Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 37 (12.9.1924)
- Date
- 1924-09-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 8 die wAmmrf Nr. 37 „Man weise die Juden aus!" Der „Heiimgarten" des aflten Rosegger, jetzt von seinem Sohne ganz Im nationalistischamtiseanirischen Siraie geführt, leistet sich in seiner jüngsten Nummer einen üblen „Scherz". Er schreibt auf Seitie 479: Eim Preisausschreiben! Der Miteigentümer des „Neuen Wiener Journals", Herr J. Lippowitz, hat eine Stiftung gemacht, aus der ein jährlicher Preis von zelm Millionen Kronen zur Auszahlung kommen soll für einen Leitartikel, der praktische Vorschläge zur Milderung 'der Rassen- und Klassengegensätze enthält An diesem Preisausschreiiben will sich auch der1 „Hehngarten" beteiligen, und obwohl das Problem ziemlich schwierig scheint, so ist gleichwohl seine Lösung recht einfach. Unser „Leitartikel lautet kurz und bündig: „Da in Europa die rassischen Gegensätze zwischen Ariern und Juden die schärfsten sind und Juden sich außerdem als die ärgsten: Hetzer im Klassenkampf betätigen, so weise man die Juden au s." Der „Heimgarten" erucht hiemit Herrn J. Lippowitz um Zuerkeninuing des diesjährigen Preises ... Armer Peter Rosegger, wie hast du düch in deinem Sohne verändert! „Diener Gottes — —" Lebt da im Polen ein geistlicher Bischof Losinsky. Von ilirn berichtet jetzt eine Telegraphenagentur: „Als der Bischof Losiusky die unlängst von einer russischen Banditenbande heimgesuchte Stadt Stolbzy besuchte, wurde er unter anderen auch von einer jüdischen Delegation mit dem Rabbiner an der Spitze, mit Brot und Salz «empfangen. Der Rabbiner hielt eine Ansprache und drückte die Hoffnung aus, daß der Bischof helfen werdie, den Frieden unter der Bevölkerung zu erhalten. Darauf erwiderte der Bischof: „Ich will glauben, daß Ihr m»r das Brot aus vollem Herzen gespendet habt, leider muß ich sagen, daß sich unter Euren Brüdern zahlreiche feinde Polens befinden. Ich meine nicht Euch persönlich, aber das jüdische Volk -kn allgemeinen ist unser Feind." In einer späteren Rede anläßlich der Grundsteiniegung für das Denkmal der Opfer des Ueberfalls, sagte der Bischof: „Ich wiederhole es und ziehe nichts von meinen Worten zurück: Die in Polen lebende jüdische Masse ist unser Feind, da helfen keine schönen Reden. Auch wenn Christus selbst das leugnen sollte, würde ich es trotzdem wiederholen. Polen ist kein Aufenthalt für Staatsfeimde. Der Boden gehört den Polen und den Weißrussen, nicht den Juden. Diejenigen, denen es hier nicht gefällt, mögen fortziehen." — Schimpft mir aber nicht gleich auf die „polnische Kultur". In Deutschland geht es ähnlich zu. Als die Offizierbünde neulich eine Tannenbergfeier' hielten und der dicnbe, aber herzliche Ton der „ergrauten Krieger" verschollen war, Meß sich ein Hofprediger vernehmen. Der „Montag Morgen" berichtet: „Bis dahin war kaum ein offenes Wort gegen die Juden gefallen. Diese obligate Pflicht blieb einem üottesdiener, dem Hofprediger Dr. Vogel, vorbehalten, der den christlichen Idealismus der Freiheitskriege mit dem jüdischen Materialismus des heutigen Deutschland verglich." Diener Gottes---! Mit dem Bettelsack. Herr Fritsch freut sich in Nummer 533 seines „.Hammer" etwas verspätet des schönen Wahlerfolges, aber in diesen Freudenbecher fällt ein Wermutstropfen. Der Wahlfonds ist gänzlich verbraucht, mehr noch: es wurden erhebliche Schulden gemacht, die beglichen werden müssen, also, liebe Parteigenossen, spendet rasch und viel. Der kluge Mann baut vor. Er riecht Reichstagauflösungsluft und die Notwendigkeit der Neuwahlen steht in naher Zukunft. Ohne Geld aber keine Wahlen. Deutscher, tu Geld aus deinem Beutel in den Bettelsack der Völkischen! Nimm dir den Juden zum Vorbild! Von diesem Feinde kannst du lernen, offene Hand zu haben, wenn es dem wohlverstandenen eigenen Interesse gilt. Mann mit zugeknöpften Taschen, dir tut niemand was zuleid. Denn Kriegführen gegen Juden kostet Geld und nochmals Geld. Niemand säume, keiner :-:Ögere seine Pflicht 2u tun ... So oder ähnlich spricht Ehren-Fritscu in seinem Aufsatz „Ein ernstes Wort an die völkischen Wähler." Natürlich ein ernstes, sehr ernstes Wort denn in Geldsachen versteht Herr Fritsch keinen Spaß. Wenn er mich eine ergötzliche Schnorrerepisode erzählt: Ein findiger Kopf hatte vorgeschlagen> daß jeder der 54.000 völkischen Wähler eine Mark für den Wahlfonds spende. Darauf gingen 21, schreibe einundzwanzig, Mark ein, denn fast jeder der Angerufenen dachte, auf seine Mark werde es nicht ankommen. So ungefähr dachten auch die Lalenburger, als sie zum Jubiläum ihres Bürgermeisters ein Faß Wein darbringen wollten. Jeder sagte sich, auf deinen Humpen kommt es nicht an. und so kam ein v )'lts Faß Wasser zustande. Ja, die deutsche OprerwMügkeit braucht scharfe Kontrolle. Darum hämmert der Hammer tüchtig a.<t die lässigen Genossen los. „Wo es an Zechen und Schmausen und andere Vergnügungeiiygeht, da ist no.-ii immer Geld vorhanden." Im Vertrauen, lieber Herr Fritsch, vom Zechen und Schmausen hat der Wähler etwas, von der W ahl nur die Gewählten, deshalb ist wenig Hoffnung auf eine gelungene P.etrelsackaktion. Von den Franzosen des Ostens. Als solche lassen sich die . Rumänen gerne ansprechen, oder vielmehr sie sprechen sich selbst am liebsten so an. Wie wenig sie diese Bezeichnung verdienen und daß sie das geringste Recht, als Kulturnation zu gelten, haben, lehrt der folgende wahrhaft schändliche Fall: Jüngst wurde in Czernowitz der Kellner Schaje Fischel zur Ausweisleistung angehalten. Er hatte wohl Dokumente bei sich, die seine Identität zur Genüge feststellten, besaß aber kein Militärdokument. Obwohl er erklärte, er sei von der Assentkommission in Radautz vom Militärdienst befreit worden, und sich verpflichtete, dies nachzuweisen, wurde er verhaftet und der Gendarmerie überstellt. Von der Gendarmerie wurde er von Posten zu Posten nach Radautz übergeführt, damit dort festgestellt werde, ob seine Angaben der Wahrheit entsprechen. Was Fischel bei den einzelnen Gendarmerieposten erduldete, ist kaum zu schildern. In Kuczurmare wurde er in einen nassen Keller gesperrt. Nach einigen Stunden wurde er aus dem Keller geholt und vom Gendarmeriewachtmeister blutig geschlagen. Kaum waren einige Minuten verstrichen, als ein anderer Gendarm Fischel abermals heraufholen ließ und ihn ebenfalls mißhandelte. Vor dem Abtransport nach Hliboka mußte sich der Kellner entkleiden und bekam auf die Fußsohlen und die Knie Hiebe mit einer Rute. Dann zwangen ihn die Gendarmen, auf Heu stark blutenden Knien zu tanzen. In Hliboka wurde er vom Gendarmen mit zehn Ohrfeigen empfangen. Da der Gendarm an der Brieftasche, den Handschuhen und den Hosenträgern Fischeis Gefallen fand, eignete er sich diese Gegenstände einfach an. Von Hliboka wurde Fischel nach Radautz transportiert, wo festgestellt wurde, daß seine Angaben auf Wahrheit beruhten. Nun wurde er in Freiheit gesetzt. Vier Tage hate die Haft gedauert und während dieser Zeit hat Fischel fast gar nichts zu essen bekommen. — Man begreift, daß die rumänische Gendarmerie, die so sehr von wichtigeren Beschäftigungen in Anspruch genommen ist, kerne Zeit findet, die zahlreichen Räuberbanden unschädlich zu machen. Fort mit Schaden! Die „Deutsche Tageszeitung", die in betriebsamer Weise sich einen förmlichen Basar nationaler Kunst- und Gebrauchsgegenstände beigelegt, ohne daß sie damit merklichen Erfolg gehabt hatte, sucht sich unter jeder Bedingung ihres Besitzes zu entäußern und inseriert. Gratis lebensgroßes, künstlerisches Oelgemälde des Kaisers in kostbarem Rahmen, fast zwei Meter groß. Abzugeben gegen Berechnung des Rahmens für M. 300.—. Angebote unter K. X. 34.931 a an den Verlag dieser Zeitung. Wie man sieht, schätzt der Verlag der deutschnationalen Zeitung an dem Bildnis Wilhelms II. einzig den Rahmen. Den Kaiser selbst gibt es zu seinem wahren Wert ab, nämlich unentgeltlich. Diese betriebsame Erscheinung zeigt auch von einer Art Majestätsbeleidigung gegen den sonst vergötterten deutschen Kaiser. Das andere Spanien. Es ist, als ob es die Blutschuld der Inquisition unter Peter Arbuus und Torquemada nach Jahrhunderten in einer verspäteten Sympathie für die Urenkel der Gefolterten und Verbrannten sühnen wollte. Das andere Spanien war es, das dem in Deutschland verfolgten und geschmähten Forscher Einstein Gastfreundschaft bot, sich anheischig machte, einer jüdischen' Universität Raum zu geben und neuestens den berühmten jüdischen Maler Liebermann durch Aufnahme in die königlich spanische Akademie der Künste ehrte.