Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 38 (19.9.1924)
- Date
- 1924-09-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 38 stets von römischem, nicht von griechischem Geist beseelt. Daß „die Wurzeln des Denkens, das den Glauben der Kirche und in der Hauptsache de Geistesrichtung der im Christentum erzogenen Menschen repräsentiert, sich nicht in Jerusalem oder Kapernaum, sondern in Athen und Alexandria finden" — das beweisen zu wollen, wäre gleichbedeutend mit der ebenso unrichtigen These, daß das Christentum nur heidnische und keine monotheistischen, also alttestamentarisch-jüdäschen Wurzeln habe. Titel und Schlußfolgerung des Vortrages kommen den Versuchen Chamberlains, Christus zum Arier zu machen, allzu bedenklich nahe. Medizinalrat Dr. Heimich H a a s e. Ein Kapitel ans der Geschichte der Wiener Enltnsgemeinde. Es ist eine seit jeher vielumstrittene und noch nicht entschiedene Frage, ob ein in öffentlicher Stellung stehender Mann die Geschicke des seiner Führung anvertrauten Gemeinwesens beeinflußt oder aber ob umgekehrt sein Wirken eine Folgeerscheinung der Einflüsse des Gemeinwesens darstellt. Wie immer diese Frage beantwortet werden kann, Tatsache ist es, daß das Kriterium des Wirkens eines solchen Mannes darin gegeben ist, daß sein Schaffen nicht gesondert von der ihn umgebenden Sphäre betrachtet werden kann-. Und wenn dies für die Allgemeinheit seine Richtigkeit hat, wie viel mehr noch in Ansehung eines jüdischen Gemeinwesens. Besonders deutlich sehen wir die Richtigkeit dieser These beim Wirken des Rabbiners, der wie kein anderer Wesen und Art seiner Ge meinde beeinflußt. Von diesem Standpunkt aus will nachstehendes beurteilt werden: Am ersten Rosch-Haschonoh-Tage jährt sich zum 25. Male der Tag, an welchem Herr Rabb. Dr. Armin Ab e 1 es sein Amt als Rabbiner der israelitischen Kultusgemeinde im Tempel III., Untere Viaduktgasse 13, als Nachfolger des rühmlichst bekannten, noch heute unvergessenen Rabb. Dr. Fl e i s s i g und. einige Jahre später auch im Tempel XX., Kluckygasse 11, angetreten hat. Ein Sprosse hervorragender, auf dem Gebiete der Talmudistik hochberühmter Ahnen — er ist väterlicherseits ein Urenkel von Mosche Perls in Eisenstadt, mütterlicherseits von Schalom Chorif in Lackenbach —, gehört Herr Rabbiner Dr. Armin Abeles, neben den Herren Dr. Taglicht und Dr. Bach am längsten in Wien wirkend, zu den beliebtesten Kanzelrednern und kenntnisreichsten Theologen der Wiener Gemeinderabbiner. Er ist auch der einzige, der im Auftrag und im Dienste des Verstandes der israelitischen Kultusgemeinde das sehr schwierige, in physischer als auch in geistiger Beziehung außerordentlich hohe Anforderungen stellende Doppelamt eines Rabbiners in zwei Bezirksteilen versieht Dieses Amt wurde vor ungefähr zwei Jahrzehnten yom damaligen Präsidium der israelitischen Kultusgemeinde als Versuch gedacht, nach dem Vorbilde der Berliner jüdischen Gemeinde zunächst eineni Rabbiner in mehreren und dann schließlich alle Gemeinderabbiner turnusmäßig in allen Wiener Tempeln predigen und wirken zu lassen. Wiewohl infolge der Eigenartigkeit der Wiener Verhältnisse der Versuch bisher leider vereinzelt geblieben ist — es wäre im Interesse der Belebung des jüdischen Geistes und des jüdischen Gemeinsinnes sehr zu begrüßen, wenn es in Wien dazu koirunen würde, daß die Rabbiner abwechselnd in allen Wiener Synagogen sprechen —, hat Herr Rabbiner Dr. Abeles dennoch den Beweis erbracht, daß diese Einrichtung nicht zu den Unmöglichkeiten gehört, auch in der Wiener Gemeinde. Allerdings waren Neid, Mißgunst und Rivalität eifrig am Werke, die mit diesem Amte verbundenen Schwierigkeiten noch künstlich zu steigern und ihn sogar vor heftigen, aufregungsvollen Kämpfen nicht zu verschonen. Allein seine starke Begabung, sein schlichtes, ehrliches, jeder Pose und Maske abholdes Wesen hat schließlich den Sieg davongetragen und dem Jubilar eine überaus große Schar von Freunden und Anhängern in beiden Bezirken und darüber hinaus geworben. Tr©tz der durch die Beschaffenheit seiner Doppelstellung vielfach gesteigerten amtlichen Inanspruchnahme findet Herr Feuilleton Religiöser Wahnsinn. Bekanntlich haben die Völkischen, diese verschärfte Type der Deutschnationalen, nicht nur Juden und Judentum mit ihrem Hasse beehrt, sondern auch die katholische Glaubensgemeinschaft und diese oft noch ingrimmiger, noch leidenschaftlicher, was sich wohl aus dem Umstände erklärt, daß von Seite der katholischen Führer, parteitechnisc'h gesagt vom Zentrum, eine für die Herren gefährliche Abwehr- und Angriffstätigkeit ausgeht. Die Entartungen der völkischen Presse haben in diesem Belange bereits pathologische Formen und steigern sich bis zum fertigen religiösen Wahnsinn. „Die Glocke" hat in ihrer Nr. SO mit großem anerkennenswerten Fleiß die bemerkenswertesten Fälle religiöser Tobsucht zusammengetragen, um die Gemeinschädlichkeit der Völkischen zu demonstrieren. Im folgenden übernehmen wir aus der „Glocke" diese Giftblütenlese, die jede Glossierung entbehrlich macht: „Am 10. August 1923 wurde in einer vom nationalsozialistischen Zweckverband Nürnberg einberufenen Versammlung von dem berüchtigten Agitator Dolle ausgeführt: „Das alte Sonnenrad, das religiöse Symbol unserer heiligen Vorfahren, ist mit dem Untergang germanischen Heidentums zum Hakenkreuz geworden. Darauf ist das Juden-Christentum stärker zum Einfluß gekommen und hat das deutsche Volk immer mehr verweichlicht und zur Feigheit erzogen. Das Hakenkreuz hat die Form des Christenkreuzes angenommen . . . Das künftige religiöse Zeichen der Deutschen sei das Sonnenrad . . . Freilich wird die Vernichtung des Christentums und seine Ersetzung durch den altgermanischen Götterkult nur unter ungeheuer blutigen Kämpfen möglich sein." Die deutschnationale Abgeordnete Käthe Schirrmacher äußert sich in einer 1922 erschienenen Broschüre: „Mir offenbart sich Gott am deutlichsten im Vaterlande. Es ist mir das Ursprüngliche, Urgewaltige, Urelementare. Meine Ueberzeugung ist: Leben wir, so leben wir Deutschland, sterben wir, so sterben wir Deutschland, wir leben oder sterben, so sind wir Deutschland." (Eine nationalistische Blasphemie von Römer 14,8.) Der deutschvölkische Schriftsteller Gustav Müller schreibt in einer 1922 erschienenen Flugschrift: „Wenn es gelänge, alle Blutsjuden aus dem Lande zu jagen, würde das verjudete Innere der heutigen Neudeutschen sehr bald neu1 Massen blonder Gesinnungsjuden zeigen. Der der Bibel Treubleibende fällt dem religiösen Judengift zum Opfer .... Das vererbte Christentum ist seelisch tot. Aus Schutt und Asche muß auf dem Boden der Spannungslehre und Gewissenshochzucht ein neues, edleres Christentum geboren werden." Dr. Heinrich Pudor schreibt in der von den Völkischen eifrigst geförderten Zeitschrift „Neues Leben" (1920): „Der Gott des Neuen Testaments ist ebenso wie der des Alten Testaments ein Judengott und entspricht der jüdischen Auffassung. Die Bibel ist ein Judenbuch, ein Buch von Juden für Nichtjuden. Germanien soll wieder auferstehen. Fort mit dem Judenbuch, der Bibel." In derselben Zeitschrift lesen wir 1919: „Vom Judentum können wir nicht eher loskommen, bevor wir nicht unsere eigene, naturverschiedene, völkische und rassische Artung vom Christentum befreit und reinlich losgeschält haben wrden." In der gleichen Zeitschrift 1919 (Nr. 12): Man sieht in der Entwicklung des Christentums immer wieder, wie die jüdisch-abstrakte palästinensische Denkart mit der nordischarisch-germanischen kämpft. Wenn Herkules oder Siegfried, wenn Wolfram v. Eschenbach, ja selbst Goethe oder Schiller zum Leben erweckt wären und etwa im Weltkriege eine Kompagnie hätten führen müssen: sie hätten es alle gekonnt. Jesus Christus? Nach den Grundsätzen der Bergpredigt? Das Christentum versagt immer wieder. Ich wage jetzt zu sagen, daß die christliche Lehre gottlos ist." In den „Alldeutschen Blättern", Jahrgang 1915, Seite 17, ist zu lesen: „Ungermanisch ist auch die christliche Auffassung von der angeblichen Gleichheit und Gleichberechtigung aller Menschen und Völker .... Das Christentum erkennt keine rassisch bedingten Seelenkräfte an, und der getaufte Wedda oder Hottentotte ist unser Bruder in Christo." Wiederum in der Zeitschrift " „Neues Leben", Jahrgang 1919, Nr. 12: „Nichts anderes als germanisckseelische Wiedergeburt, die nur auf völkisch erhöhter Grundlage überhaupt möglich ist, vermag uns noch von dem herein-