Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 38 (19.9.1924)
- Date
- 1924-09-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 38 Wahrheiten vom Tage Chicago—Wien—Hannover. Das grauenhafte Verbrechen der zwei jüdischen Bankierssöhne an einem dritten in Chicago war natürlich ein willkommenes Fressen für die antisemitischen Zeitungsschreiber. Ihre Wonne wäre noch höher, wenn das Opfer außerhalb der jüdischen Gemeinschaft stünde. Das scheint paradox, erklärt sich aber durch den Umstand, daß der Lustmord der beiden Buben an einem Glaubensgenossen nicht aus dem viel mißbrauchten „Schulchan Aruch" erklärt werden kann, nach welchem jedem Juden jegliches Verbrechen an jedem Christen erlaubt, ja sogar befohlen sein soll. Macht nichts. Die beiden jungen Amerikaner bleiben gleichwohl Musterknaben für die antisemitische These, daß die Juden Abschaum der Menschheit und Auswurf der Hölle sind. Der famose „Hammer"-Fritsch hat sich bereits in diesem Sinne vernehmen lassen und diesem leitenden Hammer-Hammel wird vermutlich die ganze gedankenlose Horde folgen und Chicago von ihnen als Menetekel hingestellt werden. Da soll aber doch zur Entgegnung auf das gut deutsche Wien hingewiesen werden, das eine ganze Serie jugendlicher arischer Lust- und sonstiger Verbrecher zeigt. Novosad, Rolf Hug und die Vukobrankovic haben gewiß keinen Tropfen jüdischen Blutes in den Adern. Und die Krone sadistischer Scheußlichkeit, der Massenmörder Harmann in Hannover, ist er ein Jude? Der bornierte Fritsch versteigt sich sogar zu dieser wahnwitzigen Behauptung. Der antisemitisch-logische Kettensatz ist kurz und bald geschlossen. Alle Scheußlichkeit ist jüdisch. Harmann ist das Scheußlichste von allem, was Menschenantlitz trägt. Ergo ist er Jude. Die Sammlungen der Budapester Kultusgemeinde für die Numerus clausus-Opfer. Wir berichteten seinerzeit, daß die Budapester Staatspolizei gegen das Präsidium der dortigen Kultusgemeinde wegen verbotener Sammlungen von Geldern eine i Strafuntersuchung einleitete und der Staatsanwalt die Vorerhebungen pflegen ließ. Den Vorwand zu dieser Strafuntersuchung bot die Tatsache, daß ein vom Kultusvorstand eingesetztes Komitee die zur Unterstützung der infolge des Numerus clausus ins Ausland vertriebenen jüdischen Hochschüler eingelaufenen Spenden entgegennahm und sie an die bedürftigen Studenten ins Ausland weiterleitete. Im Verlaufe der Untersuchung bestritt Kultuspräsident Dr. L e de r e r die Strafbarkeit dieser Sammeltätigkeit und erklärte gleichzeitig, daß die Budapester Kultusgemeinde es wie jeder Jude als ihre Pflicht ansehe, die aus den ungarischen Hochschulen verdrängten jüdische n Studenten, selbst um den Preis der größten Opfer, zu unterstützen. Infolge dieses Verfahrens ruhte die Unterstützungsaktion, die offenbar aus antisemitischen Gründen, aber auch deshalb verhindert werden sollte, weil die Regierung erst jetzt zur Ueberzeugung gelangte, welchen unermeßlichen wirtschaftlichen Schaden das Land durch den Abzug riesiger Beträge erleide. Nach fast einjährigem Streitverfahren und nachdem sich die Regierung von dem schlechten Eindruck, den dieses boshafte Vorgehen im Ausland erweckt hat, überzeugen mußte, wurde das Präsidium der Kultusgemeinde auf Grund eines Gutachtens des Kultusministeriums freigesprochen; die beschlagnahmten Gelder wurden freigegeben. Das Gutachten des Kultusministeriums pflichtete dem Standpunkte des Kultuspräsidenten, daß diese wohltätige Sammlung zu den autonomen Rechten der Kultusgemeinde gehöre, bei. Ein hoher Hakenkreuzbub. In Bad Landeck in Schlesien nahm ein Passant einem 15jährigen Jungen ein Hakenkreuz weg und lieferte dasselbe auf der Badekanzlei ab. Nachher stellte es sich heraus, daß es der Sohn des Prinzen Joachim Albrecht von Preußen gewesen war. Das war natürlich was anderes. Die Polizei nahm ihn (den Passanten!) dann bloß in eine Ordnungsstrafe von 10 M a r k. Eine Hitler-Münze. Den Dresdener Porzellaij/-Kunstverlag Max Oertel hat mit Genehmigung Adolf Hitlers zu dessen Ehrung eine Münze in Verkehr gebracht, die auf der Aversseite das Porträt des deutsch-völkischen Häuptlings zeigt, während die Reversseite mit einem Hakenkreuz geschmückt ist nebst Beischrift: „Ich stehe für Alles". Sehr schön, aber sehr dunkel. Wer steht für Alles? Hitler nicht, denn er hat sich -vom früheren Parteileben zurückgezogen, womit so viel gesagt sein soll, daß er jetzt eigentlich für gar nichts mehr steht. Das Hakenkreuz kann aber auch nicht gemeint sein, denn dieses steht überhaupt für nichts, denn es ist selbst schon ziemlich außer Kurs. Bleibt also bloß die nackte Spekulation des Verlages Oertel, der sich mit seinem Lager porzellanener Hitler-Münzen ausboweln will. Die andere Gefahr. Napoleon Bonaparte prophezeite, daß die Welt in hundert Jahren republikanisch oder kosakisch sein werde. Die hundert Jahre sind schon lange vorüber, aber die Welt ist weder so noch so geworden. Die Kriegsverlierer weissagen, daß die Welt in einigen Jahren unter Judas Herrschaft stehen werde, eine Botschaft, die keinen Glauben begegnet. Mit dem Prophezeien ist es eben so eine Sache. Nun predigt ein anderer Prophet namens Joksch in dem bescheidenen „Alpenland" wieder eine andere Gefahr, den Jesuitismus, der Morgenluft wittert, nachdem alle nichtkatholischen Potentaten den Weltkrieg mit Szepter und Krone bezahlen mußten. Wohin der Jesuitismus in unseren Tagen hinaus will, wissen w i r (der Alpenland-Joksch) ganz genau. Er will die durch den Weltkrieg niedergebrochenen und durch eine sozialistische Revolution wirtschaftlich entwurzelten Völker wieder unter seine schwarzen Fittiche nehmen, um dadurch seine Herrschaft zu erweitern. Darum wird bei den Deutschen und bei den Ostslawen jetzt so intensiv für solche Einigungspläne gearbeitet. Zur gelben kommt also noch die schwarze Gefahr. Wird gegen diese auch so heftig mobil gemacht werden wie gegen die Juden? Vielleicht kann uns Herr M. Joksch Auskunft geben. Ein Schweizer über den deutschen Reichstag. Der Berliner Korrespondent dei? „Neuen Züricher Zeitung" schreibt „Wer-, wie Schreiber dieses, fünfzig Jahre deutsches Parlament und als junger Journalist noch eine Reihe ehrwürdiger Erscheinungen aus dem verflossenen Frankfurter Parlament sah, der empfindet sehr die Wandlung parlamentarischer Sitten und die große Entwürdigung der Volksvertretung. Ehedem vereinigte sich eine geistige Blüte der Nation in ihr und beherrschte mit persönlich gesitteten Manieren den Ton auch im schärfsten MeinungSr kämpf. Man sprach damals viel weniger häufig als jetzt von der „Wur.de des hohen Hauses" und bekundete sie dafür mehr im eigenen Auftreten. Wenn das souveräne Volk in persönlichem Maße solche Vertrauensleute wählt,, die Sprache und Umgangsformen von Gasse und Ghetto in die Volksvertretung hineintragen, so läßt sich allenfalls mit Goethe sagen: „die Flöhe und die Wanzen, gehören auch zum Ganzen", aber die anständige Mehrheit braucht sich nicht von ihnen malträtieren und das Ansehen des Parlamentarismus verwünschen zu lassen." Ueberzeugungstreue. In dem demnächst erscheinenden zweiten Band seiner Erinnerungen erzählt der bekannte tschechische Publizist Resniczek von dem ehemaligen Generaldirektor der Nordbahn in Wien Jeiteles folgendes: „Jeiteles war ursprünglich Genieoffizier. Er avancierte bis zum Oberstleutnant. Er war ein ausgezeichneter Techniker und hatte eine tadellose Konduite und Qualifikation. Auf dem Semmering begegnete ihm Erzherzog Wilhelm (er starb durch einen Sturz vom Pferde), der Oberkommandierende der Artillerie und sagte zu ihm: „Sie werden zum Oberst ernannt werden, aber Sie müssen sich vorher taufen lassen." „Das tue ich nicht,'" erwiderte Jeiteles, „lieber trete ich aus der Armee aus. Entweder ich besitze die Fähigkeit und verdiene Oberst zu werden, dann darf mir nach den Staatsgrundgesetzen meine Konfession nicht hinderlich sein, oder ich bin nicht fähig, dann darf ich nicht Oberst werden, und eine andere Konfession kann mir die Eignung nicht geben." Jeiteles ließ sich nicht taufen, blieb Jude und wurde nicht Oberst. Er trat aus dem Staatsdienst aus und in die privaten Dienste der Nordbahn, deren oberster Chef er wurde." Was geht um Hitler vor? Diese schon einmal gestellte Frage muß heute angesichts gewisser dunkler Vorkommnisse wiederholt werden. Das Kommando der „Altreichsflagge" erläßt nämlich anläßlich des Rücktrittes Hitlers vom Führeramt der national-sozialistischen Bewegung einen Tagesbefehl, in dem sich die Organisation nach wie vor in. unwandelbarer Treue hinter Hitler stellt. In dem Tagesbefehl heißt es unter anderem, daß Hitler seinen Rücktrittsentschluß nicht etwa aus Verdrossenheit oder gar Verzweiflung an der national-sozialistischen Idee gefaßt habe,' sondern wohl aus der Erwägung heraus, vom Fes.tungsge-