Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 39-40 (26.9.1924)
- Date
- 1924-09-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Deistscftösteireicfilsclie Wochenschrift Ihr tfldtsdie Interessen! tut dem Beihlatt; Veröitenüidiunßen der „Union denfschöslerretchlstiier Jaden" Redaktion und Administration: Wien HU HelmesiraOe 13. - Fernruf 42-2-16 XL. Jahrgang Wien, 26. September 1924 Nummer 39 40 Malchioth, Sichronoth, Schofroth. Erkenntnis, Erinnerung, Hoffnung. Eine Betrachtung: zu Roscb-Haschon o b 5685, von Rabb. Dr. Armin A b e Ii e s, Wien. An direi Stellen, meint SieinthaJ, liegen die Wurzeln der heutigen europäischen Kultur: In Rom wurden die Fundamente des. Rechts geliegt, in Athen war das Ideal der Kunst geboren, in; Jerusalem die Grundlage der Religion und Sittlichkeit geschaffen. Die verläßlichste Probe auf die Wahrheit dieser Behauptung bieten unsere religiösen Festtage und unter ihnen jener Tag, dessen heilige Schauer alle jüdischen Herzen schon Wochen vorher mächtig erbeben lassen: Rosch-Haschonoh. Nirgends zeigt sich die gewaltige, kulturschaffende und! kulturbiii'dende Kraft von Israels religiösem Genius in strahlenderem Glänze, als an diesem Tage. Kein Zweifel, auch Rom und Athen hatten ihren Neujahrstag, ja dieren sogar mehrere gefeiert, einen Rosch-Haschonoh aber kannten sie nicht und konnten sie auch nicht kennen. Selbst als die römische Kultur am Zenith ihrer Entwicklung gestanden war, blieb der Neujahrstaig — ein Blick z. B. in Ovids Fasti I., 63 bs 90 genügt uns, dies erkennen zu lassen — ein rein äußerlicher Festtag, eine kalendarische Größe, ein Tag, belastet mit dem Schwergewicht orgiastischen Aberglaubens, dem Gotte „des guten Anfangs" geweiht. Es ist völkerpsychologisch undenkbar, daß das alte Israel von solchen, das ganze Altertum beherrschenden Vorstellungen gänzlich freigeblieben wäre. Aber die titanenhafte Gestaltungskraft von Israels religiösem Ingenium zeigt sich eben darin, daß, wie das Urgestein aus den Tiefen der Erdie hervorbrechend und; alle späteren Schichtungen mit elementarer Kraft durchschlagend, zum himmelstürmenden Gletscher sich emporreckt, durch diese selbe Kraft aus dem Neujahrs tage ein R osch-Hase h o n o h wurde, aus dem: S c h i c k s a 1 s t a gl ein Tag der Sittlichkeit und sittlichen Selbstverantwortung. Daß dieser Tag uns .«her die uns umgebende äußere Welt hinweg und Hinaus in die eigene, innere führt und' diese innere Welt, an der wir das ganze Jahr hindurch blind und achtlos vorbeigehen, an diesem hochheiligen Tage mit solcher Klarheit und Deutlichkeit uns vor die Seele tritt, daß wir mit Hilfe des Schofars, des uralten Begleiters aller gewaltigen äußeren und inneren Vorgänge in unserem Leben, sogar die drei1 Elemente wahrzunehmen vermögen, aus denen sie sich zusammensetzt : Malchioth — Erkenntnis. Der gestirnte Himmel über mir, das Sittengesetz in mir, dieses nach Kant größte Wunder aller Welten und Zeiten — wir Bekenner des Judentums gewahren es alljährlich am Rosch-Haschonoh in unübertrefflicher Klarheit und Deutlichkeit. Was alle philosophischen und theologischen Gottesbeweise bislang nicht vermachten, das wird alljährlich an diesem Tage jedem jüdischen Menschen gleichsam als Neujahrsgeschenk in die Seele gelegt: die Erkenntnis, daß Gott der Herr, der wahre, wirkliche König ist im Himmel und auf Erden, der nach festen, unabänderlichen Gesetzen die äußere und innere Weit regiert, aber zugleich auch nach den Idieen der Liebe und Gerechtigkeit. Je klarer wir, am Schlüsse des vergangenen Jahres stehend, die Hinfälligkeit und Vergänglichkeit der uns umgebenden äußeren Welt erkennen, die eiserne, streng-gerechte Gesetzesmäßigkeit alles Seins und Geschehens in. dieser Weit gewahren, der sich auch die Stärksten und Mächtigsten nicht zu entziehen vermögen, desto glanzvoller erstrahlt unsere eigene innere, sittliche Welt und in ihr „auf majestätvollem Throne des Erbarmens sitzend" Gott als König der Welt. Nicht ohne Grund wird mit dem Worte „Hamelech" das Machsor für die Jomim Nauroim eingeleitet und bildet der von dem. berühmten Talmudweiisen Raw gedichtete Hymnus auf Gottes königliche Herrschaft den Höhepunkt der Neujahrsandacht. Der Gedanke, der uns Bekenner des Judentums Gott als den wahren und wirklichen König, ruhend auf seinen], von Liebe und Gerechtigkeit getragenen Weltenthron, denken lehrt, ist der wertvollste und kostbarste, welchen Menschen überhaupt zu denken vermögen und' der in den Tönen der „Malchioth" einen Ausdruck gefunden, der uns die Unmöglichkeit vergessen läßt, Unendliches in endlichen Formen darzustellen. Nicht etwa in der Reinheit und Erhabenheit der philosophischen Idee als solcher ist die Bedeutung dieses Gedankens gelegen, sondern vielmehr darin, daß die Erkenntnis Gottes als des wahren und wirklichen Königs im Himmel und auf Erden, wie sie selbst das höchste Sittengesetz zur Grundlage! hat, unmittelbar und unzertrennlich die wahre Sittlichkeit in sich schließt, ohne welcher nach der Auffassung unserer Alten selbst der Thron Gottes nicht bestehen kann. Denn nicht wie die Art der irdischen Könige, lautet ein Ausspruch unserer alten Weisen im Mrdrasch, ist die des Königs in den himrrdiischen Welten. Die Huldigung der irdischen Könige geschieht durch Rosse und Reiter, Kriegswagen und Legionen, die des himmlischen Königs durch den Schofar, denn so heißt es: „Heil dem Volke, welches