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Die Wahrheit · 1924-09-12 · Heft 37 (12.9.1924) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 37 (12.9.1924)
Date
1924-09-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 37 Todesstrafe. Wer einen Menschen stiehlt undi ihn verkauft, oder er wird noch in seiner Hanidl gefunden, der soll mit dem Tode bestraft werden.14) Aber selbst wenn dieser Hansell nicht als1 Diebstahl qualifiziert würde, eine Verführung: ist er doch immerhin und da heißt es in (der heiligen Schrift: Wenn ein Mann ein juingfrä-uliches Mädchen findet, das noch nicht verlobt war ouüd ergreift sie und wohnt ihr bei und sie werden betroffen, so soll der Mann,, der ihr beigewohnt hat, diem Vater dies Mädchens fünfzig Silibersehekel geben und ihm soll sie zum Weibe werden, weil er sie geschändet hat, er darf sie sein Lebelang nicht verlassen.15) Es ist gewiß keine Übertreibung, wenn wir sagen, daß es kein Volk und keine religiöse Gemeinschaft auf Erden gibt, welche der Frau eine so hohe Wertung zuerkannt hätte, wie gerade das Judentum:16) Was dir Sara sagt, das tue, ruft Oott dem Abraham zu.17) Wer eine Frau; gefunden!, hat Glück gefunden und hat Gunst erlangt von Gott.18) Und welche Gemeinschaft kann auf ein schöneres Loblied auf die Frau hinweisen, wie der Jude in seinem Hymnus im Spruchbuche,19) der uns das1 Ideal einer jüdischen Hausfrau schildert und der da! beginnt mit den Worten: Ein Biederweib, wer findet sie? Weit über Perlen hinaus geht ihr Wert. Haus und Habe ist das Erbteil der Väter, von Gott aber kommt ein einsichtsvolles Weib.20) Ein tüchtiges Weib ist seines Gatten Krone, aber wie Fraß in seinen Gemeinen ist ein schandbares.21) Der Frauen Weisheit Baut ihr Haus, Torheit aber reißt es mit eigenem nieder.22) Und die Eheversehreibungsurkunde der alten Formel beginnt mit den Worten: Sei mein Weib, und ich will dir dienen, dich hochschätzen, ernähren und versorgen nach der Weise jüdischer Ehemänner, die ihren Frauen dienen, sie: hochschätzen, ernähren und1 versorgen, iin Wahrheit. Mit Recht durfte darum Wünsche sagen: In dem guten Zeiten des israelitischen Volkslebens nahm das Weib einen so hohen Rang ihrem Manne gegenüber ein, wie bei keinem anderen orientalischen Volke. Es wird hoch gepriesen wegen seiner Tugendhaftigkeit und Gottesfurcht, wegen seines Fleißes und seiner Ordnungsliebe. Es ist nicht die Sklavin des Mannes, sondern seine Lebensgefährtin und Gehilfin. Im Hause führt die Frau das Regiment und hilft den Besitzstand mehren. Sie: ist nicht rechtlos, wie auch die Töchter nicht rechtlos sind. Die Heiligkeit der Ehe stand so hoch, daß sogar die Propheten öfters das Verhältnis Israels zu Gott unter idem Bilde eines Eheweibes zu seinem Bheherrn darstellen.23) Und1 der Talmud sagt, daß der Auszug der Kandier Israel aus Aegypten, also eines der bedeutsamsten Ereignisse in der israelitischen Geschichte, den keuschen Frauen Israels zu danken ist.24) Ja, eine Frau die keusch ist, ist würdig, daß ihre Söhne Hohepriester werden.25) Daß nun ein Volk, welches eine so hohe Meinung vom Weibe, von der Frau überhaupt hatte,26) jede Unsfttlichkeit und jede Unkeuschheft diem Weibe gegenüber verbietet, ist selbstverstänldlich. Und zahllos1 sind die Bestimmungen, die das unsittliche, inhumane Nähern an eine Frau oder an ein Mädchen strengte verurteilen.27) Das erwachsene! Mädchen wird von seinen Eltern vermählt oder zum Zweck einer Vermählung in das Haus desjenigen gegeben, der sie später für sich oder für seinen Sohn zur Frau zu haben wünscht. Selbst wo vom „Verkauf" die Rede ist, empfängt zwar der Vater einie Entschädigung, und das Mädchen „dient" im Hause des Feuilleton Max Adler „Neue Menschen".*) Manche schwören auf das Wort der BibeJ: „Wer seinen Sohn liebt „der züchtigt ihn"; andere halten es mit Se. Majestät, das „Kind", dem sogar Despotismus erlaubt sein darf. Alle aber erblicken im Kinde irre Hoffnung und Zukunft, eine möglichst freundliche, die ernste Gegenwartsarbeit fordert Nicht über das Ziel, nur über die Weg© dahin gibt es Meimingsverschiedenheit. Die Schule, sofern sie: im Sinne «unserer Zeit nicht bloß Lernschule, sondern auch Erziehungsanstalt sein soll, ist deshalb mehr als ein PoMtikuin, sie ist Pflegestätte des Kidturmaterials. Wenn nun Max Adler in seinem neuen, geistvollen, polemischen Werke vom Neuen Menschen spricht, so meint er amdere Menschen ta Sinne seines Parteibekenntnisses als unbeirrbarer Marxist Mit Klauen und Zähnen verteidigt er sein System gegen den bekannten. Er- 2iehungsreformer Wyneken, der für eine „Jugendkultur" ohne politischen Einschlag ist, gegen die Umiforrnierung der Gewissen, gegen jeglichen Drill im Dienste einer Klasse. Wobei aber Wyneken selbst nicht frei von politischer Einstellung geblieben ist. Diesbezüglich hat Adler glücklich die Schärfe und Blöße des Gegners entdeckt und benutzt^ wie aus dem folgenden bemerkbar. Wer die Formen kennt, die neuerdings einzelne Tele der freideutschen und besondlers die völkische Jugendbewegung angenommen hat, die von einem phrasenhaften Bekenntnis zum Staat, zur echten Staatsgesinnung, zum Volksganzen trieft, der weiß, daß däeser Wälie. zum Stak* und diese Gesinnung fürs Ganze nur der Schrei nach eitlem starken Staat der Intellektuellen gegen das Proletariat, das Streben nach einer neuen Aristokratie ist, also nur eine, freübh nur die kurioseste Abart des großen Klassenkampfeis, unterzeichnet *) Laubsche Verlagsbuchhandlung, 1924. „Daher auch der Kultus des Heros und (dies heroischen Staatsideals bei diesem Teil der bürgerlichen Jugend, die freilich nicht sehr wählerisch ist in der Verleihung dieses Adelstitels. Wird ja auch Hitler oder Ludendorff als Heros verehrt (Vergleiche übrigens hierzu den Aufsatz Max Bondy „Freideutsche Politik", abgedruckt in dem Bericht über die Hofgeismarer Tagung am 2. Oktober 1920, Hofgeismar. „Ein politischer Versuch in der Jugendbewegung". Herausgegeben von W. Ehmer, Diedrichs, 1921.) Hier wird als „das allgemeine Ziel der Politik" bezeichnet „Die Errichtung und Aufrechterhalturag der Herrschaft einer Gruppe, einer Schicht, eines Typus, der sich mit innejner Selbstverständlichkeit zum Herrscher berufen fühlt und der die konkreten Gefühle der Gerechtigkeit nach seinem Gewissen bestimmt" Und als solche zur Herrschaft berufenen Gruppe erklärt der, Redner nur den Typus der ihm gleichgesiinaDteni Intellektuellen, deren „differenzierte Sensibilität zu zart ist um bei materieller Not nicht zu zerbrechen". Und da der Sieg des Proletariats für diese Gruppe daher Nivellierung bedeuten würde', „so muß die Parole für unseren Typus heißen: bei einem heute ausbrechendem Eutscbeidungskampfe auf Seiten der weißen Garde gegen die rote stehen" (Seite 28 und 29). Diese Anschauungen blieben allerdings nicht unwidersprochen, aber daß sie überhaupt im Rahmen der „JugendMtur" auftreten! können!, ist nur durch den rein formalen Charakter dieses Begriffes m politischer Hinsicht erklärlich und ermöglicht" Dieser gelungene Ausfall richtet sich ©egen die von Wyneken herausgegebene, seinem JugendikultuirJdeale dienende Zeitung „Die grüne Fahne". „Deutschtum", heißt es in dem Prospekt der neuen Zeitschrift, „ist uns eine Selbstverständlichkeit des Blutes; und des Geistes, also kein Programm und kein Parteimoniopal." Aber von dem Deutschtum des Blutes sollte überhaupt gär nichts gesprochen wenden. Seine Erwähnung ist geradezu eine Konzession an rassische Anschauungen, die ja stets vermeinen, daß ein Deutschtum des Geistes möglich wäre, auch ohne ein solches des Blutes. Und überhaupt wäre gerade von einer Zeitschrift, die eine neue Jugend fördern will, zu erwarten, daß

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