Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 39-40 (26.9.1924)
- Date
- 1924-09-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39/40 Seite 3 und .Gerechtigkeit waltenden Königs im' Himmel und auf Erden, Klar und deutlich liegt das Buch unserer Geschichte vor uns und vor den Augen der ganzen Menschheit. Wo gibt es ein zweites Volk, das ei» solches oder ähnliches Buch sein . eigen nennen dürfte? Ein Volk, das ohne heimatliche Scholle, ohne materielle Stütze und Hilfe voni außen, ja ohne auch nur eine der Bedingungen und Voraussetzungen zu besitzen, aus denen Völker und Staaten sich zur Blüte entwickeln, nicht nur fortlebt, sondern ,,euiere Augen sehen das große Werk Gottes", eine herrliche, kraftstrotzende Wiedlergeburt erlebt, einzig und allein beschützt von der Gnade seines Gottes, bewacht „von dem Hüter des Bundes und der Liebe". Wahrlich, mit vollem Recht lassen unsere alten Weisen am Rosch-Haschonoh Gott, der Geme5nde Israels1 zurufen: „Sprechet vor mir das Ennnerunigsgebet, lasset ertönen die Töne der Erinnerung, auf daß sie auch zum Heilie gereichen". Je mehr sich das jüdische Volk auf seine Vergangenheit besinnt, je lebhafter es die Erinnerung arr seine einzig dastehende, glorreiche Geschichte in seinem Herzeni aufleben läßt, desto mehr muß es darin Fügungen seines Gottes erkennen, Lehren des Trostes, Zeichen der Ermutigung für die Zukunft. : ~- III, Schofroth — Hoffnung. Aus! der Vergangenheit führt die Erinnerung zur Gegenwart, zur Zukunft leitet die Hoffnung. Ein vor nicht langer Zeit verstorbener jüdischer Denker hat den Ausspruch getan: Das jüdische Volk lebt von der Vergangenheit — für die Zukunft. Es ist in diesen Worten nicht nur eine geschichts-philosophische Wahrheit, sondern auch der Schlüssel zur Lösung jenes Rätsels enthalten, das unsere Erhaltung bis auf den heutigen Tag der erstaunten Welt bietet. Was das jüdische Volk zu einem „Am Olam" werden ließ, ist vor allem anderen die Tatsache, daß dieses Volk niemals bloß für die Gegenwart, sondern immer zugleich auch der Zukunft gelebt und aus dem Jungbrunnen seiner glorreichen) Vergangenheit die Kraft zu diesem Leben hat geschöpft. Hoffnung, so meint Peter Rosegger in einem seiner Gedichte, ist wichtiger als Erfüllung. Es können Menschen sowohl, wie auch Völker ohne Erfüllung, niemals aber ohne Hoffnung leben. Vielleicht bei keinem anderen Volke trifft das in solchem Maße zu, als bei dem jüdischen, welchem nur sehr selten Erfüllung beschieden war, das aber aus den Niederungen der Not und Bedrängnis auf den Flügeln seines Glaubens und seiner Lehre immer wieder zui den lichten Höhen zuversichtlichen Hoffens sich emporzuschwingen vermochte. Und noch ein Zweites kommt hiezu: Der Glaube an seine Zukunft ist für Israel stets mit dem GI a u b e n a n d i e Zukunft der Menschheit verbunden gewesen. Die Weltgeschichte lehrt uns: Menschen und Völker, die leben nur um zu lieben, sind sicher dem Tode verfallen. Ein Volk, das nicht mehr zu wirken imstande ist und seine ausschließliche Lebensaufgabe darin erblickt, seine Eigenart zu erhalten und bestenfalls seine nationalen Güter zu mehren, erlebt nicht mehr Frühling und Sommer, sondern Tod treue Wächter, behüten mich, mein jüdisches Gefühl und meine in der Tiefe meiner Seele ruhende jüdische Ueberzeugung. Und wenni ich auch seit Dezennien nicht mehr die Möglichkeit habe, diese. heiligen Nächte mitzuerleben, so sind sie doch nie aus meinem Gedächtnisse geschwunden und alljährlich, wenn die Slichothtage herannahen, erinnere ich mich an das unvergleichliche! Bild im kleinen .Städtchen. Mit meinem geistigen Auge glaube ich eine ganze Gemeinde vor einem schweren, furchtbaren Strafprozesse stehend zu sehen, die lange, vor diem. Gerichtstage, alle möglichen Entilastungs- und Verteidigungsmittel vorzubereiten bestrebt ist. Man betet in herzzerreißenden Tönen; Schema kaulenu, jammert wie schuldbeladen: Slach lonoh, schlägt sich reumütig auf die Brust: Oscharrinoh, stürmt und reißt Welten ein, damit das Urteil, wenn einmal der Tag des Gerichtes gekommen ist, nicht sehr strenge ausfallen möge ... Und in meinen Gedanken taucht die berechtigte Frage auf: Was haben denn diese armen, unschuldigen Seelen verbrochen? Warum zittern sie so vor den Jaum-Hadin? Wem haben diese stets geknechteten Juden Schlechtes getan und wer hätte den1 Mut, sich über sie zu beklagen?! Verschiedene Gedanken schwirren mir im Kopf herum bei der Erinnerung an die Slichothtage in der kleinen Judengemeinde. Plötzlich stehen sie alle vor meinem Geiste, Eltern und Großeltern, Verwandte und Bekannte, alle meine jüdischen Brüdfer aus dem alten Heimatsstädtchen, patriarchalische Gestalten mit jüdischen Seelen und jüdischen Herzen,'jüdischen Gefühlen und wahrhaft jüdischem Glauben und, in diese alten Erinnerungen mich vertiefend, vergesse ich momentan, wo ich mich befinde, glaube mich im Geistein die alte Heimat versetzt unld in der tiefen Stille der ausgestirnten Elulnacht erreicht ein Ruf mein Ohr, ein Ruf, der einem „Bas-Kaui", einer Himmelsmahnung nicht unähnlich ist und der da lautet: „Rabojsai, steht auf zu Slichoth!" Das reale Leben treibt mich wieder in das Gewühl des Großstadttreibens hinaus. Es jagt mich in den Millionenstrom, der rauschenden Straßen und Gassen, entführt mich an Plätze und Orte, wo das brausende Großstadtleben siedet und kocht wie die Welllen des stürmenden Meeres. Verflogen sind die zaubervollen Bilder der einstigen Slichothnacht im kleinen Provinzstädtchen. Dahin ist die heilfge Ruhe der kühlen, ausgesternten Elulnacht. Heiße Staubwolken durchtoben die Straßen, die in Licht gebadet sind, einem Meer von Leidenschaften und irdischen Vergnügungen jeglicher Art... Aus den Luxus- und Vergnügungslokalen erschallen fröhlich4ustige Töne. Verklungen die traurige Stimme des greisen Chasons, der, beim Omed stehend, das weinerliche „Jisgadal" beginnt, beim Spieltisch jedoch eines nicht sehr bürgerlichen Kaffeehauses sagt einer „Kadisch" nach seinem verlorenen Wochenlohn. Verrauscht sind die herzzerreißenden Töne, mit weichen die Juden! des kleinen Städtchens das „Schmäh Kaulenu" beten, aus einem