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Die Wahrheit · 1924-09-26 · Heft 39-40 (26.9.1924) · page 34

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 39-40 (26.9.1924)
Date
1924-09-26
Page
– (sequence 34)
Language
German
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Seite 32 DIE WAHRHEIT Nr. 39/40 Der Wohltäter. Eine Legende. In einer ungarischen Gemeinde war ein Mann gestorben, der sein Leben lang viel) verdient und wenig für die Armen übrig gehabt hatte. Nun stand er vor Gottes Richterthron, um Einlaß in die Gefilde der Seligen zu erlangen. „Was hast du Gutes getan?" prüft ihn der Cwige. „Einem armen Bettler habe ich einmal zwei Kreuzer gegeben." „Moses!" sagt darauf der liebe Gort, „schau' nach, ob es wahr ist!" Moses schlägt das große Buch auf, in dem alle Wohltaten der Menschen auf Erden verzeichnet sind. „Es ist wahr," sagt er dann. „Was hast du-noch Gutes getan?" fragt der liebe Gott abermals. „Einem anderen Bettler habe ich auch zwei Kreuzer gegeben." Moses bestätigt es. „Und was noch?" forscht der Ewige weiter. „Ein dritter Bettler hat von mir auch zwei Kreuzer bekommen." „Stimmt," sagt Moses. „Und was hast du noch getan?" fragte der liebe Gott wiederum. „Sonst, sonst... gar nichts," heißt es kleinlaut. „Moses," erhebt der Ewige seine Stimme, „gib ihm seine sechs Kreuzer zurück und schick4 ihn zum Teufel." * Eine Verwechslung. Joseph K a i n z erzählte: In Rostock hatte ich den Fiesko zu spielen. Am Vormittag kam ich an, wir jagten das Stück schnell durch eine Verstämdigungsprobe. Der Darsteller des Calcagno, wahrscheinlich ein für den Abend zum Schauspieler erhobener Statist, hat mich im letzten Akt anzusprechen: „Erlauben Sie uns, durchlauchtigster Herzog, Sie im Triumph nach der Sign o r i a zu führen." Nachdem dier Kollege an seinem Text mehrere Male vorbeigestotten hatte, so daß man ihm die Rolle schon abnehmen wollte, versprach er hoch und heilig, den Satz bis zum Abend zu lernen, was ihm auch wenigstens ungefähr gelang. Bei der Aufführung sagte er: ..Erlauben Sie uns, durchlauchtigster Herzog, Sie im Triumph nach der Synagoge zu führen^" * Abgeblitzt. Ein antisemitischer Laienrichter frozzelte gern die Zeugen, dSe sich das eben gefallen lassen müssen. Einmal kam er aber an den Unrechten. Er haltte als Zeugen einen Mann zu vernehmen, der Vorbeter in einem Vereinstempei, Lehrer und: Schochet (Schächter) war. Die Bezeichnung Schochet war den Herrn Laienrichter neu und1 er wendete sie mit furchtbarem Vergnügen fortgesetzt bei der Vernehmung des Mannes an. Als die Vernehmung zu Ende war, fragte der Laienrichter höhnisch: „Sonst haben Sie nichts mehr zu sagen, Herr Schochet?" „Nur noch eins", erwiderte seelenruhig der Z^uge, „Vorbeter bin ich für die Erwachsenen, Lehrer für die Kinder und Schochet für's Rindvieh!" Eine schlagfertige Antwort. In einen Kreis der Ostgebiete kam ein Präfekt, der den Wunsch hatte, einen Rabbiner jener Gegend kennen zu lernen, der bei den hohen Beamten im Ministerium des Innern in Warschau in hohem Ansehen stand. Der Präfekt erteilt einem Beamten! den Auftrag: „Ich bitte, mir für morgen den Rabbiner I. M. zu bestellen." Am selben Abend wird der Präfekt in dringenden Amtsgeschäften telegraphisch nach Warschau berufen. Am anderen Morgen sitzt sein Stellvertreter 'in seinem Arbeitszimmer, als ihm gemeldet wird: „Befehlsgemäß wurde der Rabbi stellig gemacht!" Welcher Rabbi?" „Nun, der Rabbi, den der Präfekt herbeizuschaffen befohlen hat." „Was soll ich jetzt mit ihm anfangen? Ich kenne den Fall gar nicht. Der Präfekt hat mir auch die Akten nicht zurückgelassen!. Es bleibt nichts anderes übrig, als ihn in Haft zu nehmen. Vielleicht kommt der Präfekt schon morgen zurück, da wird sich schon alles aufklären." So wanderte dier Rabbi in den Arrest. Der Präfekt wurde in Warschau länger zurückgehalten und kam auch am zweiten Tag nicht zurück. „Sitzt der Rabbi noch?" — interessiert sich am Abend des zweiten Tages der Vizepräfekt. „Ja, er sitzt und schreit unausgesetzt, er-sei unschuldig." „Da kann man nichts machen. Da der Präfekt einmal den Befehl erließ, ihn in Haft zu nehmen, hatte er wohl seine Gründe dafür. Der Rabbi soll nur weiter sitzen." Am dritten Tag endlich kommt der Präfekt aus Warschau zurück. Seine erste Frage war: „Wollte nicht inzwischen ein Rabbi bei mir vorsprechen?" „Nein, vorsprechen wollte er nicht, aber er sitzt." „Was soll das heißen? Er sitzt?" „JawoM, er sitzt im Arrest." „Wofür denn?" „Das werden Sie, Herr Präfekt, wohl am besten wissen." Die Sache klärt sich bald auf, der Präfekt entschuldigt sich beim Rabbi, dieser nimmt dfe Entschuldigung an und antwortet lächelnd: „Es macht nichts, wenigstens haben wir uns gegenseitig genau kennen gelernt..." Zur Beachtung. Unserer heutigen Auflage liegt ein Zirkular des in Not geratenen „Elisabeth he int es" bei, das wir der Aufmerksamkeit unserer geschätzten Leser empfehlen. Prof. Dfäd Bronner «.Frau entbieten ihren Freunden und Bekannten die herzlichsten Glückwünsche zum neuen Jahre. Wien IX., Liechtensteinstraße 13 c. Die „Jüdische Jugendfürsorge" entbieiet ihren Freunden und Gönnern die herzlichsten Glückwünsche zum neuen Jahre Wien L, Seitenstettengasse 2.

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