Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 37 (12.9.1924)
- Date
- 1924-09-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37 _ DIE WAHRHM_____________ ______________........________________ SeiteJl sollen wir denn schlimmer daran sein, als andere Nationen? Im Jahre 1907 hat ein Berliner Zionistenführer in einem umfangreichen Buch nachgewiesen, daß vom echt zionistischen Standpunkte keiner aufhört, voMberechtigter, aktiver Jude za sein, auch wenn er sich soviele Male taufen läßt, als ihm beliebt. Im Gegenteil, das Fesithalten an der jüdischen Religion als dem einzigen unveräußerlichen Merkmal des Juden, schmeckt bedenklich nach Assimilation und ist darum entschieden zu verwerfen. Ein Jude, der von den anderen Juden als von Glaubensgenossen anstatt Stammes-) odkr Volksgenossen spricht, ist stark verdächtig, und in der zionistischen Presse wird er mit Mohn überschüttet. Zionistische Gelehrte, z. B. Dr. Jakob Klatzkin, haben mit hinreißender Beredsamkeit und unwiderleglichen Beweisen dargetan, daß die jüdische Religion längst verstorben ist und aufgehört hat, zu existieren und daß wir daher das Judentum schleunigst auf eine neue Basis, der Basis der Nationalismus umstellen müssen; der ist heutzutage allgemein beliebt und verspricht Dauer. Die größte zionistische Partei, die der Poalezionisten, fordert seit Jahren, die jüdischen Gemeinden sollen aufhören, Religions-, Kultus-, Synagogengemeinden zu sein, und sich in Volksgemeinden verwandeln, die sich um den ganzen „heiligen Klimbim" nicht zu kümmern, sondern ausschließlich die sozialen und nationalen Angelegenheiten zu besorgen hätten. Was verfängt es also, wenn eine einmal dieses obsolete Ding! endlich in die Rumpelkammer wirft? ... Es ist kein Zweifel, daß diese Gedankengänge in sehr vielen Fällen (besonders bei Mischehen) die Rolle des Gewissensbeschwichtigers spielen und den letzteren Schritt beschleunigen. Manche Zionistenführer haben übrigens dafür gesorgt, daß ihre Sprößlinge sich nicht taufen sollen — indem sie sie als Christen zur Welt kommen ließen... Der ganz konsequente Zionismus, der keine Konzessionen macht, „verneint das Golus", er malt es in den düstersten Farben: das Judentum ist hoffnungslos verloren, unrettbar dem Untergange geweiht, wenn es nicht den schrecklichen Goluskerker ehestens verläßt und sich nicht in die Freiheit rettet. Es existiert eine ganze Literatur dieser „Golusverneinung", und sie ist so bitter, daß die mittelalterlichen Klagelieder aus den traurigsten Zeiten, die sich ja auch, freilich aus anderen Motiven, aus dem Golus hinaussiehnten, die reinen Idyllen dagegen sind. Diese Literatur ist darauf berechnet, das Gefühl der Unerträglichkeit des Golus bei sensitiveren Lesern derart zu steigern, daß sie keine Mühe scheuen sollen, das Golus zu verlassen. Es gibt zwei Auswege aus diesem schrecklichen Kerker, der eine ist offen und breit, aber sehr weit, beschwerlich, dornenvoll und Gottes Wort. Gottes Wort — ein sicherer Hort Uns zur Lehre — Feinden zur Wehre. Wahr und rein — kostbar und fein Darnach zu streben — das Höchste im Leben. In seinem Schimmer — zu; wandeln immer War der Väter Heil — bleib' auch unser Teil. Wird! es fleißig gelehrt — hast Du es immer gehört, Dann ist Dir' Frieden beschieden — im Leben schon hiernieden. P. mühselig, er führt nach dem Judenstaat in Palästina. Der andere liegt etwas versteckt, ist aber ganz nahe und kurz, und wer sich entschließt, ihn zu gehen, der ist bald — draußen, er ist das Golus und sein Leid gründlich los. Sehr, sehr viele, denen das. Golus durch seine Verneiner tief in der S£ele verekelt worden ist, haben sich durch dieses schamvolle, versteckte Hinterpförtchen ins Freie hinausgeschlichen ... Hans Herzl hat zahlreiche Weggenossen ... Das Beispiel Hans Herzls wird gewiß sehr vielen seiner Alters- und Gesinnungsgenossen den letzten Schritt, vor dem sie noch aus allerlei Rücksichten zurückzuschreckten, erheblich erleichtern, und man darf sich in den nächsten W;ochen auf einen größeren Bedarf an Weihwasser gefaßt machen. Andere aber werden sich trösten: Es war nicht das Judentum, das in der Person des Hans Herz bankrottiert hat... Der ungläubige Thomas. Verfolgungen vergangener Tage. Von Dr. Willy Cohn, Breslau. (Schluß.) Das ist die Nachtseite jener Kreuzzüge, von denen man immer nur preisen hört daß sie den Gesichtskreis erweitert haben, da sie die Dichtung mit neuem Leben erfüllten. Aber der Weg, er war mit Blut gezeichnet und die Leichen unzähligeT erschlagener schuldloser Juden lagen auf der Straße, die nach Palästina führte. Das darf man nie vergessen, wenn man von jenen Ereignissen spricht und liest, das! schwebe uns immer vor Augen, wenn man in irgendeiner Waftensammliing ehrfürchtig erschauernd vor der Rüstung eines Ritters steht. Vielleicht hat ihr Träger einstmals sein Mütchen an unseren schuldlosen Vorfahren gekühlt. Es war im Jahre 1096, als zügellose Scharen auf eigene Faust sich aufmachten, um den Weg nach dem Heiligen Lande anzutreten, vielleicht auch gar nicht einmal von der Absicht getragen, wirklich bis dahin vorzustoßen. „Alle Schrecken'*, so erzählt der Bericht von dem Schicksal der Gemeinde zu Mainz, „die in den Büchern der Thora gedroht sind, trafen uns; alles, was geschrieben steht, brach über uns herein, gleichwie das, was nicht geschrieben steht; über uns, über unsere Söhne und Töchter, unsere Greise und unsere Knaben, unsere Knechte und unsere Mägde, unsere Großen und unsere Kleinen kam bittere Not." Und diese Not war umso schlimmer, weil man in verhältnismäßig günstigen Umständen bisher gelebt und es gar nicht so empfunden hatte, daß man im Golus, in der Verbannung war. Freie und aufrechte Menschen waren die deutschen Juden, als jene entsetzliche Kreuzzugswelle über sie hinwegging, die sich durchaus gleichberechtigt fühlten mit ihrer nicht jüdischen Umgebung. Was müssen es für wundervolle Menschen gewesen sein, wie stark und sicher müssen sie sich in ihrem Judentum gefühlt haben, daß sie bis auf wenige Ausnahmen für ihren Glauben lieber den Märtyrertod erlitten, als daß sie die christliche Religion annahmen, und wenn die Geschichte wirklich diel große Lehrmeisterin ist, die sie sein sollte, welche Kraft müßten eigentlich alle die, die in ihrem Judentum schwach und wankend geworden sind, aus der Beschäftigung mit der Größe dieser Menschen ge-