Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 39-40 (26.9.1924)
- Date
- 1924-09-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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ö'eite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 39/4Q des Schofars Ruf versteht, Ewiger, im Lichte deines Antlitzes wandeln sie." Gott als den alleinigen König der Weit anerkennen, heißt sonach „dem Lichte seines Antlitzes zustreben", bedeutet soviel, wie die alleinige Herrschaft des Sittengesetzes anerkennen, d. i. die sittliche Forderung an den Menschen als dessen wahre Welt und alles, was sonst Welt und Menschen lenken und bewegen möchte, als „Götzen und Wahngebilde" gelten lassen. Nicht, daß einzelne Individuen, mehrere oder wenigere, nach einer sittlichen Höhe streben und wie Bergkuppen aus dem Nebelmeer heraufsteigen, sondern daß Sittlichkeit und Menschenliebe die ganze menschliche G e s e 11 sx h a f t durchdringe und jeder Einzelne, weß Glaubens und Stammte er auch sei, sich als Herold des Gotteskönigtumes auf Erden betrachte, von dem Streben erfüllt, die Ideen derLiebeund Gerechtigkeit, auf denen es errichtet ist, in allen Belangen und Beziehungen des alltäglichen Lebens zu verwirklichen — das ist die erste und oberste Forderung, welche Rosen- Haschonoh an uns Bekenner des Judentums und durch uns an düe gesamte Menschheit stellt. Für diese oberste, sittliche Forderung, die zu keiner Zeit eine dermaßen dringende und drängende war, wie in der von der Schmach der Lieblosigkeit Genußsucht und Machtgier befleckten Gegenwart, Ausdruck und Symbol sind — Malchioth. IL Sichronoth — Erinnerung. In seiner akademischen Antrittsrede gibt Schiller dem Gedanken Ausdruck, daß wir Weltgeschichte hauptsächlich zu dem Zwecke studieren, um Wert auf jene Güter zu legen, denen Gewohnheit und unangefochtener Besitz unsere Dankbarkeit rauben. Von diesen Gütern eines der wertvollsten und kostbarsten ist die auf Ehrfurcht gegründete Erkenntnis Gottes. Und fürwahr, kein anderes Mittel ist in solchem Maße geeignet, dieses Gut als dauernden Besitz unserer inneren Welt einzuverleiben als jdiie Erinnerung, zu welcher: wir Bekenner des Judentums alljährlich am Rosch-Hasehonoh aufgerufen werden. Es.ist sonach keineswegs Zufall, sondern im Wesen dieses Tages1 tief begründet, daß er nicht bloß als ein „Jörn Had-din", sondern auch als „Jom Hasikkaron" und die Liturgie: dieses Tages rieben den „Malchioth", dem Gedanken an das Gotteskönigtum im Himmel und auf Erden, von den „Sichronoth", der Erinnerung beherrscht undl getragen erscheint, der Erinnerung nicht nur an den Einzelnen, sondern auch „Sechor-Brith", an die geschichtliche Vergangenheit unseres ganzen Volkes. „Gedenket der Tage der Vorzeit, lernet begreifen die Jahre der Geschlechter", in diesem Rufe wiird die historische Erinnerung schon in der Bibel als Lehrmeisterin der reinen Gotteserkenntnis und des echten Gottesjglaubens hingestellt. Für den jüdisch denkenden und empfindenden Menschen gibt es in der Tat keinen besseren Lehrmeister, als "die Kenntnis der Geschichte seines Volkes. Denn iin ihr spiegelt sich — um ein! Wort Herders zu gebrauchen — in kristallener Klarheit der Glanz einer der erhabensten Ideen der Menschheit — die Idee des auch in den scheinbaren Zufälligkeiten des Geschehens bewußt waltenden Gottesgeistes, des selbst in den Nöten und Bedrängnissen dieses Volkes in Liebe „Steht auf zu Slichoth". Das alte südische Präludium. Von Josef Grob. Still liegt das Städtchen in der kühlen ausgesternten Elulnacht, die kleinen, im Mondesschatten stehenden Häuschen, eng aneinander geschmiegt, fühlen sich — wie die in ihrem Innern ruhenden Menschenkinder — wie Familienangehörige* nahe Verwandte. Hier gibt es keine Straßen und Plätze mit verschiedenartigen Namen. Das ganze Städtchen eine geschlossene, eine einzige Familie. In dieser Stille gewinnt man den Eindruck, als ob das Leben für immer von hier Abschied genommen habe. „Steht auf zu Slichoth!" Eine gebrochene, jämmerliche Stimme unterbricht plötzlich die Mitternachsruhe, ein Weckruf, der mehr einem Weinen als einer Aufforderung ähnlieh klingt, ein in wehmütigster Weise gehaltener Ton* der die Kinder Israels um Verzeihung bittet für die plötzliche Störung in ihrer tiefen Nachtruhe ... Und „Steht auf zu Slichoth!" verbreitet sich der Mtternachtston über das ganze Städtchen, von welchem der erste Akkord des alten jüdischen Präludiums deutlich hörbar wird. Die Judengäßchen werden mit einem Male hell und heller, immer wieder ein neuer Lichtstrahl aus einem anderen Fensterchen, es erscheinen die ersten Schattengestalten, die, von verschiedenen Richtungen kommend, mit Laternen in den Händen den Weg zur alten Synagoge einschlagen, die in einem Lichtmeer, in einem heiligen Feuer eingehüllt steht. „Steht auf zu Slichoth!" ertönt noch immer, wie von ganz weiter Ferne, die gebrochene Stimme des alten Schamos, in der Synagoge jedoch beginnt bereits der greise Chason mit dem bekannten Slichothgebet: „Jisgadal — w'jiskadasch — schmech raboh", und die versammelte Gemeinide antwortet unisono und andächtig: „Amen". Immer trauriger, immer herzzerreißender ertönen die Gebete der Andächtigen, bitteres Schluchzen und wehmütige Klagetöne entringen sich aus. dem Innern der alten Synagoge, im ganzen Städtchen erklingen die ersten Akkorde zum heiligen, jüdischen Präludium: „Hauschomoh loch, w'haguf scheloch" betet mit großer Inbrunst die kleine Juldengemeinde, die tieftraurigen Töne, aus verwundeten Judennerzen kommend, nehmen ihren Weg durch die geöffneten Fenster des heiligen Gotteshauses und steigen förmlich bis zur Himmelshöhe. Weit, weit, bis zur letzten Judenhütte dringen die stöhnenden Gebete aus der alten Synagoge, worin sich eine ganze Judengemeinde versammelte, um die ersten Vorbereitungen zum Jaum-Hadin, dem hohen'Gerichtstage, zu treffen... * * * Viele Jahre sind es bereits, da ich — als Kind noch — diese heilige Slichothnächte miterlebt und mitgefühlt. Und heute noch sind mir diese jüdischen Elulnächte unvergeßlich, sie stehen um mich wie