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Die Wahrheit · 1924-09-05 · Heft 36 (5.9.1924) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 36 (5.9.1924)
Date
1924-09-05
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 36 DIE WAHRHEIT Seite 9 haupt zur Nitederlegung seines Mandates als Abgeordneter des Thüringer Landtages veranlaßt wird, da er sich durch! sein Draufgänger tuan und seinen unparlamentariiischen Radikalismus die Sympathie selbst seiner) Getreueisten verscherzt hat Unfreiwilliger Humor. Die „Salzburger Chronik" vom 21. August d. J. triumphiert unter „Zur Judenfrage" über die heldenhafte Konsequenz, mit der „Mattsee" sich auch in diesem Sommer judenrein erhält. In derselben Nummer wird, unter „Golling" der „bekannte Virtuose Roderich Bass" belobt, daß er für die Abbrändler Gollings ein Wohltätigkeitskonzert mit klingendem Erfolg gegeben hat. Dem Salzburger Chronisten diene zur nachträglichen Kenntnisnahme, daß Roderich Bass in Golling zu demselben Volke gehört, das in Mattsee keine Aufnahme findet. Moltke und die Juden. Man sollte meinen, daß ein Professor, selbst dann, wenn er völkisch ist, bei Schilderung geschichtlicher Tatsachen die Historie und nicht seine persönliche politische Ueberzeugumg zutgrumdelegt. Amders Professor Dr. Siegismund aus Weimar, der in Nr. 354 der schon von Bismarck wegen ihrer Gehässigkeit getadelten „Kreuzzeiitung" in einem Artikel „Moltke über die Juden" zu dem Ergebnis kommt, daß der greise Feldmarschall ' „die Judenfrage im Grunde genommen genau so auffaßte wie die Völkischen". Nun ist es richtig, daß Moltke als blutjunger Leutnant in seiner „Darstellung der inneren Verhältnisse und des gesellschaftlichen Zustandes in Polen" sich äußerst ungünstig zwar nicht über die deutschen, jedoch über die polnischen Juden ausgelassen hat. Aus diesem Buch zitiert nun der Kreuzzeitungsartikler. Was er aber verschweigt, ist die Tatsache, daß Moltke ausdrücklich in späteren Jahren von dieser einer Ansicht abrückte, „da er sie aus schon damals erschienenen größeren Werken zusammengetragen habe, sich dieser Jugendarbeit nicht weiter erinnere und keinen Wert auf dieselbe lege". (Siehe „Vossische Zeitung" vom 3. Mai 1890.) A1 s 1884 das Buch noch einmal in der Zeitschrift „Vom Fels zum Meer" veröffentlicht wurde, fehlten gerade jene für die Juden u n g ü ns t i g e n Stellen. Selbstverständlich stürzten sich die damaligen Antisemiten mit Wollust auf diese neue „jüdische Mache des jüdischen Professors Kürschner". Dieser, der damals die Zeitschrift „Vom Fels zum Meer" herausgab, nötigte die antisemitische Zeitung das „Volk" in einer Mai-Nummer von 1891 folgendes festzustellen: 1. sei er weder Jude, noch „Judenstämmling"; 2. habe der General den Abdruck nur unter der Bedingung gestattet, daß jene Stellen wegbleiben. — Soweit die professorale Weisheit. Da aber die Deutschvölkischen durchaus Moltke sich zum Vorbild nehmen wollen, und auch wir glauben, daß die wahre Meinung dieses Mannes über die Juden dazu beitragen könnte, die Antisemiten eines Besseren zu belehren, sei ihnen noch einiges über den wahren Moltke mitgeteilt, schon damit dem Herrn Professor bei seinen historischen Studien nicht etwa wieder ein Malheur passiere: Am 18. Dezember 1873 feierte man in Deutschland die 25jährige Wiederkehr der Wahl des Juden Simson zum Präsidenten der Frankfurter Nationalversammlung. Unter den Gratulanten befand sich auch Moltke; er schrieb: „Gestatten Sie den vielen Glückwünschen, welche Ihnen heute aus allen Teilen Deutschlands zugehen, auch den meinigen zuzufügen. Was Sie vor 25 Jahren angestrebt, woran Sie ein Vierteljahrhundert festgehalten, das sehen Sie heute verwirklicht. Mögen Sie noch lange des stolzen Bewußtseins sich erfreuen, vor vielen für die Größe des Vaterlandes gewirkt zu haben." Nun hören wir die Antisemiten sagen, daß Moltke dieser „Ausnahme, die nur die Regel bestätige", seine Reverenz erwiesen habe. Zu unserem Bedauern sehen wir uns genötigt, festzustellen, daß sich das „antisemitische Vorbild" sogar — Schreck laß nach! — zwei Rabbinern gegenüber ganz unzweideutig über seine Meinung in bezug auf die Juden ausgelassen hat: Auf eine Predigt, die ihm der Rabbiner Cassel in Druck übersandte, da sie zum Besten „des Nationaldanks für Invaliden" verbreitet wurde, anwortete Moltke: ..Geehrter Herr Doktor! Die Zusendung Ihrer am 11. November 1866 .gehaltenen Rede hat mich sehr erfreut, indem ich darin ein Zeichen erblicke des einträchtigen Zusammenwirkens aller Stände und Konfessionen zum Wohle und zur Größe des Vaterlandes. Mit verbindlichstem Dank verbleibe ich Ihr ergebenster (gez.) v. Moltke." Am 30. Oktober 1890 'bedankte sich Moltke bei dem Rabbiner Dr. Singer (Koblenz) für ein Glückwunschschreiben zu seinem Geburtstage. In diesem heißt es unter anderem: „Es freut mich aufrichtig, aus Ihrem Schreiben zu ersehen, daß auch unter den Mitgliedern Ibrer Gemeinde die Erinnerung an jene große Zeit lebendig gelblieben ist, in der alle Unterschiede der Konfession und der Landeszugehörigkeit zurücktraten vor dem Bewußtsein der Zugehörigkeit zum großen Vaterlande." Ob nun auch Moltke verjudet ist? L. K. Theater, Kunst u. Literatur Unromantisches Morgenland. Aus dem Tagebuch einer Reise. Von Leopold Weiß. Mit vielen Bildern in Kupfertiefdruck. Frankfurter Societäts-Druckerei G. m. b. H.. Abteilung Buchverlag, Frankfurt a. M. Gzln. M. 5.50, brosch. M. 4.—. Das Morgenland, in das uns Leopold Weiß geleitet, ist nicht das Morgenland der Heiligen drei Könige, nicht das Lamid. in dem man so gerne nach den biblischen Traditionen sucht. Der Verfasser zeigt uns in künstlerisch schönster, aber nicht in romantischer Weise, das Gesicht des modernen Morgenlandes, seine gärenden und lebendigen Kräfte, die heute in Aegypten, Palästina, Syrien und Transjordanien sich auswirken. Neben den rein anschaulichen Schilderungen der Reisen zwischen den Städten Damaskus, Beirut, Jerusalem, Kairo, Jericho und vieler anderer mehr, führt uns Weiß zu dem leidenschaftlichen Freiheitsdrange der Araber, zu den Fehden der Beduinenstämme, zu den schwierigen Problemen des Zionismus und zur schwer durchschaubaren Diplomatie der englischen Politik. Eines allerdings steht in dem Völkergewoge fest: der Orient wird auf die Dauer eine unnatürliche, das heißt von Westen kommende Politik nicht ertragen. Noch steht hinter;edem Gedanken, der in die Zukunft des Morgenlandes dringen will, ein Fragezeichen, aber gerade dies macht den Reichtum des „unromantischen" Buches aus: daß es entführt in ein Land der ahnungsreichen Phantasie. Schön und leuchtend sind die vielen Bilder, die das Buch schmücken. Giovanni Giolitti: Denkwürdigkeiten meines Lebens. M*t einem Charakterbild des Menschen und Staatsmannes von Olindo M a 1 a g o d i, Senator des Königreichs Italien. Uebersetzt von Wolfgang C. Ludwig Stein. In Halbleinen gebunden. (Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt.) In der Memoirenliteratur neuerer Zeit nehmen die „Denkwürdigkeiten meines Lebens" von Giovanni Giolitti eine hervorragende Stelle ein, nicht allein wegen der Bedeutung des Verfassers, sondern auch deshalb, weil wir es hier nicht mit einer durch äußere oder persönliche Umstände hervorgerufenen Veröffentlichung zu tun haben, sondern uns vielmehr das Bild eines abgeschlossenen Lebenswerkes vor Augen gestellt wird, das den Zeitraum des letztverflossenen Halbjahrhunderts umfaßt. Man übertreibt schwerlich, wenn man sagt, daß die Geschichte dieses Lebenswerkes streckenweise beinahe gleichbedeutend ist mit der Geschichte Italiens selbst, von dem ersten Werden des jungen Staates, dessen Hauptstadt von' Turin nach Florenz und von dort na>:h Rom verlegt wurde, bis zum Eintritt Italiens in den Weltkrieg, den Giolitti aus der hellseherischen Ueberzeugung von seiner langen Dauer, seiner opferreichen Schwere und seinem fraglichen und jedenfalls geringen Gewinn für Italien widerriet, und bis zur Rückkehr Giolittis ans Staatsruder auf den fast einmütigen Ruf der italienischen Parteien, die dadurch stillschweigend die prophetische Weisheit des Mannes anerkannten, der als Geächteter und mit dem Tode Bedrohter Rom am 17. Mai 1915 verlassen hatte. Es ist oft die Frage aufgeworfen worden, ob in der Haltung, die Giolitti dem Weltkrieg gegenüber einnahm, eine deutschfreundliche Geste zu erblicken sei. Diese Fragestellung geht von falschen Gesichtspunkte aus. Giolitti war ein loyaler Anhänger des Dreibundes, verkannte jedoch nicht die Gefahren, welche die militärische Politik barg, die neben der amtlichen Politik Oesterreichs herlief und sie zeitweise stark beeinflußte. Ob Giolittis Urteil in jedem Punkte richtig war, braucht hier nicht untersucht zu werden. Wichtiger erscheint die Frage, ob nicht das Eintreten Giolittis für die Neutralität, statt des Festhaltens an den bisherigen Verbündeten, bereits ein Fehler gewesen sei. Aber die Verbandsdiplomatie, vor allem Frankreich, hatte es verstanden, die öffentliche Meinung mit Hilfe der Presse in langjähriger Arbeit ihren Zukunftsinteressen dienstbar zu machen, während die deutsche Diplomatie das wichtige Instrument der Presse beharrlich vernachlässigt hatte, was sich nun bitter rächte. Die „Denkwürdigkeiten" offenbaren Giolitti als den großen italienischen Realpolitiker. Als bezeichnendstes Beispiel der Wirklichkeitspolitik tritt uns die Vorbereitung und Durchführung des libyschen Unternehmens durch Giolitti entgegen. Es gab kaum eine Großmacht, die nicht offen oder geheim diesem Unternehmen Schwierigkeiten bereitete. Wie Giolitti diese tausend Schwierigkeiten überwand, bildet eine reiche Quelle der Belehrung für jeden Diplomaten. So werden die „Denkwürdigkeiten" des großen italienischen Staatsmannes, indem sie zunächst ein wichtiges Quellenwerk zur fl l^i£«5«.?;v,: r>.\y± "*-nr

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