Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 41 (10.10.1924)
- Date
- 1924-10-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sefte 4 DIE WAHRHEIT Nr. 41 schrift" fast vierzig Jahre lang festhalten. Bloch drückte mir einige Male seine Zufriedenheit aus, daß die umgestaltete Wochenschrift „D i e Wahrheit" sich nach und nach zu einem Kampforgan emporringt und freute sich,!daß seine Wochenschrift eine in seinem Geiste und nach seiner Methode geleitete Nachfolgerin bekommen hat. Bloch hat für das Judentum gelebt und ist für das Judentum auch gestorben. Ein Prozeß, den er im Sommer 1923 gegen die antisemitische „R e i e h s p o s t" einleitete und der, zwar aus riein formellen Gründen, zu seinem Ungunsten ausfiel, war die erste Ursache, das bin ich überzeugt, zu seinem einige Wochen später erfolgten Tode. Ich wohnte der betreffenden, im August 1923 stattigefundenen Gerichte Verhandlung bei! und; sah die tiefe Erschütterung, die der Ausgang des Prozesses in seinem Innern hervorgerufen hat; das Judentum war verleumdet worden und er konnte die Verleumderin, wie gesagt, aus formellen Gründen, zu einer Berichtigung nicht zwingen. Ich! und der junge H i r s c h-f e 1 d von der „Wahrheit" geleiteten ihn aus dem Gerichtssaale in der Schiffaintsgassle nach Hause; sein Gesicht war vor Aufregung feuerrot. Wir trösteten ihn damit, daß die Sache doch nur aus formellen Gründen einen schlechten Ausgang genommen hatte, und daß das Urteil vielleicht im Berufungswege noch gutzumachen sein werde. Am folgenden Tage schien er wohl etwas beruhigter, doch als wir wieder im Gespräche auf den Prozeß. zurückkamen, sagte er vendirossen: „Das ist 'das erstenmal, daß ich einen Prozeß gegen Judenfeinde verloren habe. Das i s t k e i n g u t e si O m e n f ü r m i c h". Wer Bloch gekannt hat^ mußte ihn, selbstverständlich, wenn man gegen ihn kein' Vorurteil hatte, in sein Herz einschließen. Der Mann, der sich im Dienste des Judentums verzehrte und in diesem Dienste rastlos und rückhaltlos gegen sich und die Umgebung war, war im persönlichen Verkehr so ruhig und gelassen, so freundlich und lieb, so ergeben und hilfsbereit, daß es einem in seiner Nähe wohl wurde und sogar in seiner bekannten bitterbösen Satire schwang viel Wärme und Zärtlichkeit mit. Doch die Weit, sie lohnt mit wenig Dank, die jüdische Welt sogar oft mit Undank. Bloch hatte Gegner und Verleumder, die ihm sein ausgebreitetes jüdisches Wissen neidete und ihm daher, wo nur möglich, das Leben zu verbittern suchten.*) Zu ihrer Ehre muß es gesagt werden, daß sie sich, als Bloch aus dem Reiche der Lebenden schied, beeilt haben, dem Toten zu verzeihen, was sie dem Lebenden angetan haben. Die Liebe zu seinem! Volke glühte in ihm und bei Erörterungen über wichtige jüdische Fragen, sah ich oft ein stilles Leuchten auf seinem Angesichte. Er war in' seinem Kampfe gegen die Gegner des Judentums großartig, wie ein er unserer Großen im Mittelalter, gerüstet und er hatte die moralische Kraft, alle ihre falschen Anschuldigungen zunichte zu machen. Und so schritt er durchs Dasein im stolzen Bewußtsein dies Erreichten und mit unversielgMeher Freude am Leben. Er wollte nach dem Heiligen Lande, wo er schon den Winter 1922 bis 1923 verbrachte, übersiedeln, um auf dem Boden der Ahnen seine; letzten Tage zu verwerten und zu besehließen. Doch den wirklichen Führern bleibt das oft versagt. *) Der auf tragische Weise aus dem Leben geschiedene hebräische Dichter I. E. L—i erzählte mir, daß er, als er nach Wien kam, von einem gewissen jüdischen Kreise gewarnt wurde, ja nicht mit .Dr. Bloch in irgendeine Verbindung zu treten. Er hielt, nach all dem, was er über Bloch vernommen hatte, diesen für den schlechtesten Juden. Und er mied ihn, Ein Zufall führte ihn doch einmal mit Bloch zusammen und er überzeugte sich bald, daß er einen dar besten Juden vor sich habe und daß Bloch einem Juden, der jüdisches Wissen hat, treuherzig ergeben ist. Ich las den Abschiedsbrief L—is an Bloch, in welchem der Unglückliche ihm sagte, daß er ihn als einen der besten Menschen gefunden habe. in vielen jüdischen Gemeinden Israels. Loalman J i s r u e 1, „Israel ist nicht verwaist". Die ersten Reformen in den Tempelgesängen hat Italien eingeführt. In Mantua die Familie Salomon R o s s i, Leon dia M o d e n ai mit seiner berühmten Tenorstimme. Die Baaltephillos der alten Zeit hiabeii ihre Gesänge sich selbst verfaßt. Nun hat auch die Neuzeit uns tüchtige Kräfte im Gesänge zugeführt. D e u t s c n 1 a n d, O e s t e r r e i c h und Ungarn voran. In Wien der hervorragende Gesangsmeister Salomon S u 1 z e r, Verfasser des S c h i r Z i o n, welcher auf der ganzen Erdenrunde in den jüdischen Gotteshäusern gesungen wird. Lewa ndowski in Berlin mit dem schönen Werke Kolr i n u und T e f i 11 u, Todo wesi n r ul Die Braunschweiger T e m p e 1 g e s ä n g e von Weintraub mit dem S c h i r b e t h A d o n a i. Naumbourg zu Paris war ein Steirn erster Größe am Horizonte des Gesanges. Wien erfreute sich stets vorzüglicher Kantoren, G o 1 d s t e i n, Gu 11mann. Frie.dmann, Budapest, Kacsmarov in Groß-Kanizsa. Wir wollen auch: gedenken einzelner vorzüglicher Sänger, wie Schorr in Lemberg und Schorr in Wien, David Brody, Go 1 dmark, Vater des Komponisten der „K ö n i g I n von Sab a". Schemaje Chase ni, E i b e n s c h ü t z. Welch' tüchtige Männer des Gesanges, vorzüglich im Fache, hatte Wien zu hören Gelegenheit anläßlich der Probevorträge im Großen Leopoldstädter Tempel von Kantoren verschiedener Gemeinden: Oesterreichs und Ungalrns, und besonders von jenen der verschiedenen Wiener Bezirke. Es wurde Vorzügliches geleistet. Unsere Aufgabe soll jetzt sein, unserer Jugend; die so viele körperkräftigende Vereine gegründet, auch einen Verein für den synagogalen Gottesdienst zu gründen, den Tempelchor zu kräftigen und zu stärken. i Ein Zusammenschluß dieto Väter und Mütter mit der Temtpelbehörde und dem Tempelchor könnte diese schöne Institution schaffen. Unsere jüdischen Frauen werden, wenn dieses Werk gelingt, mit Vorliebe ins Gotteshaus kommen, um den Kmabenchor, wo auch ihre Kinder eingereiht - sind, zu hören, auch wie sie unsere schönen Temipelgesänige erhöhen, und das alte Lied am Sabbath in Esches Chajil: „Trügerisch ist die Anmut, eitel die Schönheit, einiä gottesfürchtige Frau allein verdient Ruhm", wind wieder Wert finden im jüdischen Haus- und Familienleben,