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Die Wahrheit · 1924-09-19 · Heft 38 (19.9.1924) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 38 (19.9.1924)
Date
1924-09-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 38 Dm WAHRHEIT Seite 3 Rabb. Dr. Abeles noch Zeit und Kraft zu literarischer und wissenschaftlicher Betätigung. Er hat eine Reihe gediegener wissenschaftlicher Arbeiten veröffentlicht, die in den Fachkreisen auch des Auslandes Achtung und Anerkennung gefunden haben. Auch zur Popularisierung der jüdischen Wissenschaft hat er manches Beachtenswerte beigetragen. Die zahlreichen Vorträge, welche er in früheren Jahren in der Eschenbachgasse und in der „Union", dem „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" und in der „Toynbeehalle" gehalten und von denen einige in in- und ausländischen jüdischen Zeitschriften zum Abdruck gelangten, sind Kabinettstücke populärwissenschaftlicher Darstellung. Unvergessen bleibt die Tätigkeit, welche Herr Rabb. Dr. Abeles Jahrzehnte hindurch in vollkommen selbstloser und uneigennütziger Weise als Militärseelsorger der Wiener jüdischen Garnison entfaltet hat. Diese seine langjährige Wirksamkeit ist ein einziger Kiddusch- Haschem, für welchen die vielen Dank- und Anerkennungsschreiben und Auszeichnungen nur schwache äußere Zeichen sind. Die vielen von ihm verfaßten Memoranden, Referate und. nicht in letzter Reihe die zahlreichen Reden und Kasualien bei hervorragenden militärischen Anlässen, von denen einige in Druck erschienen und der gew. k. k. Fideikommißbibliothek einverleibt worden sind, werden ihren dokumentarischen Wert auch für spätere Zeiten nicht verlieren. Ein Vierteljahrhundert lang ist Herr Rabb. Dr. Abeles auch als Religionslehrer an Mittelschulen, gegenwärtig an den obersten Klassen des Mädchengymnasiums, als einer der Tüchtigsten tätig. Er hat im dritten Bezirk eine ganze Generation von Schülern zu gesinnungstüchtigen, charakterfesten jüdischen Männern erzogen, die ihm liebevolle Freundschaft und treue Anhänglichkeit bis auf den heutigen Tag bewahren. Schon vor 23 Jahren sind von dem Jubilar im Verlag von J. Kauffmann in Frankfurt a. M. „Exhorten für die jüdische Mittelschuljugend" erschienen, die heute gänzlich vergriffen sind. Einige Jahre später hat Herr Rabb. Dr. Abeles in einer längeren Aufsatzreihe in der „Oesterreichischen Wochenschrift" dem Gedanken Ausdruck gegeben, daß aller Religionsunterricht in der Schule zur Unfruchtbarkeit verdammt sei, sobald ihm nicht Hilfe und Unterstützung von außen, außerhalb der Schule zuteil wird. Da aber in einer Großstadt wie Wien, drohenden gänzlichen Untergang in der Seele mordenden, alles semitierenden Hochflut zu erretten." In den Blättern deutscher Gemeinschaft, „Deutscher Glaube": Jahrgang 1917, Seite 2: „So wächst aus Zerrissenheit und Schwäche die neue starke Feste deutscher Gemeinschaft, der Gemeinschaft deutschen Bluts und deutschen Glaubens, lichten Wesens und Weihtums hervor und will in ihren Mauern die Gesamtheit aller Deutschgeborenen versammeln. Ihren Erbauern und Schützern leuchtet des hohen Ahnherrn heiliges Zeichen, die Tius-Rune am glänzenden Himmel . . . Donners Hammer und Wotans Speer, Fros Schwert und das hehre Sonnenrad, das Hakenkreuz." In „Heimdall", Zeitschrift für reines Deutschtum und Alldeutschtum lesen wir: „Die deutsche Kirche soll eine Arierkirche sein; nie und nimmer aber eine allgemeine (katholische) werden. Welche Kirche das übrige Völkerkruppzeug hat, ist uns furchtbar gleichgülitg." Der Germanenorden, eine in der letzten Zeit vielgenannte Vereinigung von Personen, die auf deutschreligiöser Grundlage sich zusammenfinden, erklärt in seinen Kundgebungen: „Der Germane, der sein Germanentum verleugnet, verhöhnt, beschimpft, oder der seinen germanischen Bruder anzeigt, verrät, oder der Jude, Judenschützer oder Judenchrist geworden ist, der beschimpft und verrät den deutschen Geist, also Gott, und ist des Todes schuldig. Kann der Lump nicht öffentlich getötet werden, soll er heimlich durch eine heilige Feme aus der Welt geschafft werden." Bei der Bannerweihe des jungdeutschen Ordens am 20. Mai 1923 wurde ein Flugblatt verbreitet, das eine Parodie des Vaterunser darstellt: „Im Namen des Geldsacks, seines Sohnes, des Profits und des heiligen Wechsels. Amen. Vater Moses, der du bist im Himmel, hol' deine bescnnittnen Hebräersöhne - . . Unser täglich Brot gib uns nur. wenn deine Söhne tausend Prozent daran verdient haben . . . denn dein ist das Reich des Schwindels und die Kraft des Goldes, und wir sind die Dummen in alle Ewigkeit." In den „Deutschen akademsichen Stimmen" (vom 10. November 1923) wurde Hitler als deutscher Heiland gepriesen: „Unsere Sehnsucht nach Erneuerung, nach Besserung, nach Versittlichung, nach Reinigung braucht einen Träger, eine Persönlichkeit von gewaltiger Größe, eine Gestalt der Erneuerung. Wie einst das Christentum durch Christus nicht nur gelehrt, sondern auch gelebt wurde, so . . ." besonders in unserer Zeit, die natürliche Hilfsquelle für den Religionsunterricht in der Schule, das Elternhaus, gänzlich versagt, muß rechtzeitig an die Schaffung anderer Hilfsquellen, vor allem an die Veranstaltung von jüdischen Eltern-, Schüler- und Diskussionsabenden geschritten werden, um den seit Jahrhunderten im Judentum bestehenden Zusammenhang zwischen Schule und Haus, wenn schon nicht anders, auf künstlichem Wege zu erhalten. Dem Vorschlage war bald darauf die Tat auf dem Fuße gefolgt. Ueber Anregung des noch heute unvergessenen Dr. Maximilian Steiner wurden vom damaligen Kultusvorstande bald darauf Diskussionsabende für die jüdische Mittelschuljugend eingeführt, an welchen im Rahmen eines jeweils von einem reiferen Schüler gehaltenen Vortrag in freier Debatte zwischen Lehrern und Schülern wichtige Themen über Lehre, Weltanschauung und Literatur des Judentums erörtert wurden. Diese Abende, in der Kriegs- und Nachkriegszeit vollkommen in Vergessenheit geraten, haben sich als probates Erziehungs- und Ergänzungsmittel für den Religionsunterricht bewährt und ihre Wiedereinführung in einem noch viel größeren Rahmen als zuvor wäre eine jüdische Tat ersten Ranges. Herr Dr. Maximilian S t e i n e r hat die Priorität des Gedankens und die Initiative des Vorschlages in einem an Herrn Rabb. Dr. Abeles gerichteten Schreiben rückhaltlos diesem zugebilligt. Im Mai des Jahres 1918 wurde vom Kultusvorstande behufs Intensivierung des Inspektionsdienstes des Religionsunterrichtes in den Mittelschulen eine bezirksweise Reorganisierung desselben ins Auge gefaßt und neben anderen tüchtigen Rabbinern auch Herr Rabb. Dr. Abeles vom Vertreterkollegium zum Inspektor bestellt. Leider hat der bald darauf eingetretene Umsturz auch hier manch gute und vielversprechende Absicht zuschanden gemacht, nicht zum Vorteil des Religionsunterrichtes und der damit zusammenhängenden Fragen betreffend die Zukunft der Wiener Gemeinde. Bei der Gründung und Schaffung des Wiener Rabbinerverbandes hat Herr Dr. Abeles bestimmend mitgewirkt und an der Ausarbeitung der Statuten beratend teilgenommen. Wiewohl Herr Rabb. Dr. Abeles vertragsmäßig verpflichtet ist, außerhalb seines Wirkungskreises zu wohnen, ist er stets in enger seelsorgerischer Fühlung mit seinen Gemeinden geblieben. Seinen jahrelangen intensiven Bemühungen war es im Vereine mit einigen wackeren jüdischen Männern gelungen, die in viele Parteiungen und kleine Vereine gespaltene Judenschaft des dritten Bezirkes zur Erbauung eines Monumentaltempel in diesem Bezirke zu vereinigen. Es wurde ein herrlicher Platz auf der Weißgerberlände erstanden, die Baukonzession war bereits erteilt und der Termin für die Feier der Grundsteinlegung auf einen Tag der letzten Juliwoche des Jahres 1914 anberaumt. Da nahte der sturmumbrauste 1. August, der auch dieses herlich begonnene Werk im Keime zerstörte: anstatt die Grimdseinlegungsfeier vorzunehmen, mußte Herr Dr. Abeles ins Feld ziehen. Ebenso ist die Gründung des gegenwärtig in hoher Blüte stehenden Landstraßtr Frauenwohltätigkeitsvereines seinem Kopf und seiner Initiative entsprungen. Auch in dem der Landstraße benachbarten elften Bezirke Simmering sind nachhaltige Spuren seines Wirkens vorhanden. Im Vereine mit dem gegenwärtigen ersten Vizepräsidenten unserer Kultusgemeinde, Herrn Siegmund K a ud e r s, und einigen anderen wackeren jüdischen Männern hat er in diesem entlegensten Winkel unserer Gemeinde das Bedürfnis nach einem geregelten Gottesdienst erweckt und er hat diesen Gottesdienst viele Jahre hindurch unter den größten Mühen und Strapazen persönlich geleitet. Im 20. Bezirke nimmt Herr Rabb. Dr. Abeles an allen humanitären und sozialen Bestrebungen dieser großen und vielgestaltigen Gemeinde regen und tatkräftigen Anteil. Seine Mithilfe wird von allen Kreisen ohne Unterschied der Parteischattierung gesucht und gefunden. Besonders am Herzen liegt ihm die jüdische Volksschule, für deren Erhaltung er zusammen mit Herrn Obmann Eltbogen und anderen trefflichen Männern eine besondere Vereinigung ins Leben gerufen, die sich unter anderem auch die Vereinigung der jüdischen Volksschule mit der einst in Blüte gestandenen Gemeindebibelschule, an der Herr Rabb. Dr. Abeles jahrelang wirkte, zum Ziele gesetzt hat. So blickt Herr Rabb. Dr. Armin Abeles an seinem Jubeltag auf ein reiches, weites Feld vielgestaltiger, erfolgreicher Tätigkeit im Dienste der jüdischen Wissenschaft, wie auch im Dienste der Wiener Gemeinde zurück. Seine Arbeit gleicht tatsächlich und wirklich der des Landmannes, der still und unauffällig in selbstverständlicher Treue und Hingabe nicht selten unter den schwersten Kämpfen und Mühsalen in harter schweißbedeckter Arbeit seinen Boden bearbeitet

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