Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 39-40 (26.9.1924)
- Date
- 1924-09-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064071-3064109--13123-3080612- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 DIE WAHRHEIT Nr, 39/40 erlegten, im Vorhinein lösen. Spricht nicht gerade aus diiesem Brauche, wie sehr ihn auch unsere Gegner (in letzter Zeit Arthur Dinter) gegen uns haben ausnützen wollen, eine sehr hohe Gewissenhaftigkeit. Nicht umsonst spricht de Sänger: „Verirrungen, wer merkt sie so leicht?" An dem erhabensten Feste, das für ihn anbricht, fühlt der Jude es seinem großen Dichter nach, und im Bewußtsein dessen, daß „Die Wahrheit das Siegel Gottes" ist, spricht er jenes Gebet, das ihm die beruhigende Gewähr bot, daß. auch er ohne Wissen und Willen der Wahrheit nicht wird untreu werden müssen. Mit diesen beiden, liier besprochenen Gebräuchen ist das Wesen des Versöhnunigstages nicht erschöpft, sie zeigen uns aber den Weg, auf dem uns seine herrliche Frucht, die Versöhnung, erblüht. Wir sollen von wahrer Liebe gegen die Menschen erfüllt sein und uns echter Wahrheit befleißigen, dazu will uns unser Fest anspornen. Darum sollen wir auf der einen Seite aus eigenem Antriebe alle Scheidewände niederreißen, welche war in kleinlicher Weise zwischen uns und den Genossen aufgerichtet haben und auf der anderen Seite zur Wahrheit, auch in den kleinsten Dingen, gemahnt werden. Ist es nicht das Ziel der Edeldenkenden unter allen Völkern, das sie erstreben und ersehnen: überallhin sollen jene beiden edelsten] Blüten des Menschenherzens, die Liebe und die Wahrhaftigkeit, ihren wohltuenden Duft verbreiten? Unser Jomhakipurim forciert uns auf, für dieses Ziel miteinzutreten, da doch die Liebe und Wahrhaftigkeit die Stützen des Gottesthrones auf Erden sind. Wer diesen befestigt wissen will, sorge dafür, daß diese beiden nirgends fehlen. Liebe und Wahrhaftigkeit allein führen zumi Ziele. Dr. it.—-y. Kol Nidre Hört die uralt-heilige Weise. ' >_ Wie sie bebt und klagt und schwillt, Daß im ganzen weiten Kreise Jedes Aug' von Tränen quillt. Sehnsuchtsvoll die Herzen glühen: Nimm uns, Gnädiger, huldvoll an!" Weihevoll die Töne ziehen Hin zur ewigen Sternenbahn. v. Beate Baumgarten. Hauptmomente aus der Geschichte der Juden in Wien. Von Rabbiner Dr. M. Rosen m a n n. Aus der Fülle der unübersehbaren historischen Begebenheiten und Ereignisse, welche den Aufenthalt der Juden in Wien aus fast verschollener, verklungener Zeit bis zur Stunde begleiten und die mit ihren oft dramatischen Wendungen und ,Wandlungen es wohl verdienten, daß auch die glücklicheren Kinder der Gegenwart, daß auch die modernen Juden des neuzeitlichen Wien ihnen, einige Aufmerksamkeit zuwenden," ragen gleichsam, als Meilensteine drei Daten hervor. Jedes einzelne davon ist mit einer lokalen Stelle Wiens aufs innigste verbunden, und war 1421 mit dem Judienplatz, 1670 mit dem unteren Werd und 1825 mit der Seitenstettengasse. Erstere zwei sind traurige Endpunkte einer Entwicklung; 1825 ein' verheißungsvoller Ausgangspunkt einer neuen Zeit. * * * Die erste Periode, die mit dem Jahre 1421j abschließt, trägt ein eigenartiges Gepräge und bildet ein in sich abgeschlossenes Ganzes. Der moderne Jude, der, sei es (die großangelegte W ip p 1 i mg e r- Straße, sei es die kleinere F ä r b e r g a s s e, ■Köhlergass e, J o r d a n g a s s e oder gar dien J u d e n p 1 a t z durchschreitet, halte einige Augenblicke stillte und denke an das BJbelwort: „Der Ort, auf dem du stehst, ist ein heiliger Ort." Denn hier dehnte sich im Mittelalter die. Judenstadt aus, oder wie der .mittelalterliche lateinische Ausdruck lautete: „inter judaeos" oder „intrata judaeoruim". Wer alber von dort aus seine Schritte weiterlenken will' und sich vom 'bunten Treiben der Passanten zum Opernring und zur Goethegasse fortziehen laßt, gelangt an die Stelle, wo einst unter der Erde die Altvordern ruhten und der Judenfriedhof sich befand. Der Judenturm*) .. Wann und wie diese Judenstadt entstanden; ist und aus welchen Zuzüglern, sich die Bewohnerschaft zusammensetzte, bildet seit langem dien Gegenstand! der Forschung vieler Gelehrter, unter welchen sich auch drei hervorragende jüdische, J. Schwarz, Artur G o 1 d m a n n und S. K r a ui s «s, die noch in unserer Mitte weilen, (befinden. Aller Wahrscheinlichkeit nach erfolgte die größere Ansiödlung der Juden in Wien im 9. oder 10. Jahrhundert, wobei die später einsetzenden Jüderiver- folgungen während der Kreu&'zJügie in Deutschland viele Elüchtlnge veranlaßt toben dürften, hier ihren Auf enthält zu nehmen, und zwar wohl anfangs ohne Beschränkung. Erst nach und! nach; bildete sich eine geschlossene Ansiedlutig heraus. *) Aus Dr. Ignaz Schwarz „Das Wiener Ghetto", Wien 1909