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Die Wahrheit · 1924-09-26 · Heft 39-40 (26.9.1924) · page 33

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 39-40 (26.9.1924)
Date
1924-09-26
Page
– (sequence 33)
Language
German
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Nr. 39/40 DIE WAHRHEIT Seite 31 Katholiken mit Bewunderung erfüllen. Der Abend: war iür unsere Gerneinde ein wahrer Kiddusch Haschern •und wird Ssa der Geschichte unserer. Gemeinde mit goldenen Lettern eingezeichnet sein. Solche Abende sind geeignet, emdälcih. eine Plattform für Versöhnung und eine Atmosphäre des gegenseitigen Verstehend zu schaffen. Die Affäre der Mazzothbäckerei Strum. Am 18. d. M. fand beim Strafbezirksgericht Leopoldstadt die Verhandlung über die Ehrenbeleidigungsklage gegen den Redakteur der vor kurzem eingegangenen Wochenschrift „Die neue Zeit", Döktor Emanuel Hirschhorn, und Herrn Strum wegen der gegen Herrn Rabbiner Mayer söhn und Herrn Vortrefflich erhobenen Vorwürfe statt. Herr Strum. der sich schon bei der ersten Verhandlung krank gemeldet hatte, war nicht erschienen. Der beschuldigte Redakteur erklärte über Befragen des Richters, daß er den Wahrheitsbeweis nicht antreten könne, da die Anschuldigungen grundlos seien, und gab eine umfassende Ehrenerklärung ab. Ueber Intervention des Richters verzichtete die klagende Partei auf die Bestrafung des Dr. Hirschhorn und begnügte sich damit, daß der Beschuldigte verpflichtet würde, sämtliche Prozeßkosten zu tragen und überdies folgende Ehrenerklärung auf seine Kosten •in der „Wiener Morgenzeitung" und in der „Stunde" zu veröffentlichen: „Ich, Dr. Emanuel Hirschhorn, verantwortlicher Redakteur der Zeitung „Die Neue Zeit", erkläre, daß ich die ■iin deani Artikel der genannten Zeitung, Nutnrraer 8. vom 9. .Mai 1. J. unter dem Titel „Oeff entliehe Erklärung" gegen die Herren Israel Vortrefflich, Mazzothfabrikant, und Oberrabbiner Mayersohn gemachten Vorwürfe bedauere, dieselben als haltlos zurückziehe und die genannten Herren um Entschuldigung bitte." Herr Strum wird sich in einer abgesonderten Verhandlung beim Strafbezirksgericht Leopoldstadt zu verantworten haben. Leopoldstädter Tempelverein „Aeschel Awrohom". Der erste Slichothtag hat für obigen Tempehiereln 'eine erhöhte Bedeutung. Es ist dies der Weihetag des schönen Gatteshauses, der heuer zum elftenmal wiederkehrte. Zur ständigen Erinnerung an diesen Tag wurde vom Vorstande 'eine Stiftung geschaffen, aus welcher alljährlich ein würdiges Brautpaar getraut wird. So fand diesmal- Sonnitiag, den 21. d. M., die Trauung desselben, unter Beteiligung des (gesamten Vorstandes mit Obmann Oskar Schr amek an deri Spitze statt. Mit -einer 'herzlichen, der Bedeutung des feierlichen Tages Rechnung tragenden Ansprache leitete Sr. Ehnwürden Rabbiner Dr. S. F u n k den feierlichen Akt ein, welchem sien die Traunug in lerhebenider Weise anschloß. Die kantoralen Funktionen versah Oberkantor J. Müller mit verstärktem Ghor in meisterhafter Weise. St. Pölten. Am 7. d. M. wurde am hiesigen Friedhofe die von der Chewra-Kadischa und der Kultusgemeinde gewidmete Heldengedenktafel im Beisein einer ansehnlichen Anzahl von Kultusmitgliedern in feierlicher Weise enthüllt. In der Zeremonienhalle, wo die Gedenktafel angebracht ist. hielt Herr Kultusvorsteher A. Leicht eine Ansprache, in der er ausführte, diesen jungen Helden sei diese Gedenktafel gewidmet als bleibende Erinnerung für unsere Kinder und Kindeskinder und als ein leuchtendes Beispiel jüdischen Heldenmutes. Die Anregung zur Errichtung dieser Gedenktafel gab Herr Kultusrat Julius K o h n, dem Redner hierfür im Namen der Kultusgemeinde den speziellen Dank ausspreche, wie er auch allen Festgästen für ihr zahlreiches Erscheinen dankte. Er schloß mit der Bitte an die Chewra-Kadischa, die Gedenktafel wie die 16 Kriegsgräber in die Obhut zu übernehmen, worauf Herr Obmannstellvertreter M. Frischmann die Bereitwilligkeit der Chewra-Kadischa aussprach, die jederzeit in würdevoller Weise für die Erhaltung Sorge tragen werde. Hierauf wurde von Herrn Oberkantor B. Z i m m e r s p i t z, begleitet vom Chor, „Schiwisi" in erhebender Weise gesungen. Nun betrat Herr Oberrabbiner Dr. A. Schächter die Estrade und hielt eine inhaltsreiche Gedenkrede unter Zugrundelegung des Prophetenwortes: „Und ich gebe ihnen in meinem Hause und in meinen Mauern Denkmal und Namen, besser als Söhne und Töchter, einen ewigen Namen gebe ich ihnen, der nicht vernichtet wird." Nach einer eindrucksvollen Gedenkrede des Herrn Kultusrates Julius Kohn wurde „El mole rachamim" gesungen, dann sprach Herr Oberrabbiner das Seelenheilgebet und der Obmann der Chewra-Kadischa, W u 1 k a n, das Kadischgebet In der Zeremonienhalle wurde dasselbe nochmals vom Herrn Oberkantor samt Chor mit gewöhnter Meisterschaft gesungen, damit endete diese würdig verlaufene Feier. Jüdische Jugendfürsorge. Seit Jahrhunderten muß die jüdische! Familie gegen äußere umstände schwer um ihren Bestand ringen. Haben in der Zeit des Ghettos die beschränkenden Judengesetze den Erwerb des Juden künstlich eingeschränkt, (die Kinder frühzeitig in die* Fremde getrieben, so ist es heute id&e besonders im Osten zum krassen Ausbruch gekommene. Judennot, vereint mit der tristen allgemeinen europäischen Lage, welche jüdische Familien zerreißt, Kinder verwaisen läßt oder sie vor der völligen geistigen Reife zur Selbständigkeit zwingt. Noch Jahrzehnte wird sich der jüdische Nachwuchs nicht von den traurigen Folgen des Krieges erholen können. Die zahlreichen jüdischen Jugendfürsorgeinstitutionen im Wien waren dem Elend und auch der Verwahrlosung der Kinder in keiner Weise mehr gewachsen, da leider im proportionalen Verhältnis, wie das Elend wuchs, die Vermögenswerte und Einnahmen der Institutionen schwanden. Es gab Zweige der Jugendfürsorge, die überhaupt keine Berücksichtigung fanden. Rund 100 Kinder geraten alljährlich durch eigenes oder durch das Verschulden ihrer Eltern in eine Lage, daß sich das Jugendgericht mit ihnen beschäftigen muß. Für so einen kleinen Dieb oder für das arme, zum Zankapfel der geschiedenen Eltern gewordene. Kind kann oft eine einfache Erziehungsmaßregel die Rettung werden und doch mußten eben diese 'hundert Kinder alljährlich ohne Hilfe bleiben und zur Schande und zum Schaden ihres Volkes heranwachsen. Auch die jüdischen Waisen, welche sich bei privaten Pfiegeparteien befanden, genossen nicht genügenden Schutz.. Sittliche Verwahrlosung und Taufen waren an' der Tagesordnung. Doch auch für Fälle, für die wir zuständige Kompetenzen hatten, konnte vielfach nicht gesorgt werden. Wo sollte ein armes, nicht nach Wien zuständiges Waisenkind untergebracht werden, wenn trusere jüdischen Waisenhäuser, die durchwegs Privatinstitutionen sind, sich nicht in der Lage befanden, ein Kind ohne halbwegs entsprechende Entschädigung aufzunehmen. Was sollte mit all den! kränklichen, unterernährten und in zerrissenen Kleidern herumgehenden Kleinen geschehen, wenn die betreffenden Vereine nur hie und da in der Lage waren, einzelne aus der 'großen Schar zu beiürsorgen. Diese Not, die sich in allen Fürsorgezweigen geltend macht, ließ allmählich, den Willen zur Zentralisierung der jüdischen! Fürsorge erwachen und erstarken, als dessen Exponent die Zentralstelle für jüdische soziale Fürsorge anzusehen ist. Diese Stelle hat die einzelnen Fürsorgevereine zu einem Bekleidungsverbartd!, einem Kurverband, einem Altersfürsorgeverbaind und einem Jugendfürsorgeverband vereinigt Die* „Jüdische Jugendfürsorge" aber ist eine selbständige Schöpfung der Zentralstelle. Erst seit 1. Jänner dieses Jahres besteht dfe „Jüdische Jugendfürsorge", die im Einvernehmen mit dem städtischem Jugendamt und der Wiener Kultiisgemeinde errichtet, im Gebäude der Kultusgemeinde, I., Seitenstettengasse 2, ihren Sitz hat. Ihre Wirksamkeit hat einen ganz bedeutenden Umfang. Sie Sst die offizielle Vertreterin des schutzbedürftiigen jüdischen Kimdes vor allen Behörden, ü^jernimimt vom Jugendgericht die Schutzaufsichten, fuhrt 'die jüdische GeneralvormuMdsobaft und kümmert sich um alle Notstandsfälle, für welche die anderen Institutionen nicht zu sorgen vermögenu Infolgedessen stehen bereits nioht weniger als 4500 jüdische Kinder unter dem Schutze der „Jüdischen Jugendfürsorge", deren vielseitiges Wirken! unmöglich in einem kurzen Aufsätze beschrieben werden kann. Geschulte Fürsorgerinnen sind ständig auf dem Wege, die Familienverhältnisse der Fürsorgebedürftigen zu recherchiexen und die Erziehung von Pflegekindern oder behördlich beanständeten Jugendlichen zu beaufsichtigen; monatliche Unterhaltsbeiträge werden gewährt, Kinder bekleidet, Waisen und Kranke ins den betreffenden Anstalten 'untergebracht. Ein besonderes Verdienst 'der „Jüdischen Jugendfürsorge" ist es, daß heuer weit mehr kränkliche und unterernährte Kinder der Sommererholung teiihaft geworden sind, als in den letzten Jahren. Es wurden nicht nur rund 700 Kinder auf Kosten 'der Jugendfürsorge in Erholungsheimen und Heilanstalten untergebracht, sondern auch fast allen Vereinen, weldie selbständige jüdische Erholungsheime führen, namhafte Subventionen gewährt Noch ist erst ein Teil des Programmes erfüllt, das sich die „Jüdische Jugendfürsorge" gestellt hat. Werden alle in Betracht kommenden Faktoren den Willen zur Einigung in der Fürsorgearbeit zu würdigen verstehen, dann wird es bald keine Zersplitterung, keine doppelte Befürsorgung, keine unbeachtet bleibenden Fälle geben. Das Kind, das immer im Mittdpunkt des Interesses der Judenschaft stand, wird selbst es sein, das durch seine Not diese Entwicklung der jürdEchen Fürsorge bewirkt S. A.

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