Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 39-40 (26.9.1924)
- Date
- 1924-09-26
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 39/40 DIE WAHRHEIT Seite 9 Er ist .wiederholt als Fälscher entlarvt worden, unbekümmert darum brachte er seine Fälschungen von neuem wieder vor. Im Kriege produzierte er sich auch alis Politiker und insbesondere als Vorkämpfer für 'die Vaterlandspartei. Als politischer Schriftsteller verriet er dieselbe stupende Unkenntnis von politischen Dingen und Verhältnissen wie als „Rassenphilosioph" diejenige j von den wissenschaftlichen Diisziplkien und Forschungsmethoden. Als einige Jahre vor dem Kriege Herr Adolf Bartels sein berüchtigtes Buch über Keine erscheinen läßt, durch das er gegen die Errichtung des Heine-Denkmals in Hamburg Stimmung zu machen versuchte, nannte er darin den großen Dichter einen „vollkommenen Lump e n, einen Seelenver.wüs'ter und giftigen Feind des deutschen Volkes, einen bezahlten ReMaanemacher, einen Revolutionsjounialiisten und Zuclit'hauskaodiidaten". Im Jahre 1915 sagte er über Heine (Deutsches Schrifttum): „Einfach das Taktgefühl geböte, gerade jetzt seinen (Heines) Namen in Deutschland nicht in den Mund zu nehmen". Noch im Laufe dies Krieges aber gab er selbst bei Reclam in Leipzig den ersten Band seiner „Weltliteratur" heraus, die auf dem Titel als ein „Führer durch Reciams Üniversal-Bibliothek1' bezeichnet wird und die in Wirklichkeit nichts anderes als eine Reklame für die in diese Bibliothek aufgenommenen Werke darstellt. Da sich unter diesen natürlich auch die Werke Keines befinden, so mußte Herr Bartels als bezahlter R e k lameinächer für Reclam auch diese empfehlen. Der „Heinetöter", wie er sich selbst einmal voll Stolz genannt hatte, unterzog sich also ohne alle Bedenken der Aufgabe, den noch nicht ganz getöteten Dichter wieder lebendig zu machen. Er schreibt auf S. 188 des 1. Bandes seiner „Weltliteratur:": „Ein wirklicher Dichter, wenn auch vor allem ein Virtuose, ist ohne Zweifel Heinrich (Harry) Heine (aus Düsseldorf, 1797—1846), der von allen Dichtern des neunzehnten Jahrhunderts-das meiste Aufsehen zw machen verstanden hat und heute als europäische Größe gilt...'" Nach der Aufzählung der einzelnen Werke mit den Nuinimeni der R.-B. fährt Bartels fort: „Auch wer ein scharfer Gegner Heinrich Heines ist, wird zugeben müssen, daß heute kern ernster Deutscher aus Zeit- und anderen Gründen aim das Studium Heines herum.kommt." Es ist fürwahr ein Schauspiel fürt Götter, wenn man sieht, wie in dem Konflikt, der in der Seele Adolf Barteiis' zwischen dem Heinetöter und dem bezahlten Reklamemacher entbrannt war; der letztere gesiegt und dazu noch jegliches Taktgefühl in dem tapferen Weimarer Helden und Geschäftsantiseiniten ertötet hat. — Bartels war ursprünglich politisch freisinnig und veröffentlichte genau so wie sein späterer Gesinnungsgenosse. Max Bewer in seinem jungen Jahren ein langes Gedicht zum Ruhm des jüdischen Philosophen Spinoza, Alle seine zahlreichen literarischen Werke weisen einen starken antisemitisch-deutschvölkischen Einschlag auf. Der berüchtigte Dr. F r e n e 1 - F r ä n k e 1, ein Individuum jüdischer Herkunft, war dem gefeierten judenfresseriischen Natioflaltoelden Ludendorti nicht zu schlecht, um ihn mit Material für die Rathenau-Hetze zu versehen. Ein edles Brüderpaar, einander vollkommen würdig. Der Verfasser der Schrift „Die große Täuschun g", die bei ihrem Erscheinen im Jadire 1920 so großes Aufsehen erregt bat, Friedrich Delitzsch, war Professor der Assyriologäe an der Berliner Universität und Direktor der vorderasiatischen Abteilung der Berliner Museen. Er war ein Sohn ides großen Theologen und Talmuator scher s Franz Delitzsch and bewies, daß ein Apfel sehr weit von seinem Stamme fallen könne. Die Fachkreise lehnten die Schrift D.s als> unwissenschaftlich entschieden ab. Bezeichnenderweise hat D. in .einer 1921 veranstalteten Neuausgabe dieser Schrift seine aufsehenerregende Behauptung, daß das, was „die weltgeschichtliche Bedeutung der Bibel ausmachte, der M o n o t h e i s m u s" auch in Babylonien zu Hause gewesen sei, nicht w i e d e rholt. Er hat also damit selbst gerade den Punkt preisgegeben, der in dem damals durch ihn entfachten Streit um BaM und Bibel die Hauptrolle gespielt hatte. Eine noch deutlichere Ablehnung erfuhr sein vor 2X* Jahren erschienenes und gegen das Alte Testament gerichtetes antisemitisches Buch',.Die große Tauschung", in der das Alte Testament als ein Produkt geistiger und moralischer Minderwertigkeit hergestellt wurde. Die hervorragendsten Spezialforscher auf altrtestamentlichern Gebiete wandten sich mit der größten Schärfe gegen das Pamphlet. So nannte es der Prof. der kath. Theologie an der Universität Münster Dr. P. Karge einen „brutalen Augriff auf die alttestamentliche Religion, das alttestamentliche Schriftum und das Judentum überhaupt". Der Senior unter den akademischen Vertretern der Wissenschaft Gell. Rat Prof. Dr. Ed. König- Bonn veröffentlichte zwei ausgezeichnete Gegenschriften, die die allseitige Zustimmung aller Fachkreise fanden und in denen die unkritische und unehrliche Methode Delitschs, seine Voreingenommenheit gegen das Judentum uind dessen Religion, die unerhörte Verdrehung der Kulturgeschichte, deren er sich in seiner „Kampfschrift" schuldig gemacht hatte, gebührend an den Pranger gestellt wurden. Sogar die Antisemiten und Deutsch völkischen, die sich zuerst mit Feuereifer auf die Schrift D.s geworfen hatten, um diese für ihre Hetze auszuschlachten, stellten sie bald bei Seite, da sie merkten, daß sie damit keine Bilder herausstecken konnten. Unter den deutschvölkischen Schriftstellern, die -durch ihre Veröffentlichungen die Köpfe vieler Tausenden, namentlich jugendlicher Personen verwirrt haben, nimmt A r t u r D i n t e r die erste Stelle ein. «Man fragt sich erstaunt, wenn man seine Romane über die Sünden wider das Blut, wider den Geist und wider die Liebe sowie sein letztes Machwerk „Das Evangelium" gelesen hat, ob es denn Leute geben kann, die an diesem abstoßenden, abscheulichen, geschmacklosen Zeug, an diesem haarsträubenden Unsinn Gefallen finden können. Und doch muß deim so sein; wie sollte man sich sonst die Massenauflagen der Dinterschen Machwerke erklären? Den ersten Roman hat der verstorbene Prof. der Theologie S t r a c k viel zu milde als eine dreifache Sünde: gegen die Kunst, gegen die Wissenschaft und gegen das Vaterland bezeichnet. Viel schärfer ging gegen D. sein eigener Gesinnungsgenosse P. Weyland vor, der ihm AnreMJertum, Frechheit des unentwegten Phantasten usw. vorwarf und die Entfernung dieses Mannes, der die deutechvölkische Bewegung zum Tummelplatz der Gedanken eines Tcilhäuslers gemacht hat, „aus deren Reihen gefordert hat". In dem Roman „Die Sünde wider den Geist", wegen dessen D. von dem Blatt Alfred Roths als „z^v e i t e r Luther" verherrlicht wurde, ist mit „Geist" der Spiritismus gemeint, den D. hier maßlos verherrlicht. In der „Sünde wider die Liebe" verhöhnt er in der unflätigsten Weise den Apostel Paulus, den „labernden und salbadernden Allerweltsjuden". Im „Evangelium" mißhandelt D. das Neue Testament genau nach derselben Methode, die Th. Fritsch gegenüber dem Alten Testament angewandt hat; auch bei ihm kommt in jeder Zeile seine Ignoranz und Anmaßung zum Ausdruck. Und dieser Mann ist seitens der Deutschvölkischen in den Thüringischen Landtag gewählt worden! Zur Umwandlung dieser Leuchte der Hakenkreuzbrüder in einen der dunkelsten Ehrenmänner ist eine Mitteilung des Deutschen Republikanischen Reichsbundes über Arthur Dinter, den geschäftskundigen Sünden-Dinter besonders geeignet. Von diesem Menschen, der in Wort und Schrift nicht genug die tiefstehende Moral der deutschen Juden verdammen konnte, wird durch das Schöffengericht Schmalkalden aus dem Munde des selbst antisemitischen Amtsgerichtsrates Lattmann attestiert: „Bezüglich des Vorwurfes des unsittlichen Lebenswandels des Privatklägers (Dr. Arthur Dinter) ist der Beweis erbracht. Der Privatkläger (Dinter) gibt selbst zu, daß er bis zum Abschluß seines Buches „Die Sünde wider das Blut"..-. mehrfach unsittlich gelebt hat. Er gibt folgende Einzelheiten darüber zu: Er hat vor seiner 1914 geschlossenen Ehe mit mehreren Frauenzimmern geschlechtlich verkehrt, auch mehrfach vor der Eheschließung mit seiner demnächstigen ersten Frau." „Der Privatkläger (Dr. Artur Dinter) gibt also zu, daß er.. als die Ehe (Dinters) noch bestand, mit Fräulein H. mehrfach geschlechtlich verkehrt hat. Er behauptet, sie hätten sich gegenseitig solchen außerehelichen Verkehr erlaubt. Das ist aber gleichgültig, denn Ehebruch Ist und bleibt es, und solche Abmachung würde nach Ansicht des Schöffengerichtes etwas bitter trauriges und schwer unsittliches sein." — Eine Glosse erübrigt sich. Einer der gefährlichsten und skrupellosesten antisemitischen Ketzer ist (Herr Theodor Fritsch in Leipzig, dier Herausgeber des „Hammer", des „Handbuchs der Judenfrage" (29. Auflage 1923). der Hammerflugblätter, der Hammer- Schriften usw. Als er in dem Prozeß wegen seiner Schandschrift „Beweismaterial .gegen Jahwe" freigesprochen worden warv weil sich der Gerichtshof der Ansicht des Sachverständigen Geh.-Rat Professor Dr. Kittel- Leipzig angeschlossen hatie, daß, „der Fluch der Lächerlichkeit empfindlicher und tödlicher ist, als gerichtliche Strafen", bekam F. es fertig, öffentlich zu behaupten, seine Freisprechung sei erfolgt, weil Geheimrat Kittel sich dem