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Die Wahrheit · 1924-09-19 · Heft 38 (19.9.1924) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 38 (19.9.1924)
Date
1924-09-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT^] Deut schösteirciclilsctie Wochenschrift ffir indische Interessen " Pill dem öeiDSafl; Veröffentlichungen der ..Union deutschösterreichischer Juden Redaktion und Administration: Wien II.. Helnesirafie *». - Fernruf 42-2-16 XL. Jahrgang Wien, 19. September 1924 Nummer 38 Ist die Hauptquelle der christlichen Gedankenwelt judisch oder hellenistisch? Bemerkungen zu dem Vortrag des Univ.-Proi. Anathon Aall (Christiania) Der im Rahmen der Internationalen Hochschulkurse an der Wiener Universität gehaltene Vortrag will in kurzer, populärer Darstellung religionsgeschichtliche Wahrheiten über die Entstehung der christlichen Gedankenwelt vermitteln. Es wird festgestellt, daß die Predigten Jesu sowohl der form wie den Leitmotiven nach vielfach den Stempel semitischer Empfindung und jüdischer Tradition trugen und auch gewisse orientalische, besonders persische Vorstellungen enthalten, die das damalige Judentum assimiliert hatte. Hier könnte das Wort „vielfach" füglich wegbleiben.;,Die Religion Jesu ist demnach orientalisch-palästinensische Frömmigkeit; sie ist etwas anderes als die griechische Philosophie." „Orientalsch-palästinensisch" klingt wohl gelehrter, ist aber doch nur dasselbe wie „jüdisch", das man vermeidet, obwohl ,4'n den Augen der Juden als a,uch im Urteil der „Heiden" es sich immer noch nur um eine Religion handelt, die auf Sinai gegründet, . . . die aus dem Glauben an die heilige Schrift des alten Testaments und -aus den Hoffnungen auf Messias ihre hauptsächlichste Nahrung zog." „Das Wort von der Liebe . . . herrschte vor. Doch bedeutet das keine absolute Neuerung." (!) „Bald aber mußte die christliche Missionspredigt zu definitivem Bruch mit dem alten Judentum führen. Der Anlaß ist die Berührung der neuen jüdischen -Religionsform mit der griechischen Philosophie oder mit einer von ihr inspirierten religiösen und titerarischen Bewegung." Der Satz ist unklar: Es gab keine neue jüdische Refigionsform; es gab in Palästina meist fromme Juden und in Alexandrien, besser gesagt, außerhalb Palästinas, weniger religiöse, die sich vielfach mit hellenischer Philosophie befaßten. „Geschichtlich wirkungsvoll wurde die Tatsache, daß die Juden um diese Zeit tief vom Griechentum berührt wurden. Damit beginnt eine neue Phase in der Geschichte der griechischen Philosophie." Hier wird selbstredend Philo von Alexandrien und der Logosbegriff erwähnt, welche in ihrer „führenden Rolle bei der Vereinigung jüdisch-christlicher Religionslehren mit der griechischen Weltanschauung" auch nach Gebühr gewürdigt werden. In der Einleitung hierzu heißt es: „Der Gegensatz zwischen der jüdisch-christlichen Religion und der griechischen Philosophie mußte zunächst unüberbrückbar erscheinen." In meiner Abhandlung „Frommt uns ein neuer Glaube?" (Philo-Verlag, Berlin, 1923) habe ich auseinandergesetzt, daß es nie „möglich geworden, zwei im Wesen so grundverschiedene Lehrelemente wie Mono- und Pleiotheismus," die man beide gleicherweise als Häresien verurteilte, miteinander zu versöhnen und zu verschmelzen . . . Man hat den Zwiespalt in der Auffassung Christi: im Marcus-Evangelium ein Gläubiger der Lehre Mosis — im Johannes-Evangelium Träger einer heidnisch-alexandrinischen Dogmatik, nie mehr aus der Welt schaffen können. Es stehen sich die reine Lehre der Offenbarung und die gemischte, aus differenten Bestandteilen, nämlich aus Offenbarung, umd Philosophen! komponierte Dogmatik der Kirche in scharfem Gegensatz gegenüber. Der Vortragende betonte meines Erachtens zu wenig, daß es Paulus war, der mit seiner intensivon Propaganda die Verquickung des Philosophems mit dem biblischen Monotheismus betrieb und daß diese Propaganda das im großen Römerreich vereinte Heidentum, nicht etwa bloß jenen Teil betraf, der von .hellenischem, philosophischem Gedankenmhalt erfüllt war. Es bestand ein schroffer Gegensatz der Ansichten über den Wert des alten biblischen Gesetzes undi (die Berechtigung seines Weiiterbestandes zwischen dem Apostel Petrus und Paulus, der schließlich im Sinne des letzteren entschieden wurde. Professor Aall meint, daß „erst in der Mitte des zweiten Jahrhundert p. C. die Apologeten, welche aus dem alten Testament und aus den Stoikern Heraklit, Piaton, Sokrates usw. schöpften, den Beweis liefern wollten, daß die christliche Lehre nichts anderes als eine tiefere und wahrere Philosophie sei, als die Menschen bisher kannten, dem Wesen nach jedoch mit der Lehre und Denkweise der griechischen Philosophie vergleichbar." Ja, dann ist wohl der biblische, alttestamentarische Gedankeninhalt der Religion Christi, nach der er lebte, der Grund dieser größeren Tiefe und Wahrheit. Dann ist die Frage doch nicht dahin zu beantworten, daß die Hauptquelle der christlichen Gedankenwelt hellenistisch und nicht jüdisch sei! Die Gnostiker hatten, wie der Vortragenide sagt, den wahirhaift philosophischen Geist in ihrem christlichen Denken noch vermissen lassen. Daß die schriftgelehrten Theologen mit griechischen Philosophen und Rhetorikern diskutierten und A u g u s t i n sowie Marc. C ap e 11 a' vom sogenannten N e u p 1 a t o n i s m u s beeinflußt wurden, kann für die Frage nach der Hauptquelle der christlichen Gedankenwelt nur sehr nebenbei in Betracht kommen. Noch weniger darf ein Historiker die Kontinuität mit der griechischen Weisheit in der Denkweise der christlich erzogenen abendländischen Welt in der Gesetzgebung zum Ausdruck gebracht sehen. Die Gesetzgebung war fiSSSiiESSlHESJIiaaKEiä^ ^W^-ryy

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