Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 37 (12.9.1924)
- Date
- 1924-09-12
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 10 DIE WAHRHEIT Nr. 37 daß wir das Gefühl inniger Liebe zur Heimat haben, ihr stets nützlich zu sein, den festen Entschluß, sie gegen ihre Feinde zu verteidigen und für sie, wenn es sein muß, das Leben hinzugeben. Dieser Patriotismus der Juden ist gesund, berechtigt und vernünftig. Der gute, wahre Patriotismus ist den Juden nicht minder eigen als den besten Bürgern. Wie könnte es auch anders sein? Noch von einem heimlichen Abscheu durchzittert beim Gedanken an das Ghetto, dessen Pforten sich vor ihm selbst in den vorgeschrittenen Ländern erst vor kaum einem Jahrhundert geöffnet haben, ist er erkenntlicher als irgendein anderer Bürger für die Wohltaten einer Staatsordnung, die ihm seine Menschen- und Bürgerwürdie sichert, und auch stolzer, als die meisten seiner Mitbürger auf die vergangenen und künftigen Schicksale seines Landes, an welchem ihm erst seit kurzem mitzuwirken vergönnt ist. In allen Kriegen der letzten hundert Jahre war die Zahl der Juderi. diile ihre Vaterlandsliebe mit ihrem Blute besiegelt haben, höher als das Verhältnis der jüdischen zur gesamten Bevölkerung. Man findet sie in den ersten Reihen überall, wo es gilt, für das Gemeinwohl sich zu opfern und die Bürgerspflichten anders als durch leere Worte zu erfüllen. Ich muß indes, um aufrichtig zu sein, in aller Offenheit erklären, daß jeder tätige eiifröge Patriotismus, der über alle Mühen und! Opfer geht, über die der Jude auch so stolz ist, nur in jenen Ländlern am Platze ist, die Wert darauf gelegt haben, ihren, Juden ein wirkliches Vaterland zu bieten." Aus einem Briefe Nordaus an Erdtracht: „Der Krieg war die verwerflichste menschliche Tat, da er aber einmal war, so ist es die Aufgabe unserer tapferen, jüdischen Jugend, einen zweiten Krieg zu verhindern. Sie und viele andere unserer Besten haben bewiesen, daß die Juden ihre Pflicht dem Staate gegenüber nicht vergessen, daß sie ihr Blut und Gut ihm zu opfern bereit sind. Ich hoffe, daß das vergossene Blut der jüdischen Soldaten nicht vergebens war. Ich hoffe, daß die unterdrückten, verleumdeten, mißhandelten Juden] in bessere Lebensbedingungen versetzt werden. Ich hoffe, daß die Juden im Osten es nicht mehr notwendig haben werden, vor dem Antisemitismus zu fliehen, da sie an taiusenden Wunden ihrer Körper ihre Staatsanhäniglichkeit bewiesen habend Aber auch eine Hoffnung habe ich, daß die jüdische Jugend, däe im Felde von Enthusiasmus ergriffen war, auch dieselbe Begeisterung und denselben Mut haben wird, um ihr eigenes Volk zu verteidigen und zu erlösen. Europa — hoffe ich — wird nun, durch den Krieg belehrt, die Juden als Mitarbeiter am allgemeinen Fortschritt würdigen, in der Ueberzeiigunigr daß unterrichtete, ihrer Menschenwürde bewußte, glückliche Juden viel willkommener an dem Werke des menschlichen Fortschrittes werden arbeiten können, als die in tiefer Unwissenheit zurückgehaltenen, erniedrigten, mit Füßen getretenen und in häßlicher Anmut steckenden Juden." Vom größten Interesse dürfte noch ein Auszug aus einem großen Aufsatze Nordaus sein, der der OÖffentlichkeit noch unbekannt ist. Er behandelt Deutschlands Psychose nach dein Zusammenbruch und insbesondere den Zusammenbruch eines seiner größten Heroen. „Ballin war einer der hervorragendsten Männer Deutschlands. Die Berliner Regierung zog ihn in allen Fragen der Seeschififahxt, der Kolonien, des Außenhandels zu Rate. Kaiser Wilhelm verlangte seine Bekanntschaft zu machen, lud ihn zum Besuche in Potsdam und in Berlin ein, erwiderte seine Besuche in Hamburg und an Bord seiner Schiffe, empfing ihn im vertrauten Kreise, behandelte ihn als Freund und großen Günstling und überhäufte ihn mft amtlichen Ehren. Wiederholt bot er ihm ein Minister Portefeuille an, das BalliSn klug genug war, jedesmal auszuschlagen. Man versichert sogar, er habe ihn in einem gewissen Augenblick zum Reichskanzler machen wollen, zum Nachfolger Bismarcks. Die Vertrauten des Kaisers, all die Generale, Kammerherren und anderen Höflinge mit Degen, Schlüssel und Livree, nahmen Anstoß an diesen Beziehungen zwischen ihrem allerdurchlauchrigsten Herrn und dem „kleinen Posener Juden", aber sie hielten ihren Aerger geheim und wenn Ballin vor diesen katzbuckelnden Herrschaften in Uniformen und mit Orden vor Fürsten und Seelen von Lakaien vorüberging, konnte er sich für ihresgleichen, ja, für etwas Besseres als sie halten... Es war am Vorabend der Waffenstreckung Deutschlands. Ballin wurde ins Hauptquartier des Kaisers berufen, der ihn im Beisein Hindenburgs und Luidendorffis um seine Meinung über die Lage und insbesondere diarum befugte, ob der Krieg bis zum Aeußersten fortgesetzt und jede Rücksicht fallengelassen werden solle. Ballin widerriet lebhaft diesem Vorsatz und empfahl dringend einen Frieden der Zugeständnisse und Versöhnung, indem er mit angsterfüllter Beredsamkeit bei den furchtbaren Gefahren verweilte, die Deutschland auf lange Jahre, vielleicht auf Jahrhunderte bedrohten, wenn seine siegreichen Feinde seine Handelsflotte vernichteten, es von allen Meeren verdrängten, seine Beziehungen zu den überseeischen Ländern unterdrückten und seinen Welthandel erwürgten. Senne militärischen Zuhörer erhoben sich entrüstet und mit Beschimpfungen gegen diese Worte und Kaiser Wilhelm, der seinen Zorn nicht bemeistern konnte, warf ihm die verächtliche Bemerkung ins Gesicht: „Ihr jüdischen Händler wollt euch in meinem Reiche der Gewalt bemächtigen. Nun denn, ich werde euch nicht gestatten, euch mein Reich anzumaßen und das deutsche Volk eurer Herrschaft zu unterwerfen." Schmachvoll aus der Gegenwart des Kaisers davongejagt, kehrte Ballin nach Hamburg heim und da er die Erinnerung an die Schande des eben erlebten Auftrittes nicht ertragen konnte, schoß er sieh eine Kugel ins Herz. Das ist wohl die Wahrheit dieser Geschichte von Verzweiflung und Tod. Man hat an gewissen Stellen nicht verfehlt zu betonen, diaß dieser leidenschaftliche Vaterlandsfreund ein Jude war und daß er, indem er sich freiwillig den Tod gab, mit tragischer! Feierlichkeit das böswillige Gerede von einem antisemitischen Deutschland Lügen strafte, , das seinen Untertanen mosaischen Bekenntnisses eine gehässige Stiefmutter sei. Ja, aber bei dieser Lesart ist es nicht lange geblieben." Erkläret mir .... Die Oberammergauer wollten Wallfahrten gehen, und zwar ins gesegnete Land Dollaria. Sie hatten sich auch einen Impresario zugelegt. Richtig traten sie auch auf einer amerikanischen Schau in New-York monatelang in ihrer historischen Tracht auf. Aber der Ertrag war gering. Sie mußten sich sogar Geld für die Rückreise schicken lassen und mit Gesichtern, die noch länger waren als ihre Mähnen, kamen sie in ihre Heimat zurück. Die Amerikaner haben eben kein Verständnis für eine Angelegenheit, die auch tatsächlich nur auf heimatlichem Boden sehenswert ist. Nun schimpfen die Wallfahrer auf ihren Impresario, der Michaelsohn heißt und Jude ist. Ob mit Recht oder Unrecht, bleibe dahingestellt. Wie kommen die frommen Oberammergauer aber auch zu einem jüdischen Führer? Eine interessante Millionenerbschaft. In Nograseverk (Ukraine) wurde bei einem Kosakenüberfall im Jahre 1852 dem dortigen Vorbeter Simon Hurevitz sein zehnjähriger Sohn Nathan geraubt, der ihm bei der Bestellung seines kleinen Anwesens behilflich gewesenwar. Das Kind war verschollen. Erst nach Jahresfrist traf von ihm ein Brief ein, in dem er berichtete, wie man ihn mit furchtbaren Martern, u. a. durch Brennen mit glühenden Eisen, zwingen wolle, seinen Glauben zu verlassen. Dies war das letzte Lebenszeichen des Entführten. Hurevitz und seine Frau starben mit Hinterlassung zweier Töchter, von denen die eine nach Philadelphia heiratete, die andere in Rußland verblieb. Dieser Tage erhielt die Amerikanerin von ihrer Schwester, von der sie seit dem Ausbruch des Weltkrieges nichts gehört und die sie bereits tot geglaubt hatte, die Nachricht, in europäischen und amerikanischen Blättern würden von dem Testamentsvollstrecker eines in San Francisco verstorbenen katholischen Bischofs namens Hurwitz dessen Anverwandte aufgefordert, sich zu melden, um eine nach Millionen zählende Dollarerbschaft anzutreten. Die Bemühungen der Angehörigen, die Identität des Erblassers mit jenem geraubten Judenknaben nachzuweisen, versprechen Erfolg, und die amerikanischen Zeitungen lassen sich, wie begreiflich, diese Sensation nicht entgehen. geltes IROTGA55E-1 JAC. MAYER Kleider-, Pelzeu. Gummimäntel-Fabrik Zentrale: Detail verkauf: Wien II, Glockengasse 24 Wien II., Tabörstraße 44