oder schädliches gewesen wäre. Im Gegenteil. Die Juden waren gerade in diesem Zeitalter die Träger des di& Kultur fördernden Verkehrs, standen in scharfer Konkurrenz anfangs mit den italienischen Kaufleuten und später mit den Hanseaten und bildeten nicht selten ein ebenso gerne gesehenes Element in den Gauen und Weilern Deutschlands* wie in der Jetztzeit der Pedlar in den amerikanischen Prärien. Auch die Geldgeschäfte der Juden wirkten befruchtend auf den allgemeinen Betrieb ein und wenn Sombart die Juden als die Begründer des modernen Kapitalismus tief einzuschätzen versucht, so gleicht er wohl Bileam, der auszog, Israel zu fluchen, um es unbeabsichtigt zu segnen. Als Geldverleiher nahmen die Juden selbstverständlich auch Zinsen. Manche judlenfeindlichen Volkswirtschaftler pflegten vor dem Weltkriege gerne darauf hinzuweisen, daß die Juden des Mittelalters viele Prozente jährlich nahmen. Stobbe, der vorurteilslose christliche Verfasser eines bedeutenden Werkes: „Die Juden in Deutschland während des Mittelalters in politischer, sozialer und rechtlicher Beziehung" glaubte die Juden des Mittelalters entschuldigen zu müssen, daß sie sich den Geldgeschäften zuwandten, indem er ausruft: „Können wir es dem Hungernden vorwerfen, wenn er zuviel von der einzigen Speise ißt, welche man ihm darreicht?" Unsere Kriegs- und Nachkriegszeit mit ihrem gewaltigen Risiko für die kreditgewährenden Kapitalisten kann uns einen Maßstab bieten für die Unsicherheit des im Mittelalter verliehenen Kapitals. Die drohenden Verluste mußten notwendigerweise durch einen höheren Zinsfuß wettgemacht werden. Die Juden Wiens waren überaus betriebsam. Sie dürften von diesem Zentrum aus ihre Unternehmungen einerseits bis nach Italien, anderseits bis nach Ungarn ausgedehnt haben. Eine gewisse Wohlhabenheit kam auch in der Judenstadt zum Ausdruck, welche sich den'Luxus zu gönnen vermochte, einen eigenen Judengarten anzulegen. Wie der berühmte Rabbiner und Gelehrte des XIII. Jahrhunderts, nach seinem Werke „Or Sarua" genannt, in einem seiner Rechtsgutachten hervorhebt, hatten die Häuser in Wien damals keine Vorhöfe, sondern alle Höfe be- Hoiansicht des Judenspitals Wipplingerstr. 13, Judenplatz 9.*) fanden sich rückwärts und waren wahrscheinlich auch mit einem kleinen, grünen Plätzchen versehen. Ebenso besaßen die Juden ein eigenes Spital, ein *) Aus Dr. Ignaz Schwarz: „Das Wiener Ghetto", Wien 1909.

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