Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 38 (19.9.1924)
- Date
- 1924-09-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38 d) Erstattung von Wahlvorschlägen. Die Wahl erfolgt nach dem System der Verhältniswahl (Proportionalwahlrecht) auf Grund von Wahlvorschlägen, welche von jenen Wahlgruppen (Parteien), die sich an der Wahlbewegung beteiligen, frühestens drei Tage nach Auflegung der Wählerliste und spätestens 30 Tage vor dem Wahltage bei dem Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde einzureichen sind. Die einschlägigen Bestimmungen der Wahlordnung werden wir in der nächsten Nummer unseres Blattes auszugsweise veröffentlichen. ___ Wahlkomitee der „Union deutschösterreichischer Juden". Am 11. d. M. wurde nach Abschluß der Sommerruhe die erste überaus zahlreich besuchte Versammlung des großen Wahlkomitees der „Union deutschösterreichischer Juden", an welcher überdies1 auch eine große Anzahl von nicht der »,Union" angehörenden hervorragenden Glaubensgenossen teilnahmen, abgehalten. Die Sitzung wurde zunächst eingeleitet durch eine Trauerkundgebung für den am 30. Juli d. J. verstorbenen Sekretär der „Union", Herrn Siegfried Fleischer. Der Vorsitzende, Herr Dr. J. O r n s t e i n, erwähnte in seinem Nachrufe, daß am 15. Dezember d. J. sich der Tag, an dem Siegfried Heischer zum Sekretär der „Union" berufen wurde, zum siebenundzwangzigsten Male jähren würde. Es sei wohl das erstemal, daß der Verein sich wichtigen Beratungen widmet, ohne daß Fleischer, welcher durch mehr als ein Menscheitalter der hervorragendste Arbeitsgenosse der „Union" gewesen ist und einer der stärksten Exponenten ihrer Ziele und Bestrebungen geworden sei, an denselben teilnehme. Er ist von uns gegangen, der Allbezwinger Tod hat ihn uns vorzeitig geraubt und wenn wir sonst mit dem grausamen Geschicke hadern sollten, so müssen wir doch die Barmherzigkeit des Todcsengels preisen, weil er ihm, der in seinen letzten Lebenstagen körperlich vollkommen gelähmt, nicht mehr im Vollbesitz seiner Geisteskräfte auf seinem Krankenbette lag. wenn auch vorzeitig in das Reich der Schatten entführte und so einem langen Siechtum ein Ende machte. Wir wollen aber nicht dieses Bild menschlichen Jammers in unserem Gedächtnisse behalten, in unserer Erinnerung soll er immer in seiner vollen ungebrochenen Körperkraft, förmlich ein Bild seiner Energie ausstrahlend, dastehen, wir werden ihn stets sehen mit seinen leuchtenden, blitzenden, frohen Augen, in denen sich sein unbezwinglicher Optimismus widerspiegelte, wir werden immer seine machtvolle, starke, klangvolle Stimme, den echten Brustton der Ueberzeugung, seine flammende, hinreißende Rede hören, mit welcher er seine Zuhörer in seinen Bann schlug. So vereinigte Fleischer in hervorragendem Maße alle Eigenschaften, welche ihn befähigten, das schwierige Amt, welches unsere Amtsvorgänger ihm übertrugen, zu bekleiden und dieses Amt und mit ihm die „Union", zu einem Machtfaktor des österreichischen Judentums auszugestalten, zu einer scharfen Waffe, zu dem immer schlagbereiten Kampf- und Abwehrmittel. Der Sprecher wolle nicht mit biographischer Treue ein Lebensbild des Dahingeschiedenen zeichnen, denn all sein Tun und all sein Wirken für die „Union" und das österreichische Judentum leben noch zu frisch in unserer Erinnerung, als daß sich gewissermaßen der Historiker schon mit ihm und seiner Wirksamkeit befassen könne. In den Dorffriedhöfen der Alpen findet man oft auf diesem Orte des Todes einen Spruch voll Lebensweisheit. So lesen wir auf einem Grabstein die Worte: „Vergessen und vergessen werden, ist des Menschen Los auf Erden". Aber dieser letzte Schluß aller menschlichen Arbeit, aller Mühe und aller Sorge wird auf unseren verstorbenen Sekretär nicht anwendbar sein. Von ihm werden die schönen Worte unserer Weisen gelten, daß den Menschen ihr Reichtum, nicht ihr Ansehen, das sie im Leben sich erworben, nicht die Ehren und die Auszeichnungen, deren sie teilhaft wurden, ins Grab folgen; wohl aber begleiten sie ihre guten Werke und legen vor Gottes Thron Zeugnis ab. Aber sie sind nicht nur unsere Verteidiger vor unserem höchsten Richterstuhle, sie sichern uns auch die Erhaltung unseres Angedenkens auf Erden. Und so werden auch seine guten Werke, seine unerschrockene und unermüdliche Verteidigung des Judentums die Erinnerung an ihm immer aufrechterhalten. Stets wird das Gedenken an ihn in uns fortleben, weil er ein mutiger, mannhafter Bayard des Judentums war und so wird sein Bild als das eine» Gerechten, der immer für unser Volk eingetreten ist, Seite 7 in uns fortleben. Ehre seinem Angedenken! Die Versammlung hörte diesen Nachruf stehend an. Der Vorsitzende machte dann Mitteilung von der im August d. J. stattgefundenen Feier des achtzigsten Geburtstages des Herrn Dr. Julius 0 f n e r. Er zeichnete den greisen Jubilar, der seit vielen Jahren als Beirat dem Vereine nahesteht, als einen der edelsten Menschen von unvergleichlich lauterer Gesinnung, der immer mutig und unbeirrt für alle Verfolgten und Bedrückten eintrat und ebenso auch stets ein Beschützer unserer Ehre und unserer Rechte gewesen ist. Die Versammlung, welche diese Erinnerung an unser hochverdientes Mitglied mit großem Beifall entgegennahm, erteilte ihre Zustimmung zur schriftlichen Mitteilung der Beglückwünschung. Zum zweiten Punkte der Tase.s >-dnuug berichtete Herr Kultusvorsteher Baurat Wilhelm Kempler über die bisher durchgeführten Arbeiten des Exekutivkomitees und insbesondere über die mit anderen Parteien bisher durchgeführten Verhandlungen. An der überaus lebhaften Debatte beteiligten sich die Herren Anton Beck, Bernhard Buchwald, Alexius S a 1 z e r, S. Mandl, Edm. M e 1 c h e r, Dr. Oskar Hein, Moritz Ko blitz, Anton Stein, Ign. Glück und Moritz Oesterreicher. Die Besprechung endete mit der Annahme des Berichtes des Exekutivkomitees. Kandidaturen wollen bis längstens zum 27. September bei der „Union", Berggasse 4, angemeldet werden. Aus unseren Rechtsschutzu. Abwehrbüro. Nationalsozialistische Gemütsroheit. Ein Arzt schreibt uns: Ich war einige Tage in dem einzigen Hotel des im Oberinntal in Tirol sehr schön gelegenen Dorfes Ried. Unter den etwa 30 Köpfen zählenden Insassen machte sich eine Wiener Familie durch geräuschvolles Benehmen und besonders dadurch bemerkbar, daß sie mit den Honoratioren des Ortes, dem Forstinspektor, dem Lehrer und dem Arzte, bis spät in die Nacht lärmte und zechte, was natürlich die Ruhebedürftigen störte. Eines Abends sah ich eine Frau, welche immer in Begleitung ihres Gatten an den Mahlzeiten teilnahm, allein beim Nachtmahl und hörte im Gespräche mit Nachbarn und anderen Gästen, daß der Gatte plötzlich an Binddarmentzündung unter hohem Fieber erkrankt sei. Auf vielseitiges Anraten, doch unverzüglich den Ortsarzt zu rufen, erklärte die Dame wiederholt, ihr Gatte könne sich dazu nicht entschließen. Ich war der Situation nach genötigt, ihr zu sagen, daß ich als Wiener Arzt nicht intervenieren dürfe, daß ich jedoch bereit wäre, falls der Ortsarzt nichts dagegen hätte, mit ihm gemeinschaftlich den Patienten zu untersuchen. Da der Kranke damit einverstanden war, wurde der Kollege gerufen; er hielt zunächst eine kurze Rücksprache mit dem Hotelbesitzer, und als ich mich ihm vorgestellt und bemerkt hatte, daß ich selbstverständlich allein zu ordinieren abgelehnt habe, sagte er folgendes: „Aber bitf Sie, Herr Kollege, geh'n S' nur allan aufi, Sie tun mir an G'fallen, i bin a extremer Antisemit, i hör', dös is' a Jud' und mit dö will i absolut nix z' tuan hob'n." Obwohl ich mich wie vor den Kopf gestoßen fühlte, rief ich ihm zu: „Sie müssen hinaufgehen, sonst bleibt der Patient ohne Hilfe." Da bequemte er sich dazu und wir konstatierten die Notwendigkeit einer baldigsten Ueberführung des Kranken auf die Innsbrucker chirurgische Klinik. Nach Entgegennahme des Honorars begab sich nun der Herr Doktor in den Speisesaal zu seinen Wiener Bekannten und ließ sich von diesen bedauern, daß er in die schreckliche Lage gekommen war, einen Juden behandeln zu müssen. Nun ging es an: „Vielleicht war 's gar ka' Jud', er hat net so ausg'seh'n." „Schau'n mir im Meldezettel nach." „Alles ans, wenn er a 'tauft is', lausig san 's alle." Ein weibliches Mitglied der Gesellschaft rief, ihre christliche Keuschheit vergessend: „Dös müssen S' do' g'seh'n hab'n, wann S' ihn untersucht hab'n." Und nun meinte die tonangebende Dame der Sippe, sich an eine etwas abseits sitzende Frau wendend: „Sie müssen 's ja wissen, Sie verkehren ja mit denen", worauf diese, eine Christin, erwiderte: „Ja, ich weiß, er ist Jude, aber ich bin empört, daß Sie angesichts eines leidenden Menschen soviel über seine Konfession debattieren; schämen Sie sich!" Es entbehrt nicht eines pikanten Beigeschmackes, daß besagte Wiener Familie hausherrlich, aber ach, in der Leopoldstadt seßhaft ist. Nach einer Aeußerung des Wirtes goutiert die Bevölkerung das allzu radikale Auftreten des erst provisorisch angestellten Arztes in keiner Weise und ist seine definitive Bestellung als Gemeindearzt unwahrscheinlich. Hier ist also ein Arzt, der den nationalen Hakenkteuzbazillus zu verbreiten, sich bemüßigt sieht. DIE WAHRHEIT