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Die Wahrheit · 1924-09-19 · Heft 38 (19.9.1924) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 38 (19.9.1924)
Date
1924-09-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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ttMm>»i»in»»ii>it lliiMNtiHiH Veröffentlichungen | S « DAofcnorl/ao0AM _ ITam! „Union deutschösterreichischer Juden" Treudeutsche Schwindler. Im Büro der „Wahrheit" erschien dieser Tage ein älterer, vertrauenswürdiger Herr, der sich als Wiener Geschäftsmann legitimiert und die folgende erbauliche Geschichte % erzählt: „Vor ungefähr Jahresfrist las ich in einem hiesigen Tagesblatte das Inserat: „Chemischteclinisehes Unternehmen, lohnend und entwicklungsfähig, sucht Gesellschafter mit geeignetem Lokal, eventuell Kapitalsdralage." Da ich damals zufällig über große Räumlichkeiten an einem lebhaften Punkte der Inneren Stadt und freigewordenem Bargelde .verfügte, schrieb ich dem Inserenten, er möge mich in meinem Kontor besuchen. Darauf kamen drei Herren, die sich also vorstellten: Magister der Pharmazie L., Injg.-Cheim. Gr. und die „kommerzielle Kraft" U. Die Kraft manifestierte sich vorläufig in einer unheimlichen Beredsamkeit, die nicht müde wurde, die Vorteile einer geschäftlichen Verbindung; mit glänzenden Farben zu schildern. Es ist nicht meine Art, mich bluffen zu lassen, aber ich sagte mir, daß, wenn es nur mit der Hälfte dessen, was die kommerzielle Kraft ausführte, seine Richtigkeit hat, d|er Zugriff meinerseits ein glücklicher wäre. Es wurde der Entwurf eines Vertrages gemacht, der einspruchslos von der Gegenpartei angenommen wurde. Unter meinen Bedingungen war auch die Uebernahme des geschäftlichen Personals. Darauf legte ich schon aus dem Grunde Wert, weil meine jüdische Kontoristin, eine in jeder Beziehung verläßliche Dame, den Dienst einer Kontrollaufsichtsperson versehen sollte. Schließlich bemerkte ich so obenhin. Die Herren werden bemerken, daß ich Jude bin, wenn etwa ihre politische Gesinnung... Die kommerzielle Kraft unterbrach mich lebhaft: „I, wo! Keine Spur! Haben Sie doch keine Bange nicht! In Geschäften sind wir nicht a n t i s em i t i s c h'\ Solcherart beruhigt, »ließ ich einen regelrechten notariellen Vertrag aufsetzen. Nicht lange nachher mußte ich zu! meinem Leidwesen erfahren, mit was für Ehrenmännern ich mich eingelassen. Der wackere Apotheker besonders war diarauf Jos, die Kontoristin durch allerlei Schikanen hinauszuekeln, was ihn aber nicht abhielt, ihr ein Fahrrad im Werte von zwei Millionen Kronen herauszulocken, es zu verkaufen und den Erlös für sich zu behalten. Dieser Stichprobe treudeutschen Verhaltens sollten bald weitere folgen:? Eines Tages telephonierte ich von meiner Wohnung dem Geschäfte. Die liebe, freundliche Stimme der Kontoristin meldete sich, alsbald aber vernahm ich einen uniwillig brummenden Baß: „W a s will der Saujud schon wieder?" Der Sprecher hatte sich eben unvorsichtig mit seinem Herzensgruß zu sehr der Schallzone des Apparates genähert. Ich hielt mit übermenschlicher Kraft an mich, führte scheinbar ruhig das Gespräch zu Ende, eilte aber dann so viel das Auto laufen wollte ins Geschäft und platzte los: „Es hat mich Postsparkassen - Konto ■ Nr. 9464 | Telephon Nr. 19-2-77 hier jemand während des Gesprächs als Saujud apostrophiert. Wer war der Unverschämte?" Nach einer peinlichen Stille: „Fräulein, sagen Sie es immerhin. Ich fordere] Sie auf als Chef und gebe Ihnen das Wort, daß Ihnen daraus m- Ihrer Stelilunig kein Nachteiii entstehen wird." Ich erfuhr nun, daß der Apotheker der Zwischenrufer war. Nun legte ich los: „Für das Lokal und das Geld war euch der Saujud gut genufg. Nun aber Schluß. Ich kündige euch Vertrag und Lokal. Am 15. des nächsten Monats müßt ihr hinaus! Solltet ihr Schwierigkeiten machen, werde ich eure schmutzige Wäsche zur Polizeit tragen." Der Mann stand da, wie ein Bub, der seine innere Hose verunreinigt hat. Auch die anderen wagten keine Einwendung. Sie mußten indes vor der Zeit ein besonderes Lokal beziehen. Sie hatten von abgebauten Buridesbeamten, „nur von Parteigenossen", die Abbaugeldfeir genommen und an der Börse verspielt, konnten also weder Kapital noch Zinsen zahlen und kamen über Anzeige in Untersuchungshaft. Ich habe diese Geschichte männiglich zur Warnung erzählt. Man möge sich als Jude mit Nationaldeutschen nicht einlassen. Sie halten in Geschäften so wenig Treue, wie in der Politik. Die Kultnsgemeindewahlen in Wien. Das Präsidium der israelitischen Kultusgemeinde erläßt die folgende Kundmachung: a) Wahl der Vorstandsmitglieder und Vertrauensmänner. Auf Grund der laut Erlaß des Bundesministeriums für Unterricht vom 12. Juni 1924. Zahl 12.066-17 (Kultus), genehmigten Bestimmungen des Statutes und der Wahlordnung der israelitischen Kultusgemeinde Wien wird am Sonntag, den 9. November d. J. die Neuwahl von 36 Vorstandsmitgliedern der israelitischen Kultusgemeinde und von 120 Vertrauensmännern stattfinden. b) Einsichtnahme in die Wählerlisten. Das Verzeichnis der wahlberechtigten Personen Hegt ab Sonntag, den 14. d. M., bis einschließlich Sonntag, den 28. d. M., von 9 bis 12 Uhr vormittags und von 2 bis 6 Uhr nachmittags (mit Ausnahme der Samstage) zur Einsichtnahme für die Kultusgemeindeangehörigen an folgenden Stellen auf: Für die Wahlberechtigten des 1. Bezirkes: Seitenstettengasse 4; des 2. Bezirkes (rechts von der Taborstraße): Tempelgasse 3, (links von der Taborstraße): Malzgasse 16; des 3. und 11. Bezirkes: Untere Viaduktgasse 13; des 4., 5. und 10. Bezirkes: Siebenbrunnengasse 1; des 6. und 7. Bezirkes: Schmalzhofgasse 3; des 8. und 9. Bezirkes: Seegasse 9; des 12. bis 15. Bezirkes: Turnergasse 22; des 16. und 17. Bezirkes: Hubergasse 8;"des 18. und 19. Bezirkes: Schopenhauerstraße 39; des 20. Bezirkes: Kluckygasse 11; des 21. Bezirkes: Holzmeistergasse 12. c) Reklamationen. Reklamationen wegen Auslassung wahlberechtigter oder Aufnahme von nichtwahlberechtigten Personen sind bis spätestens Sonntag, den 28. d. M., in der Kanzlei der israelitischen Kultusgemeinde, I., Seitenstetteng. 4, schriftlich einzubringen.

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