Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 39-40 (26.9.1924)
- Date
- 1924-09-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 39/40 DIE WAHRHEIT Seite 7 Es ist eine weitverbreitete irrige Anschauung, als ob die Judengasse oder die Judenstadt von vorneherein in diesem Sinne angelegt worden wäre. Erst bestimmte Verhältnisse und namentlich die Beschlüsse der einzelnen Kirchenkonzile sowie das Betreiben der Bischöfe bewirkten, daß die bereits angesiedelten Juden sich auf gewisse Stadtteile zurückzogen oder verwiesen wurden. Scherer, der über die Rechtsverhältnisse der Juden in den deutschösterreichischen Ländern eine grundlegende Studie geschrieben, bemerkt mit vollem Rechte: „Die Gemeinsamkeit nicht nur der religiösen, sondern auch der rechtlichen, sozialen, kommerziellen und kommunalen Interessen führte gemäß dem allgemeinen Gebrauche des Mittelalters, nach welchem sich Angehörige derselben Nation und desselben Berufes teils freiwillig, teils infolge obrigkeitlicher Anordnung nahe beieinander ansiedelten, auch zu lokalen Vereinigungen der jüdischen Glaubensgenossen. Die obrigkeitlich angeordneten gemeinsamen Ansiedlungen hatten bezüglich der Juden ihren Grund einerseits in der Fürsorge für dieselben, um sie gegen feindliche Angriffe besser schützen zu können, anderseits in. der Absicht, eine Vermischung mit den Christen zu erschweren," (Fortsetzung folgt.) Geschichten vom Berdytscbower. Von Chajim B 1 o e h. Eine Sünde. So oft der Monat Ehil einzog und die Tage des Erbarmens kamen, ging Rabbi Lewi Jizchak ganz im Dienste auf. „Daß ich ein Ganzopfer vor Dir, Herr der Welt sein könnte'4, pflegte er zu sagen. In den finsteren Slichat-Nächten ging er durch die düsteren Gassen der Stadt, um nach reinen, auf der Irrfahrt des Lebens sich befindenden Seelen zu suchen; er führte sie den Pfad der Wahrheit zurück. Einst, es war die Slichoth-Nacht der „Dreizehn Eigenschaften", sah er, da er um die Stadt ging, einen herrlichen Glanz über dem Dache eines kleinen verfallenen Häuschens. Rabbi Lewi Jizchak klopfte an und trat ein. Er fand eine junge-Frau in einem Gebetbuche vertieft. Sie wußte es wohl, wronach der Rabbi in diesen schauerlichen Nächten suchte, jmd daher wurde sie ob seinem Erscheinen ganz fassungslos. Der Rabbi aber rief ihr zu: „Richte Dich aiif, meine Tochter, ich sehe die Krone der Reue über Deinem Haupte und der Glanz der Keuschheit steigt von Deinem Hause auf. Denn wisse woh!: Deine S ü n d e ist längst getilgt. Nun aber will ich das Geheimnis Deines Herzens kennen, zähle mir die Begebenheit rückhaltlos." Die Frau erwiderte: „Der Wunsch des heiligen Rabbi ist mir Befehl. Ich will euch die Begebenheit erzählen, vielleicht wird es mir auch leichter ums Herz." Sie dachte eine Weile nach und sprach sodann : „Ich war siebzehn Jahre alt, als mir Vater und Mutter gerauibt wurden. Sie fielen von Mörderhand. Ich blieb verlassen auf der Welt und hatte für vier kleine Geschwister zu sorgen. .. Mein Vater war Pächter einer kleinen Milchwirtschaft des Gutsherrn. Das Geschäft ging schlecht. Es war mir in den letzten Jahren nicht mehr möglich, die Rate zu zahlen, so daß ich zum Grafen gehen mußte, ihn zu bitten, uns im Hause zu lassen." Die Frau hielt inne und Rabbi Lewi Jizchak sah, daß eine tiefe Scham über ihr blasses Antlitz gezogen war. Er sprach: „Erzähle nur weiter, meine Tochter." Sie setzte fort: „Und ich ging hin. Kaum aber betrat ich den Hof, da fiel der Blick des jungen Grafen auf mich, sein Gesicht verfärbte sich, und ich merkte, daß ich seinen Gefallen gefunden. Er begann mir Worte zu sagen, Worte, die meine Scham erregten und mir das Blut in den Adern wallen machten. Dann trat er an mich nahe heran. Ich stieß ihn zurück und wollte davonlaufen. Nun ließ er nach. Freundlich versicherte er mir, daß er nichts Böses beabsichtigt habe; ich soll die Wirtschaft halben und zwar um den halben Preis. Aber einen Wunsch soll ich ihm erfüllen, ich soll ihn mein Haar küssen lassen. Ich wollte es nicht. Doch er tat es, ehe ich ihm geantwortet hatte. Von diesem Augenblicke an war es um meine Ruhe geschehen. Ich verbrachte die folgende Nacht schlaflos vor innerer^Seham und Erregung. Der Gedanke, ich habe mir die Wohltat durch die Schönheit meines Haares erkauft, plagte mich sehr. In meiner Verwirrung griff ich nach der Schere und schnitt mir die Zöpfe ab. Am folgenden Tage verließ ich die Wirtschaft und das Dorf und wanderte mit den Kindern nach der Stadt. Hier verrichtete ich allerlei Dienstarbeiten, um mich und die kleinen Geschwister zu erhalten. Jahre sind um, die Kinder sind längst versorgt, auch ich war verehelicht, doch starb mein Mann kurze Zeit nach der Hochzeit, gewiß wegen meiner Sünde. Seitdem verbringe ich meine freie Zeit mit Beten und flehe zum Himmel, daß meine Jugendsünde vergeben werden soll." Rabbi Lewi Jizchak fragte: „Und hast du noch das abgeschnittene Haar?" Sie antwortete: „Jawohl" und reichte es dem Rabbi hin. Der Rabbi nahm das Kästchen an sich. Jom-Kipur kam heran. Das Bethaus war dicht gefüllt, man wartete auf den Rabbi. Endlich kam er nach der Mikwah, in Weiß gekleidet. Er legte das Kästchen auf das Pult und sagte: „Herr der Welt! Dort ist eine jüdische Tochter und bittet dich, ihr eine Sünde zu vergeben, die sie nicht einmal in Gedanken begangen hat. Hier der Schmuck, dessen sie sich selbst beraubt hat: das sind die Sünden deines Volkes Israel." Und über den Himmel ging bei diesen Worten ein gewalti&es Rauschen. Der Satan lief, von einem Strahl göttlicher Gnade getroffen wie geblendet davon, die Engel des Erhabenen priesen Israels Helden, die Worte Rabbi Lewi Jizchaks Mal für Mal wiederholend. Dann erst hob der Rabbi „Kol-Nidre" an. Die Hemmung. Bekanntlich pflegte Rabbi Lewi Jizchak in den furchtbaren Tagen selber vorzuibeten. Am Vorabend eines Jom-Kippur machte er sich