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Die Wahrheit · 1924-09-12 · Heft 37 (12.9.1924) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 37 (12.9.1924)
Date
1924-09-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Deulscliösferreicliisclie Wochenschrift Ihr Jüdische Interessen Pitt dem Beiblatt. Veröttentlichungen da* „Union deotschösterreichisdier Juden" Redaktion und Administration: Wien II.. Helnestroae *3. - Fernruf 42-2-16 XL. Jahrgang Wien, 12. September 1924 Nummer 37 Ein Gruß an den VI, Internationalen Weltkongreß zur Bekämpfung des Mädchen- und Kinderhandels in Graz. Vom Universitäts - Dozenten Dr. David Herzog, Landesrabbiner in Graz. Das International Bureau of the Suppression of the Traffic in Women and Children in London und die Föderation Abolitionniste Internationale in Genf veranstalten in der Zeit vom 18. bis 24. September 1. J. über Anregung des1, überaus rührigen und gelehrten Dr. theol., jur. et rer. pol. Johann Ude, Professor an der Universität in Qraz, ihre diesjährigen (sechsten) Weltkongresse in der reizenden Hauptstadt der grünen Steiermark, in Graz. Diese beiden Kongresse, auf welchen die Not und! der Jammer der verhandelten armen, unglücklichen Frauen, Mädchen und Kinder von hervorragenden Fachgenossen und edlen Menschen besprochen werden sollen, um dtie in der ganzen Welt gesammelten Erfahrungen zur Linderung dieser schreienden Mißstände zu verwerten, können auch uns Juden nicht gleichgültig lassen. Nicht allein, weil schon unser persönliches Empfinden uns zwingt, an der Bekämpfung dieser Uebelstände mitzuarbeiten, sondern weil wir als Juden die hehre, Verpflichtung haben, auch von Religionswegen mitzuarbeiten an der Beseitigung dieses schändlichsten aller Gewerbe. Gerade wir Juden, die wir ja die heilige Verpflichtung haben, überall dort, wo Menschen in Gefangen- und Sklavenschaft geraten sind, sie auszulösen und zu befreien,1) müssen alle Hebel in Bewegung setzen, daß endlich dieser die Menschheit schändende Schacher ein Ende finde. Man braucht ja nur unsere Relilgionsgesetzesbücher aufzuschlagen, um zu stehen, von welch tiefer Humanität und Sittlichkeit gerade die Anordnungen erfüllt sind, die uns zur Linderung der Not der unfreiwillig in fremde Macht Geratenen verpflichten. Pidjon Schebhuim mizbha rabba hi: Das Auslösen von Gefangenen ist eine hohe sittliche Tat, denn Schbhl! qascha mikulam (Cherebh weraiabh), dekulhu ithnahu be, weil Gefanigensein schwerer ist, als selbst Hunger und Schwert.2) Es gibt darum kein größeres Gebot, so heißt es, als das Auslösen von Gefangenen! Denn der Gefangene gehört zu den Hungrigen, Durstenden, Nackten und Lebensgefährlichen.3) Wer sich darum der Auslösung von Gefangenen entzieht, übertritt folgende Gebote: Du sollst dein Herz nicht verhärten;4) verschließe nicht deine Hand;5) stehe nicht still bei der Gefahr deines Nächsten;6) er herrsche nicht über ihn mit Strenge vor deinen! Augen;7) tu ihm deine Hand auf;8) es lebe dein Bruder bei dir;9) liebe deinen Nächsten wie dich selbst10) und rette die dem Tode Preisgegebenen11). Ich glaube deutlicher und eindringlicher konnte kein Gesetzgeber dieses Gebot den Herzen einprägen. Und in der Tat, was kann es Grausameres, Furchtbareres geben, als wenn ein Mensch zwangsweise seiner Freiheit beraubt wird? Ist nun uns Juden dies alles schon dort geboten, wo Menschen festgehalten werden, bei denen' aber die Annahme einer baldigen Befreiung vorauszusetzen ist,12) wie erst bei Menschen, die von skrupellosen, unsittlichen, unmoralischen, geldsüchtigen Menschen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen irregeleitet und zu dauerndem Schaden geführt werden? Stelle sich jeder vor, was es heißt, einem armen, unschuldigen, unerfahrenen Mädchen, das hierzulande, namentlich in unserer Zeit der wirtschaftlichen Nöte, keine Aussicht auf eine Versorgungsmöglichket hat, das in eine trostlose, trübe Zukunft schaut, in der Ferne ein Paradies vorzuzaubem, um es dann inj ein Schandhaus zu stecken, wo es seelisch, moralisch und physisch zuigrundegeht! Ist das nicht die grausamste, Gefangenschaft, die furchtbarste Sklaverei, aber auch die höchste Entweihung der uns eingeborenen Freiheit, der Gotteskindschaft, der Ebenbildlichkeit Gottes und der uns immer wieder so streng eingeprägten Nächstenliebe? Wer vermag all den Jammer, die Not, die Pein, das grauenhafte Unglück dieser Aermsten zu schildern? Man sage nicht, einen solchen Handiel fcigentlich gebe es ja gar nicht! Ja, es gibt einen solchen und wer ihn sehen will, der braucht nur in die Großstädte, namentlich aber in die größeren Hafenstädte Asiens, Amerikas und Europas zu gehen, um zu erfahren, wie viele solcher unglücklicher Geschöpfe es gibt, die eben unter einer Vorspiegelung falscher Tatsachen, namenltich einer Eheschließung, die sich aber hinterher als eine Scheinehe erweist, versklavt und verschachert werden? An der Abstellung solcher Mißstände haben wir Juden, die wir ja zur edelsten Nächstenliebe verpflichtet sind, haben w i r in ganz besonderer Weise zu arbeiten. Daß es aber für uns Juden in dieser Hinsicht wie bei allen anderen Geboten keinen Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden geben darf, bedarf bei der ausgesprochenen Gleichheit aller Menschen und über die sich auf alle Menschen zu erstreckende Nächstenliebe, die das Judentum gebietet, keiner näheren Ausführung.13) Wir sind zu dieser Stellungnahme aber auch verpflichtet aus Gründen des uns überlieferten Verbotes von: Menschendiebstahl. Ein solcher Handel mit Menschen kann doch nicht anders als Menschendiebstahl, ja Menschenraub qualifiziert werden! Auf Menschenraub aber stand unerbittlich die

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