Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 38 (19.9.1924)
- Date
- 1924-09-19
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 38 DIE WAHRHEIT Seite 11 iüllung der Mission des Juden erblickt der Verfasser in dem Christentum, das angeblich „das Gesetz als Forderung Gottes übergeleitet habe in ein Gesetz, das das eigene Gesetz der Menschheit sei und das so eine Menschheit darstelle, die die volle Verantwortung für sich selbst übernommen habe." Hier haut der Verfasser stark daneben; hier gehört das Buch in die Reihe der seltsamen Bücher der Gegenwart, wo Juden — Verfasser ist seiner Aussage nach Jude — dem Judentum zu dienen glauben, indem sie das Christentum als Judentum höherer Art ansprechen. Daher denn auch die kritiklose Uebernahme der bekannten Urteile über den jüdischen) Gottesbegriff als eng, nicht mit der Vaterschaft der ganzen Menschheit verknüpft, in einen strengen, ewig strafenden Gott ausmündend, im Gegensatz zu dem christlichen, der angeblich alle höheren Vorstellungen in sich vereine. Schade um diese Trübung des Gedankens! Weiß aber der Verfasser selbst, wie stark jüdisch — gerade im Gegensatz zur christlichen Einstellung — seine Formulierung ist, daß die letzte Deutung der Mission des Juden sei: „Liebe und Gesetz sind eins, weil Alles Leben eines ist, und diese Einheit des Lebens ist ge- Jieiligt, denn sie ist oder spiegelt die Einheit Gottes"? Liebe und Gesetz sind eins — kein Christ könnte, dürfte das sagen, das ist die altjüdische Prägung der „zedokoh". Sieht man von diesen Ausstellungen ab, muß man anerkennen, daß viel Gutes und Richtiges in dem Buche ist Ein Kapitel ist dem Zionismus gewidmet. Er findet seine Berechtigung und Senkung darin, daß durch ihn Juden aus allen Gegenden der Welt, ausden verschiedensten Kultursphären von Ost und West, ausgerüstet mit der ererbten, ahnenden, harmonieerfüllten Weisheit des Ostens und dem stürmenden, wagenden Geist Europas zusammenströmen und in dem einen Land ein supernationales Gebilde begründen als Vorbild und Beispiel für die ganze Menschheit. Dienemann-Offenbach a. M. D. MereschkowskJj: Die Geheimnisse des Ostens. Uebersetzt von AI. Eliasberg.. Beriin 1924. Welt-Verlag. Preis: Mk. 5.50. Von diesem Buche geht ein berauschender Duft ans. Es greift in Sphären über, die jenseits des verstandesmäßigen Erfassens liegen. Die jedem Reügtonsforscnex sich entgegenstellende Schwierigkeit, sich in das Seelenleben der Alten einzuführen, um ihre Gottesverehrung zu begreifen, wird1 'durch solche Geister voll tiefer Poesie, aber auch innigsten religiösen Empfindens wenigstens subjektiv, für ihre Person überwunden. Doch besitzt der Verfasser vieles, was andere bestimmen kann, seiner Führung zu folgen. Vor allem eine gründliche Kenntnis der religiösen Dokumente Aegyptens und Babyioniens, Assyriens, in deren Religionen er ein Christentum vor Christus, die Keime der Dreieinigkeit erkennen will. Man lernt aus dem Buche viel und wird, als Jude nicht nur, sondern auch als Menschenfreund, mit Genugtuung Worte darin lesen. wie die folgenden: „Das ewige Israel ist ein ständiges Wunder in den Jahrhunderten und den Völkern. Wer dieses Wunder nicht sieht. deri sieht überhaupt keine Wunder Gottes. Kann ein religiöser Mensch Antisemit sein? Nein, er muß eher Antiarier sein. Die Semiten schaffen Religionen, die Arier . zerstören sie . . . Wer dem Juden flucht, flucht dem Leib des Herrn, denn Sein Fleisch ist von Israel Der flucht einem, den der Herr gesegnet hat „Ich will dich (Abraham) segnen . . . Die Jahrhunderte vergehen, er (der Jude) aber bleibt Die ägyptischen Granitblöcke, de babylonischen Ziegelsteine, die hellenischen Marmorbaiuten, das römische Eisen sind wie Staub zerfallen, wie ein Traum verschwunden, der Jude ist aber geblieben. Wir alle werden vergehen, er aber wird bleiben." Zoltan Nagy. Die Legende vom lachenden Mann. Aus dem Ungarischen übersetzt von Stefan J. Klein. Mit ganzseitigen Scherenschnitten geschmückt von Agnes Susanne Scheurmann. Verlag W ö h r 1 e, Konstanz. Gebunden M. 5.—, Halbperg. M. 8.—. Ein wundervolles Buch! Nicht nur, weil diese Legende der Wunder voll ist oder aus geistlichen und weltlichen Dingen, aus tiefer christlicher Religiosität und blindem Fanatismus, aus Teufelswahn und Hexenspuk, aus Liebe und Lebenslust die Fäden nimmt und kühn zum Knoten der Handlung schürzt. Wohl aber, da in diesem Buch die Wunderblume der Romantik in sinnberauschender Pracht wieder aufblüht. Die wundersame Legende ist in einem ganz vorzüglichen Druck auf gutem Papier und mit reizend schönen Scherenschnitten ausgestattet erschienen. Werbet abonnenten für „Die WohrliEit"! Von Woche zu Woche Amtsantritt des Oberkantors Heinrieh Fischer. Die sonst so stille, verträumt liegende Tempelgasse im zweiten Bezirke war Freitag, den 12. d. M., bereits um 5 Uhr, also lange vor der anberaumten Zeit des Abendgottesdienstes, Schauplatz einer lebhaften Bewegung. Um diese Zeit hatte sich nämlich schon eine beträchtliche Anzahl von Tempelbesuchern eingefunden, es war sozusagen ein Anstellen der Andächtigen, oder wenn man es anders nennen will, der Neugierigen, die Ohrenzeugen des Amtsantrittes des neugewählten Oberkantors Heinrich Fischer sein wollten. So mächtig war der Zustrom der Leute, daß selbst die aufgebotenen Wachorgane Mühe hatten, Ordnung zu schaffen. Um allen Einlaß Heischenden gerecht zu werden, mußte dann nicht bloß die zweite Galerie, sondern auch das zweite Empore, das sonst dem Aufenthalte des Chores dient, für Manne rbesucher freigegeben werden. Das große Gotteshaus bot den Eindruck der Ueberiüllung bis auf das letzte Plätzchen und wie in einem aufgeregten Bienenstocke gab es lebhaftes Gesumme in Erwartung desbedeutenden Erlebnisses, wobei Erinnerungen an ehemalige Zierden des Großen Leopoldstädter Tempels ausgetauscht wurden. Mittlerweile war die Tempeluhr auf die sechste Stunde vorgerückt und es hatten sich im Zeremoniensaal um Professor Dr. Alois Pick, dem beliebten Präsidenten der Kultusgemeinde, eine große Anzahl Vorstandsmitglieder versammelt, sowie der erste Sekretär Guido Fuchsgelb, der Bethausvorstand mit seinem Präsidenten A. Beck an der Spitze, Mitglieder der Bezirkskommission und Vorstandsmitglieder des „Vereines der Freunde des Großen Leopoldstädter Tempels". Nun erfolgte die Einholung des Oberkantors Heinrich Fischer, an den Herr Präsident Prof. Dr. Pick in der ihm eigenen liebenswürdigen und herzlichen Weise eine Begrüßungsansprache hielt, dabei die rühmliche Tradition des größten Gotteshauses Wiens betonend und auf die berühmten Vorgänger des neugewählten Oberkantors verweisend. Es wurde nun zur feierlichen Angelobung des neuen Oberkantors geschritten, die sämtlichen Anwesenden durch die Weihe des Eindruckes lange in Erinnerung bleiben wird. Nansens des Bethausvorstandes richtete dann Herr Präsident A. Beck herzliche Worte der Begrüßung an den neuen Oberkantor, der sichtlich bewegt seinem Dank Worte lieh und daran den Wunsch knüpfte, der Allmächtige möge ihm zur Ausübung seines Amtes Kraft verleihen, die von ihm übernommene Aufgabe zur Ehre Gottes und der Gemeinde zu vollbringen. Die beiden Präsidenten geleiteten nun den neuen Oberkantor durch den festlich beleuchteten Tempel zu seinem Sitze, wobei der Chor ein feierliches Boruchhabo und Halleluja anstimmte. Nachdem die Töne des Chorgesanges verklungen waren, schritt Oberkantor Fischer, der auch das Mincha-Gebet verrichtete, zum Omed, wo Rabb. Dr. G r u n w a 1 d ihn erwartete und mit einer stimmungsvollen Ansprache begrüßte. Er berührte die Geschichte des Gotteshauses, die unvergessene Bedeutung der Vorgänger im Kantorenamte, die den Ruhm der Kultusgemeinde und dieses schönen Gotteshauses weit über das Weichbild der Stadt und die Grenzen des Landes hinaustrugen. Er sprach über das Mißgeschick dieser heiligen Stätte und die Opferwilligkeit der zahlreichen Freunde, die am Werke waren und sind, den ehemaligen Glanz des Gotteshauses zu erneuern, wobei dem Oberkantor eine wichtige Rolle zufällt. Er schloß mit dem Wunsche, daß Oberkantor Fischer und dessen Familie an der Stätte des neuen Wirkungskreises sich wohlfühlen mögen und erteilte ihm dann unter mächtiger Bewegung der Andächtigen in altgewohnter jüdischer Weise den Segen zum Beginn seines erhabenen Amtes. Es war das erstemal, daß ein Oberkantor der Kultusgemeinde Wien in solcher Art feierlich in sein Amt eingeführt wurde. Die Art, wie dies geschah und sich abspielte, trug wesentlich dazu bei, daß die Amtsein- Zur Beachtung. Diejenigen Familien, die mit ihrer Neujahrsgratulation an alle Verwandten und Freunde noch Aufnahme in der nächste Woche in verstärktem Umfang und vergrößerter Auflage erscheinenden Festnummer der „Wahrheit" finden wollen, mögen das auf der vorletzten Umschlagseite der heutigen Nummer befindliche Inserat beachten. Bestellungen müssen umgehend erfolgen, nachdem der Druck Montag, den 22. d. M., abgeschlossen wird.