Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 39-40 (26.9.1924)
- Date
- 1924-09-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 8 DIE W ÄHMSIT Nr. 39/40 bereit, „Kol-Nidre" zu sagen, hüllte sich in den Talit, stellte sich bei der Lade auf und — schwieg. Ein großer Schauer ergriff die Gemeinde, die Sonne war hin, Nacht war es um die Welt, die Kerzen flackerten, doch Rabbi Lewi Jizchak schwieg. Nach einer hübschen Weile kehrte er das Antlitz zu der Gemeinde und fragte: „Ist Berl, der Schneider, im Bethause?" Man verneinte, nachdem man sich umgesehen hatte, die Frage. Da Siprach der Rabbi zu seinem Diener: „Geh und rufe ihn ins Bethaus1!" Der ging und kam mit ihim. Der Raibbi redete ihn an: „Berl, warum hemmst du den Aufstieg der Gebete Israels"? Berl erwiderte: „leb habe einen Rechtsstreit mit Gott. Würdet Ihr, heiliger Rabbi, das Richteramt annehmen? Ich will dann die Gebete in ihrem Aufstiege nicht hemmen!" Rabbi Lewi Jizchak rief: „Lege mir den Rechtsfall vor!" Der hufa zu erzählen an: „Vor einigen Tagen schickte der Gutsherr von Janoschkowitz um mich., daß ich ihm einen Reisepelz machen soll. Er übergab mir eine große Anzahl Wieselfelle, denn, der Pelz sollte breit und lang sein.- Ich stellte den. Pelz fertig, breit und lang, und ersparte zehn Wieselfelle, ein winziges rieiratsgut für meine heiratsfähige Tochter. Denn wisset, Rabbi, daß mich Gott mit vielen Kindern gesegnet hat. Nun zerbrach ich mir den Kopf, wie ich die Felle nach Hause bringen konnte. Endlich fiel mir ein guter Gedanke ein: Ich hatte vom Gutsherrn ein großes Brot geschenkt bekommen. Ich machte es hohl, tat die Felle drein, legte das Brot in einen Sack und ging nach Hause. Ich hatte bereits eine Meile hinter mir, als ich den Galopp von Pferden vernahm. Mein Herz pochte stark, ich ahnte nichts Gutes und ich beeilte mich, das Bündel in einen hohlen Baaian zu .verstecken. 'Und nun wartete ich. Bald rannte der herrschaftliche Wagen heran und Jesik, der gräfliche Fuhrmann, schlug mit der Peitsche „Berl. zurück!" Ich erschrak: Die Wieselfelle dachte ich. Ich kehrte um. Das ganze war eine Dummheit, ich hatte vergessen, einen Hänger anzunähen. Ich nähte den Hänger an und ging wieder nach Hause. Ich kam an jene Stelle, doch das Bündel fehlte. Bitter war es um mich, ich legte mich hin und weinte sehr vor großem Schmerz. Ich sagte mir: „Gott hat es getan, weil er nicht dulden will, daß ein Jude, ein „Ata B'chartanu"- Mensch (einer, der zum auserwählten Volke gehört) Felle stehlen soll. Nun sagte ich mir: Dem Nichtjuden gestattet er zu stehlen, uns Juden, den Kindern des auserwählten Volkes, nicht. Nun will ich ihm zeigen, ich werde nicht mehr zu dem Ata B'chartanu-Völke gehören." Als ich nach Hause kam, empfing mich mein Weib sehr lieb und sprach: „Berl, wasche die Hände und setze dich zu Tisch!" Doch ich aiß und trank, ohne mich zu waschen. (Rituelle Vorschrift.) Dann unterließ ich auch den Tischsegen zu sprechen. Von nun ab betete ich nicht und beachtete nichts, was zu einem Juden gehört. Es kamen die Slichoth-Tage, ich machte mir nichts dlaraus, am Rosch-Haschana brachte ich es über mich, nicht in die Synagoge zu gehen und das Blasen des Schophars nicht anzuhören. Ich war fest entschlossen aus der „Ata B'chartanu'-Gemeiaisc'haft" auszutreten. Doch es kam der heilige Tag, der Versö'hnungstag. Ich wähnte: „Heute muß ich i h m verzeihen, verzeiht doch auch er die Sünden, die man gegen i h n begeht. Aber ich stellte eine Bedingung: I c h verzeihe nur, wenn e r allen Missetätern, und mag ihre Sünde noch so schwer sein, verzeihen wird. Ich sprach zu Gott: Vergibst du alle Sünden, dann vergebe auch idi dir die gegen mich begangene Sünde, wenn nicht, dann verzeihe auch ich nicht. Und nun bitte ich euch3.Ra!bbi zu sagen, ob ich Recht habe oder nicht." Rabbi Lewi Jizchak überlegte eine Weile und rief in Siegesfreude: „Das Recht ist bei dir!'Das Recht ist bei dir!" Dann fing der Rabbi „Kol-Nidre" an. Dunkle Ehrenmänner *) Wer sich zum Moralprediger und Sittenrichter anderer aufwirft, muß selbst tadelfreien Wandels und reinen Gewissens stein. Es ist aber fast ausnahmslos so, daß die Wort- und Schriftführer des Antisemitismus über den Splitter im Auge des Nächsten den Balken im eigenen vergessen und in eindringlichster Weise daran gemahnt werden müssen. In unserem kürzlich erschienenen Aufsatz, „Technologie der Hakerikreuzpresse", haben wir dieses Umsfarides summarisch erwähnt und den famosen L ü d e c k e angenagelt. Es muß aber nachträglich gesagt werden, daß dieser Haderlump in Großfolioi sich im zahlreicher ebenbürtiger Gesellschaft befimldet. Verfehlungen gegen das Moral- oder Strafgesetz, oft gegen beide dürfen' ihnen fast durchgehends vorgeworfen werden. Im folgenden bieten wir eine Auslese aus der Galerie dunkler Ehrenmänner, die an leitenden Stelle des antisemitischen Betriebes eine Rolle spielen, wobei wir -uns auf -verläßliche, teilweise gerichtsordnungsmäßig erhobene Tatsachen berufen. Der als Professor Berger falschgemeldieüe Dr. Rüg e, ein gefährlicher Geheimbündler, in Schlesien anläßlich der dortigen Unruhen wegen Mordversuchs; stieckbrieflich verfolgt, - flüchtete nach München, wo er in Hetzreden zum Kampf gegen die Juden mit Dolch und Messer aufforderte, was ein gottgefälligeres Werk . als ein Abendgebet sei. Durch seine schillernden Phrasen hat der Engländer Houston Steward Chambe riain vielen Tausenden . aus den sogenannten gebildeten Schichten die Köpfe benebelt. Ueber sein Kauptgebiet, diie R.assenfrage. der ja in erster Linie sein Hauptwerk ,.Diie Grundlagen des 19 Jahrhurtdert" gewidmet ist, sind sich alle wirklichen Forscher in diieserrt Zweige der Wissenschaft darin einig, daß er 'einer der blutigsten Dilettant te nl ein arger Wiarkopf und Phantast ist. Bringt er es dbch fertig, womöglich! noch, auf ein - itncPderselben Seilte, mit apodiktischer Sicherheit das direkte Gegenteil dessen! zu behaupten, was er ebenso apodiktisch als unumstößliche Wahrheit hingestellt hatte. Das eine Mal ist Jesus ein Arier oder gar Germane, dann wieder ein Jude. Den Erwerbssinn bei den Ariern nennt er ein „gewisses hochgeartetes Streben nach Bieisitz", während er bei Semiten „gräßlichsten Zinswucher" usw. findtet/ Dabei ist er schonlängst als ein arger Plagiator entlarvt worden. Seine eigentliche Kunst besteht darin, daß er das, was er bei anderen gelesen hat, vergrößert und vergröbert. Die Hauptsache ist für ihn, dlaß er den irgendwo aufgelesenen Gedanken in eine schöne Form kleidet und und diaß er. wo es sich um Germanen handelt, bis in den Himmel hinein lobt, dort aber, wo Juden in Frage kommen, bis in die tiefste Hölle hinab verdammt..— *) Mit teiihveiser- Benützung des A. B. C. des Berliner Vereines zur Abwehr das AntisemiitiSnms.