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Die Wahrheit · 1924-09-05 · Heft 36 (5.9.1924) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 36 (5.9.1924)
Date
1924-09-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite B DIE WAHRHEIT Ni. 36 können. Welch ein beschämender, Kontrast! — Dort der reife, in ieder Partei immer erst — right or wrong! — nationale Engländer; hier der politisch immer noch uiunündige Deutsche, dem man gut täte, wenn das Spielen seiner Nationalhymne m öffentlichen Lokalen zu seiner eigenen Sicherheit verboten würde.--Der Deutsche hat ein altes heiliges Runerizeichen, ein Wahrzeichen semer germanischen Rasse: das aus dem Sonnenrad entstandene Hakenkreuz. — Es müßte als ehrfurchtgebietendes Symbol vor jeglicher Profanierung geschützt sein, und. diejenigen, düe sich zu ihm bekennen, sollten es wifeiein kostbares Kleinod davor bewahren, daß es zum lächerlichen Kotillonscherz herabgewürdigt wird. Aber gerade sie sündigen am meisten. Ich sah in München Damen, deren Hüte ganz und gar mit Hakenkreuzen bestickt waren. — Es werden Hakenkreuz-Schneuztücher angeboten. Im Straßenkot findet man Zigarettenstummel mit Hakenkreuz." Dann regt sich der Schretber über das auch von uns glossierte Inserat einer deutschen Laiidbundzeitung auf. indem „das heilige Runenzeichen als Schutzmarke für Rinderzucht" figurierte. „Die gegnerische Presse lacht hell auf, und im eigenen Lager könnte man weinen ob soviel — Kurzsinnigkeit. — Deibel, muß denn jeder Artikel, jeder Topf der Nacht unter dem Zeichen des Hakenkreuzes angepriesen werden? — Ist denn das Hakenkreuz nichts als ein Warenzeichen, oder was sonst? — In der Badeanstalt auf der Schillerwiese zu Regensburg tragen jetzt Jünglinge sogar Badehosen mit einem Hakenkreuz. — Wie grenzenlos dumm und lächerlich! — Man sollte doch meinen, daß gewisse völkische Kreise zumindest aus den ersten Kinderschuhen heraus wären, um bereits die Erkenntnis dafür zu besitzen, wie sehr sie der Bewegung durch solchen Unfug schaden. — Also, bitte, haltet ein mit der Profanierung des Hakenkreuzes!" Ob sie sich das zu Herzen nehmen werden? Schwerlich, denn Geschäft ist Geschäft und die Hakenkreuzblätter selbst kündigen unentwegt im Inseratenteil Gebrauchsartikel, mit Hakenkreuzschmuck an." Bei einem Wirte wundermild . . . Herr Klaus Kürschner, der Wirt des Gasthauses Kürschner in Kötschach (Kärnten), von dem wir heute berichten wollen, verdient diesen Ehrentitel wie kaum ein anderer. Die unglücklichen Sommerfrischler, die angelockt durch landschaftliche Schönheiten das Pech haben, dem Gasthof Kürschner hereinzufallen, bekommen Tag für Tag, dank der genossenen Verpflegung des Herrn K. ohne Unterschied der Konfession jene Magenzustände, die die Gesinnungsgenossen des Wirtes durch ihre literarischen Produkte im „Eisernen Besen" mit gleicher Intensität hervorrufen, — sie erbrechen. Bei den nur zu berechtigten Beschwerden würzt der wackere Wirt das Mahl brüllend mit frechen Redensarten wie „jüdische Bagage", „Juidengesindel hinaus!" usw. und verweist bei jeder Gelegenheit auf die Tür seines stolz als „Hotel und Pension" bezeichneten Stalles. Er verläßt sich scheinbar darauf, daß ihm dank seiner Verwandtschaft mit der aus lauter „Kläusen" bestehenden Ortsbevölkerung, zu der auch die Gerichtsdiener des Sprengeis zählen, absolut nichts geschehen könne, um so mehr, als im Orte so gut wie keine Konkurrenz vorhanden und die Gäste den Pensionspreis im Voraus zu bezahlen veranlaßt worden sind. So ist das Publikum — fast durchwegs Frauen mit ihren Kindern — nahezu wehrlos den Flegeleien dieses 23jährigen edlen Jünglings ausgeliefert. Man sollte derartigen Individuen, die den Ruf des österreichischen Fremdenverkehrs in hohem Grade gefährden, keine Konzessionen erteilen, was nur im Interesse der anständigen Landbevölkerung gelegen wäre. Wir würden Herrn Klaus Kürschner raten, auf Grund seiner so unliebsam gezeigten Fähigkeiten sich entweder gänzlich der Schweinezucht zu widmen oder aber als L e h r j u n g e in einen ordentlich geführten Betrieb einzutreten, damit er das, selbst für einen völkischen Gastwirt notwendige Minimum an Manieren und Anstand erlernt. Alle Leser aber, Juden und Nichtjuden, seien auf dieses wertvolle Kötschacher „Etablissement" aufmerksam gemacht. A. R. Spotten ihrer selbst . . . Vor kurzem belustigte sich ein deutsches Antisemitenblatt darüber," daß die „G. V.-Zeitung" an das Pflichtgefühl ihrer Leser appellierend zur Unterstützung des notleidend gewordenen Vereinsorganes aufforderte, und erblickte darin ein sicheres Zeichen des Parteiniederganges. Die Druckerschwärze jener Notiz war noch nicht recht trocken, da las man im „Nationalsozialist", dem in Leipzig wöchentlich zweimal erscheinenden amtlichen Organ der Hakenkreuzler in Sachsen, auf der ersten Seite seiner letzten Nummer den folgenden Hilferuf: „Die Presse unserer Bewegung, also auch der „Nationalsozialist", ist durch die augenblickliche Wirtschaftslage an den Rand des Grabes gebracht. Einige Zeitungen haben bereits ihr Erscheinen einstellen müssen. Es gilt, den Rest der völkischen Presse zu retten, um den Kampf für Deutschlands Freiheit fortführen zu können. Helft alle! Jeder gebe sein Scherflein nach bestem Können und Wollen! Wer mindestens drei Mark spendet, erhält ein Theodor Fritsch-Bild (in Größe von 27X37 Zentimeter). Zahlkarte liegt bei. Jeder werbe sofort einen neuen Bezieher des „Nationalsozialist"; dadurch wird der Verlag am ehesten in stand gesetzt, das so hoffnungsfroh begonnene Unternehmen fortzuführen. Wer fünf neue Bezieher geworben hat, bekommt unsere Zeitung einen Monat umsonst." Es ist sehr fraglich, ob die Aussicht, ein Fritsch-Porträt zu erlangen, ein drei Mark- Opfer bewirken kann, ebensowenig verlocken dürfte ein Gratismonat-Bezug des „Nationalsozialist" sein, um sich der Mühe der Anwerbung fünf neuer Abonnenten zu unterziehen. Die nicht mehr vereinzelten Notschreie der Rechtspresse lassen erkennen, daß es mit ihrer Hochkonjunktur stark abwärts geht. Zuerst Bettelei bei Juden, dann Pogrom. In der Stadt Tejus in Siebenbürgen wunde eine Jugendnratimee zugunsten des Aufbans einer griechiisch-orientalüscheoi Kirche veranstaltet. Man wandte sich auch, an die Juidenschaft des Ortes, die sich im hervorragentdier Weise an den Spenden beteiligte. Zum Schlüsse 'dier Matinee, als die Veranstalter' «guten Mutes waren, marschierten sie zur Synagoge, schlugen' an derselben alle Fensterscheiben ein», drangen auch' in dfas Innere der Synagoge und stellten ungeheure Verwüstungen am. Unter der jüldfechen Bevölkerung der Stadt herrscht große Empörung, um so mehr als man einiger der Täter habhaft Wiarden konnte, sie aber straffrei .ausgehen! ließ. Uebertritte zum Judentum in Polen. Beim Warschauer Rabbinat häufen sich die Gesuche von katholischen Personen, •die zum Judentum übertreten wollen. Das Rabbinat geht sehr vorsichtig zu Werke und stellt in jedem Falle eingehende Untersuchungen an. Nur dort, wo es sich uim gewesene Juden handelt, kommt man den Ansuchenden media* entgegen. So erschien dieser Tage vor dem Rabbinat ein russischer Schriftsteller bekannten Namens, der eigens aus Rußland nach Warschan gekommen ist, um hier seinen Ueber tritt zum jüdischen Glauben zu vollziehen. Er konnte nachweisen, daß seine Eltern Juden waren und daß er getauft worden war. Er wurde in antisemitischen Kreilsen erzogen und er selbst hat mehrere antisemitische Schriften veröffentlicht. Erst später erfuhr er, diaß er'selbst als Jude geboren sei, und seither konnte er die Verachtung und den Haß, die seine Umgebung den Juden gegenüber hegte, nicht mehr ertragen. Er habe sich von seiner Frau scheiden lassen und1 sein vierjähriges Söhnohen mit sieh genommen. Er erklärt nun, er wolle mit seinem Sohn wieder zum Judentum übertreten'. Um einen ähnlichen Fall handelt es sich bei einem 21jährigen Mädchen, das in einem christlichen Waisenhaus erzogen worden ist und einst später 'erfuhr, daß es als Jüdin geboren1 ist Das Mädchen ersuchte dasl Rabbiwatt, es im den jüdischen Glamibem wieder aufzunehmen. Dagegen wurde das Gesuch eines katholischen jungen Mannes, der seinen Beamtenposten aufgegeben hat, um zum Judentum übertreten zu können, nun seine Gelliebte, eine Jüdin zu heiraten, abschlägig bescliieden. In den Kreisen des Rabbimaits erklärt man sich i(üe sich häutenden Uebertrifttsgesuche damit, d;aß in rfüheren Jahrzehnten in Polen und Rußland zahlreiche jüdisch Geborene zwangsweise oder durch die Eltern dem christlichen Glauben zugeführt wurden und unter dem Gewissenszwang jener Jahre nicht wieder zum Judentum übertreten durften. Nunmiehr, da dlie Glaubensfreiheit gesichert ist, findet ein Teil von ihnen den Weg zum Judentum zurück. Rassenreinheit über alles! In der „Straßberger Zeitung" vom 21. Juli 1924 findet sich folgendes1 Inserat: Der Flohzirkus auf dem Vergnügungsplatz, Elisabethstraße kauft rassereine Mensch e n f 1 ö h e unid zahlt. die höchsten Tagespreise. Zu erkennen salien die /rassereinen Flöhe daran sein, daß sie nur Menschen "heimsuchen^ die das Hakenkreuz tragen, die edelsten Exemplare sollen überhaupt nur an der zottigen Mänmerbrust Ludendorrfs gedeihen. Dinter von den Völkischen desavouiert. Vor kurzem ging eine Notiz durch die Presse, daß Dr. Dinter den Vorsitz in dier völkischen Landtagsfraktion Thüringens freiwillig niedergelegt haibe, um sich mehr der Partei widmen zu können. Wie nun dem „Vorwärts" aus Weimar telegraphiemt wird, hat Dinter das Amt. nicht freiwillig niedergelegt, sondlern wunde dazu in einer Sitzung gezwungen, an der auch Ludendiorff teilgenommen hart, Es handelt sich dlabei um eine regelrechte Maßregelung. Ausgeschlossen erscheint es nicht, daß Dinter über-

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