Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 37 (12.9.1924)
- Date
- 1924-09-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Nr. 37 Winnen, die diese im Leiden und Dulden bewiesen haben! Was ist all das, was wir heute erdulden müssen, all unser seelisches Leid gegen das, was man unseren Vorfahren vor bald tausend Jahnen zugemutet harte! Und wie haben sie es ertragen! „Die Feinde marterten sie und überlieferten sie dem Schwerte. Sie stärkten sich an dem Vorbild ihrer Brüder, ließen sich erschlagen und heiligten den Gottesnamen; sie boten den Hals dar, sich den Kopf abhauen zu lassen im Namen ihres Schöpfers; manche auch legten Hand an sich selbst. Sie erfüllten das Wort dies Propheten: „Die Mutter auf den Kindern ist hingestreckt, der Vater fiel auf den Söhnen." Sie schlachteten, der seinen Bruder, jener seinen Verwandten, seine Frau und seine Kinder, auch Bräutigame ihre Bräute, zärtliche Frauen ihre Lieblinge. Alle nahmen mit ganzem Herzen das himmlische Urteil auf sich, indem sie ihre Seelen ihrem Schöpfer empfahlen, schrien sie: „Höre, Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig." Die Feinde zogen sie nackt aus und schleiften sie und warfen sie umher; keinen ließen sie übrig, äußer einigen, die sie zur Taufe zwangen. An achthundert war die Zahl der Erschlagenen an diesen zwei Tagen, sie alle warf man nackt ins Grab. Durch die Han£_Gortiesi fielen sie, er brachte sie zur Ruhe, zu dem großen Lichte im Garten Eden; siehe, ihre Seelen sind gesellt dem Bunde dies Lebens bei dem ewigen Gott, ihrem Schöpfer, bis ans Ende der Zeiten." Wie mag diesen jüdischen Müttern in ihrem tiefen Familiengefühl zumute gewesen sein, als sie ihre eigenen Kinder töten mußten, um sie nicht in die Hände ihres unerbittlichen Feindes fallen zu lassen! Der Uebertritt zum Christentum hätte sie retten können, aber niehti der leiseste Gedianke kam diesen Menschen, durch Verrat an ihren höchsten und heiligsten Gütern sich das irdische Leben zu erkaufen. Wir täten den Deutschen jener Tage unrecht, wenn wir sagen würden, daß sie alle mit dem Treiben jener Kreuzfahrer einverstanden gewesen wären; man mißbilligte in den anständig denkenden christlichen Kreisen — und glücklicherweise gab es noch solche — durchaus das Verhalten dieser Horden, und es fanden sich auch Männer, die sich der schutzlosen Juden annahmen und ihnen die Mauern der festen Städte öffneten, um sie dort zu bergen, bis die furchtbare Welle vorbei war. In Mainz fanden sich angesehene Bürger, die diesen Mördern entgegentraten und sie hindern wollten, den Juden etwas Böses zu tun, so daß es sogar zu einem Kampf zwischen Bürgern und Kreuzfahrern kam, in dem ein Kreuzfahrer fiel. Und; wenn nun der Ruf erschallte, der uns überliefert ist: „An all dem sind die Juden schuld," fühlen wir uns dia nicht in unsere Tage versetzt? Ist nicht die bloße Existenz des Juden schon eine Schuld in den Augen vieler anderer? Furchtbar ist das, was sich nach unserem Bericht in Mainz zutrug. Wohl versprach der Bischof Ruthard den Juden seinen Schutz, nachdem er sich tüchtig dafür hat bezahlen lassen —und! auch dies ist ein böses Kapitel in der mittelalterlichen Geschichte: der Judenschutz, aus dem man sich ein einträgliches Geschäft machte — aber ihn wirksam durchzuführen, war er nicht in der Lage, wollte er wohl auch gar nicht. So sah jener Hof des bischöflichen Palastes die furchtbarsten Szenen. Unabweisbar brach das Verhänignis über diese armen Menschen herein, und wollten sie nicht in die Hände der Feinde fallen, so mußten sie sich gegenseitig töten, wie wir es oben geschildert haben. Und trotz allen Mitleidens, das wir mit diesen Menschen empfinden, ist es doch auch wieder ein Gefühl des Stolzes über die Art und Weise, mit welch innerer Standhaftigkeit sie in den Tod gegangen sind und einer dem anderen durch sein Vorsterben das Ende leichter machen wollte. Müssen wir nicht wenigstens jene Rachel nennen, die Tochter des R. Izchak ben R. Ascher, die Gattin des R. Jehudä, die ihre eigenen Kinder tötete, um sie nicht lebend in die Hände der Feinde fallen zu lassen, bei denen sie im Irrglauben erzogen würden? Ueber tausend Tote barg dieser bischöfliche Palast, und nur Tote fanden die Feinde, als sie! eindrangen. Diese Verfolgungen, sie haben den innerlich stolzen Juden gebrochen, sie haben aus dem frei dahjnschreitenden Menschen einen gedrückten, scheu sich umsiehenden Knecht gemacht, der sich ewig verfolgt glaubte, und der den Mut zum Leben verlor. Nur noch in der Stille des Ghettos, in das er sich zurückzog, hinter den verschlossenen Toren seines Judenviertels, da fühlte er sich sicher, und nur noch in der Beschäftigung mit den heiligen Schriften lebte seine gequälte Seele wieder auf. Wer also ist schuld an jenem Typ der Juden, den sie nun so verachten, in dem sie etwas Minderwertiges sehen, wer hat ihn zu dem gemacht, was er noch heute in vielen Ländern ist? Am Anfange einer neuen Epoche stehen die Judenverfolgungen der Kreuzzüge; nun wurde der Golus für die Juden erst die Verbannung im eigentlichen Sinne. Wohl sind fast tausend Jahre seitdem vergangen, aber das, was jene Epoche uns erzählt, ist doch gerade in den heutigen Tagen gar sehr bedeutsam. Unrecht.*) Von Georg Kubatzki. Wir haben im Schützengraben gelegen, Uns mutig gesetzt dem Feinde zur Wehr; Wir haben gefochten mit Kolben und Degen Und haben geblutet für Deutschlands Ehr'. Wir haben gehungert und haben gegeben, Es strömten Väter und) Söhne ins Feld; Man fragte nicht nach Gesundheit und Leben: In fremder Erde liegt manch jüdischer Held. Zu Haus ward gebetet, gehofft und geduldet, Gemeinsame Arbeit: das einzige Ziel; Man fühlte, was man dem Vaterland schuldet, Ob Christ oder Jud — man fragte nicht viel. Zum Dank für alles, was wir gelitten, Was wir geopfert auf dem Altar, Vom inneren Feinde wird es bestritten, Was wir vollbracht — ist alles nicht wahr . . . 0, zählet die Krüppel und zählet die Hügel, Zählt, wieviel Juden gefallen im Krieg, Haltet die lügenden Zungen im Zügel, Helft, o helft doch der Wahrheit zum Sieg. *) Aus Nr. 21 der „Jüdisch-liberalen Zeitung1', Berlin.