Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 38 (19.9.1924)
- Date
- 1924-09-19
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 38 DIE WAHRHEIT Seite 9 fängnis Landsberg aus die Bewegung nicht führen zu können. Die „Altreichsflagge" werde Hitler die Treue halten und ruhig an ihrem Ziele weiterarbeiten, um am Tage der Rückkehr Hitlers an die Spitze der Bewegung ihm eine starke Macht zur Verfügung stellen zu können. Aufgabe der Organisation für die nächste Zeit sei die Reinigung der Bewegung von Quertreibern und Unbotmäßigen. Was frommt es, wenn die „Altreichsflagge" dem Führer Treue bewahrt, aber er nicht ihr. Interessant bleibt es immerhin zu erfahren, daß innerhalb der Bewegung Quertreibereien und Unbotmäßigkeiten Vorkommen. Was der Leuchttürmer nicht sehen will. Der Hinterteil des „Südthüringer Leuchtturm", eines der rüdesten Hakenkreuzblättchen, zeigt als Inserat die Empfehlung für das neue Schlageralbum zum Fiinfuhrtee. Nicht genug, daß als verlegende Firma ein gewisser Benjamin (!) genannt wird, begegnen wir unter den Autoren der Lieder verdammt jüdischen Namen, wie Bernatzky, Geiger, Wertheimer und ähnlichen. Ja, wenn es ums liebe Geld geht, kann der rassigste Leuchttürmer ein Auge zudrücken. Derlei verjudete Anzeigen halten gute Nachbarschaft zu ausgesprochenen Hakenkreuzlereien und der verfänglichen Empfehlung von Nacktheit mit 60 Abbildungen. Pornographie schadet nie, wenn sie völkischen Einschlag hat. Mexiko als jüdisches Einwanderungsland. Die B'nai B'rith in Amerika haben, laut einer Mitteilung des Großpräsidenten Adolf Krau s, eingehende Untersuchungen eingeleitet, wie das Anerbieten des mexikanischen Staatsoberhauptes, den jüdischen Auswanderern sein Land gastfrei zu öffnen, für die brennende Frage der jüdischen Emigration nach Uebersee fruchtbar gemacht werden kann. Der kleine jüdische Film-Star Jackie Coogan. Jackie Coogan, der berühmteste Wunderknabe der Filmschauspielkunst, tritt mit seinen Eltern eine Reise nach Palästina an. Sein Vater, der ein vorsichtiger Mann ist und weiß, daß Jackies Erfolg zum großen Teil in seinen Augen und Haaren liegt, hat ihn deswegen -mit einer großen Summe versichert. Die Augen und Haare seines Jungen bewertet er mit 200.000 Dollar, und da keine New-Yorker Versicherungsgesellschaft auf seine Pläne eingehen wollte, nahm er eine Polizze bei Lloyds in London. Der Erbauer des Amerika-Zeppelin — ein Prager. Das „Prager Tagblatt' schreibt unter diesem Titel folgendes: Der auf der Luftschiffwerft in Friedrichshafen vollendete, für Amerika bestimmte Zeppelin „R III", eine Großtat deutschen Luftschiffbaues, ist unter Leitung des Chefkonstrukteurs des Luftschiffbaues der Zeppelinwerft Dr. Ing. Karl Arnstein erbaut worden. Es ist hier kaum bekannt, daß Arnstein, von dessen Lob die reichsdeutschen Blätter voll sind, ein gebürtiger Prager (es sei hinzugefügt: Jude A. W.) ist. Ingenieur Karl Arnstein steht erst im 37. Lebensjahre. Er hat an der Prager Technik studiert und das Doktordiplom erworben, war durch zwei Jahre Assistent bei Professor Mekan an der Lehrkanzel für Brückenbau in Prag und wurde dann (1911 bis 1914) Oberingenieur bei der Eisenbetonbauunternehmung Ed. Züplin & Co. in Straßburg. Er hat sich schon in jungen Jahren durch zahlreiche Veröffentlichungen und interessante Bauten einen Namen gemacht. So ist die allen Schweizerreisendeji bekannte Langwieser Eisenbahnbrücke der Chur—Arosa—Bahn, die seinerzeit als größte massive Eisenbahnbrücke der Welt Aufsehen erregte und neuerdings auf dem diesjährigen Betonbaukongreß in Berlin zum Gegenstände wissenschaftlicher Besprechungen gemacht wurde, sein Werk. Anfangs 1915 wurde er als wissenschaftlicher Mitarbeiter in die Zeppelinwerke nach Friedrichhafen berufen, deren Chefingenieur er wurde. Unter seiner Leitung entstand jetzt auch die neueste Type, das Riesenluftschiff „Z. R. III.", dessen Ueberfahrt nach den Vereinigten Staaten die Welt mit Spannung entgegensieht. Interessant ist, daß Arnstein sich vor etwas mehr als einem Jahre um eine Dozentur an der Prager deutschen Technik beworben hat. Er wurde abgelehnt. Er ist ein Bruder des Direktors Arnstein der Böhmischen Union-Bank in Prag. Wie allgemein bekannt, war auch der Vorläufer des Zeppelin-Systems ebenfalls Jude namens Schwarz. Jede Forschung und jeder Fortschritt muß kapitulieren vor dem öden Judenhasse. Doch, was tut's? — Arnstein hat auch Verwandte in unserer Kultusgemeinde. v A. W—tsch. Eger. Theater, Kunst u. Literatur Vortrag. Mittwoch, den 10. September hielt Herr Professor Ing. Dr. Alfred Grotte aus Breslau in der Urania einen Vortrag über „Die Teinpelbauten Salonions und Herode s". Dr. Grotte verstand es ebenso wie bei seinem letzten Vortrag über „d as P ra g e r G h e 11 o" auch diesmal sein Thema in lichtvoller und fesselnder Weise zu behandeln und interessante, meist nicht bekannte historische Tatsachen vorzubringen und kritisch zu beleuchten. Wir Juden müssen jedes Bestreben als dankenswert anerkennen, die landläufigen, falschen, durch den humanistischen Unterricht veraniaßteii Ueberwtrtutigen der Kunstlcistungen der Griechen z. B. gegenüber den jüdischen auf ein richtiges Maß zu reduzieren. Wer kann dem Vortragenden bestreiten, daß trotz der stets als einzigartig hingestellten Akropolis in Athen der vielfach so große Tempel des Herodes in seiner Pracht mit mehr Berechtigung als das großartigste Bauwerk der Antike anzusehen ist? Und an diesen haben außer 10.000 Arbeitern 1000 Leviten, also jüdische Hände und Köpfe gearbeitet! Damit geht es so wie mit der Verleugnung der Tatsache im Geschichtsunterricht, daß den empirischen Griechen und Römern jedes soziale Empfinden abging, das Israel durch die Bibel in so hervorragendem Maße betätigte. Salomon mußte, da sein Volk aus Ackerbauern bestand, ausländische Architekten und Arbeiter (angeblich 170.000 Mann) beim Bau des Tempels beschäftigen. Es sollte ein Monumentalwerk werden und die Mengen des dabei verwendeten Goldes sind imponierend, gleichviel ob die biblischen Angaben Zentner oder bloß Piunde bedeuten. Doktor Grotte meint mit anderen Auslegern, daß die 40jährige Wüstenwanderung auch den Zweck verfolgte, jegliche Erinnerungen an die überdimensionalen Götzenbilder und Pyramiden Aegyptens auszumerzen, von denen er charakteristische Lichtbilder zeigte. Nichtsdestoweniger erblickte er in den Beschreibungen der Cherubim des Salomonischen Tempels eine Konzession an die ägyptische Kunst (seiner Gattin zu Liebe), während ihm die Tempelgeräte mehr phönizischen Vorbildern entlehnt zu sein scheinen. Ueber den ganzen Bau und seine Dimensionen herrschen zwischen den Angaben des Josephus und der Mischna die größten Widersprüche Ezechiel beschreibt sicher einen Tempel, wie er gebaut sein müßte, wenn eine Wiederholung des Unglückes der Zerstörung vermieden werden sollte und entnahm seine Vision in Assyrien geschauten Palästen. Da alle Spuren verschwunden sind, alle Quellen vollkommen versagen, sind alle Rekonstruktionsversuche nichtig, meist eitle Phantasiegebilde; aus dieser Erkenntnis heraus ist auch schon lange kein neuer Versuch seit Perrot und Chipier unternommen worden, deren imposante Darstellungen im Bilde vorgeführt und erläutert wurden. Die Heranziehung indischer Tempelmuster in Verbindung mit renaissanceähnlichem Baustil nach Fergusson müsse entschieden abgelehnt werden, was ebenfalls im Bilde anschaulich gemacht wurde. Es liegt eine besondere Tragik in der Tatsache, daß von beiden Riesenbauten, an deren Geschichte die drei monotheistischen Bekenntnisse in gleichem Maße Anteil nehmen, kein Stein übrig geblieben ist. Von der äußersten Umfassungsmauer, also nicht vom eigentlichen Tempel ist ein kleinster Rest in der Klagemauer erhalten, an welcher die frommen Pilger jüdischer Konfession ihre Gebete verrichten. Ein in griechischer Sprache die Warnung, den Tempelhof bei Strafe zu betreten, enthaltender Granitblock, vor kurzem aufgefunden, ist in ein Museum übertragen worden. So ist nur jener Fels als Zeuge entschwundener Pracht und Herrlichkeit geblieben, über welchem sich die Kuppel der Moschee jetzt wölbt, der alttestamentarische, christliche und mohammedanische Erinnerungen in gleicher Heiligkeit wachruft. Professor Dr. Grotte gilt als einer der Die Rultusgemeinöeuahlen in Nie». Reklamieret euer Wahlrecht bis zum 28. September! Nehmet Einsicht in die Wählerlisten, welche bereits in den Bezirksamtslokalen der Kultusgemeinde aufliegen!