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Die Wahrheit · 1924-09-05 · Heft 36 (5.9.1924) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 36 (5.9.1924)
Date
1924-09-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 36 DIE WAHRHEIT Seite 7 Lied gegen Lied. Deutschösterreich ist seit Kriegsende vom Meere abgeschnitten, also nicht in der Lage, seinen Völkern mit einem Borkumlied zu dienen. Aber schließlich Strand ist Strand und die Donau bei Kritzendorf nächst Wien ist auch eine schöne Gegend, die einen strebsamen Dichter zu dem folgenden donaulänclischen Borkumlied begeisterte: Leise streicht ein sanftes Lüftchen hin. Wo der Donau Wellen ziehn. Selbst dem Strom ist's heut' zumut' Wundersam in dieser Sonnenglut. All der Juden fette Leiber, Nicht einmal die Javdenweiber, Die sich säuegleich am Strande räkeln, Können ihm den Tag verekeln. Alles nimmt er hin gelassen, Denkt sich nur: „loh werd' sie fassen, Wenn die Glocke der Befreiung gellt Und die Judenherrschaft fällt." Anders als das Rote Meer, das feige, Fliehend, ward zum starren Teige, Will ich tosend meine Wellen schwingen. Allesamt sie zu verschlingen." Wille glänzt in seinem Aug', dem hellen, Rascher treibt er seine Wellen. Stolzer Strom, du deutschen Landes Sproß, Sei gegrüßt alis Kampfgenoss'! Dazu bemerkt der Herr Poet mehr geschäftsgeistig als logisch: „Um nun unseren treuen Kampfgenossen nicht im Stiche zu lassen! (?) und die Säuberung seiner schönen Ufer von ungebetenen Gästen nicht .nur in Kritzemdorf in die Wege zu leiten, haben wir einen Sonderabdruck herstellen lassen." Der Mann wird schwerlich auf seine Rechnung kommen. So strohdumm ist doch nicht einmal ein Leser der „Deutschen Arbeiterpresse" (diese gab sich nämlich zur1 Ablagerung dies gereimten Unflats her), daß er für solchen noch Geld hergeben würde. Das donauJändische Borkumlied wird schon eine private Sache zwischen seinem Sänger und dem Verlag der „Deutschen Arbeiterpresse" bleiben. Es soll aber auch auf den bemerkenswerten Unterschied zwischen dem Original-Borkumlied und der blöden Nachdichtung hingewiesen werden. Dort hat der zuständige Regierungspräsident die gesungene Judenschmähung unter Androhung schwerer Geldstrafen verboten, dagegen haben wir begründeten Zweifel, ob die Bezirkshauptmannschaft Korneuburg sich zu ähnlichem Einschreiten veranlaßt sehe, falls der obige Gesang auf Danubiws mit hohem hellen Klang angestimmt würde. Dem Titel unserer Notiz gerecht zu werden, sei aber dem erbärmlichen Borkxim-Ersalzlied ein anderes entgegengestellt, das ein ebenfalls ungenannt sein wollender Dichter den hakenkreuzleriischen Neiidleutschen gewidmet hat: Ja, ja, sie haben es weit gebracht Im Stechen, Schießen unids Morden, Sie sind von den Völkern über Nacht Die besten Schlächter geworden. Ha, wie sie rasen mit Schuß und Stoß, Bin Jeder an Wut ein Orlando, Ein einziger Mörder riesengroß Das ganze Volk auf Kommando. Das Volk in Waffen, ein reißendes Tier. Das! nicht in den Käfig gesetzt w'ird, Das packt und zerfleischt mit blinder Gier, Auf wen es gerade gehetzt wird. Es ischaiut nicht rechts, es schaut nicht links, Es schaut nur auf die Henker; Zum Mordwerk, genügt's des gieigebenen Winks — Das ist das Volk der Denker! Die Schlageter-Buben. Vor einigein Wochen sind, wie bekannt, auf dem jüdischen Friedhofe in Binswangen bei Augsburg vandalische Zerstörungen angerichtet worden. Unter anderem wurde eine Reihe von Grabsteinen dadiurch beschädigt, daß mit einem spitzen Instrument Hakenkreuze eingeritzt worden waren. Als Täter wurden vier Mitglieder des Schlageter- Bimdes, Ortsgruppe Augsburg, ausfindig gemacht Drei davon standen im jugendlichen Alter von 14 biis 16 Jahren. Der 18 Jahre alte) Konditor Herrlin wurde nunmehr vom Schöffengericht Augsburg wegen Grabschändung und Sachbeschädigung zu vier Monaten und einer Woche Gefängnis verurteilt. Nach der Urteilsbegründung wurde als strafmildernd erkannt, daß die als gefühlsroh und gemein anzusprechende Tat zwar vorsätzlich, nicht aber mit Ueberlegung begangen wurde und die jungen Leute durch die in der Schlageter-Gruppe gepflegte Judenfeindlichkeit zu ihrem Tum verleitet worden seien. Eine Bewährungstrist wurde versagt. Ein anziehendes Charakterbild. Heinrich Dolle, jetzt Mitglied des Deutschen Reichstages, ist unseren Lesern nicht unbekannt. Wir hatten wiederholt Gelegenheit, uns mit diesem kleinen Provinzantisemiten, der insbesondere Westfalen unsicher macht, zu beschäftigen. Neulich stand er wieder einmal vor dem Richter. Dolle hatte nämlich früher einmal Verleumdungen über angesehene jüdische Bürger verbreitet und war deshalb in zwei Instanzen verurteilt word. Das ging ihm hart an, und so setzte er auf die alte Verleumdung eine neue, indem er behauptete, die Belastungszeugen, insbesondere Prediger Cohn aus Warburg, hätten einen Meineid geleistet. Leider ließen sich diese Herren die Verleumdung nicht gefallen und stellten Strafantrag. Dolle in seiner souveränen Verachtung überlebter Staatseinrichtungen verschmähte es, zur Verhandlung zu erscheinen. Das Gericht verstand aber keinen Spaß; es erließ Haftbefehl. Als der Landjäger Dolles Wohnung betrat und ihn verhaften wolite, sprang er aus dem Fenster, lief, was er laufen konnte und beschimpfte den Landjäger. Aber, ach! Auf die erhabene Entrüstung des völkischen Propheten reagierte die Behörde mit 5ü Mark Geldstrafe wegen Beamtenbeleidigung, und was das schlimmste ist: Dolle wurde dann doch noch ergriffen. Im Gefängnis suchte er durch einen Hungerstreik Eindruck zu machen und erreichte es schließlich durch seine flehentlichen Bitten, nachdem er ehrenwörtlich versprochen hatte, zur nächsten Hauptverhandlung im Verleumdungsprozeß zu kommen, daß man ihn laufen ließ. Dann kam es zur Hauptverhandlung. In kurzen treffenden Ausführungen wies Rechtsanwalt Dr. Marx dem armen Heinrich seine Verleumdungen nach. Die als Entlastungszeugen Geladenen sagten nicht nur nichts Entlastendes aus, sondern belasteten den Dolle noch aufs neue, und der Staatsanwalt beantragte 150 Mark Geldstrafe. Das brachte den Angeklagten ganz aus dem Häuschen. Die lautesten und schmutzigsten Beschimpfungen des Judentums, seiner Lehren und seiner Anhänger waren ihm gerade gut genug. Das Gericht, den Staatsanwalt, die Rechtsanwälte, die Nebenkläger: keinen verschonte er mit seinen wüsten Schimpfreden. Den Herren Rechtsanwälten Dr. Marx und Dr. Meyer wurde die Sache zu bunt; sie nahmen ihre Akten und verließen den Sitzungssaal. Dolle sprang im Saal herum wie ein wildes Tier, so daß sich schließlich im Zuhörerraum eine große Versammlung von Neugierigen bildete. Endlich kam er zur Ruhe. Einer der Nebenkläger, Herr Prediger Cohn aus Warburg, hielt in sachlichen ruhigen Ausführungen eine kurze Gegenrede, in der er die Lügen und Beschimpfungen, die Dolle vor dem großen, inzwischen versammelten Publikum ausgestoßen hatte, richtigstellte, so daß aus der Gerichtsverhandlung ungewollt eine Aufklärungsversammlung wurde. Nach kurzer Beratung verkündete das Gericht das Urteil. Es ging über den Antrag des Staatsanwaltes hinaus und lautet auf 200 Goldmark Geldstrafe und die üblichen Nebenstrafen. Armer Heinrich Dolle, was sagst du nun dazu? Und armer deutscher Reichstag, was sagst du dazu? Einer, der seinen Leuten die Leviten liest. Derlei kommt zwar bei den Völkischen fast selten vor, umso mehr aber verdient es bekannt gemacht zu werden. „Fridericus" ist dieser weiße Rabe. Unter einem Hakenkreuzzeichen statt jedes besonderen Merkwortes läßt er sich also vernehmen: „Wer es je erlebt hat, wie der Engländer seine Hymne ehrt, weiß, wie ernst und heilig ihm diese Angelegenheit ist. Einmal ertönt die Nationalhymne nicht allüberall, sondern nur bei weihevollen Anlässen, dann aber bleibt da, wo sie erklingt, jedweder Engländer, ob Arbeiter oder Lord, stehen und hört sie ehrfurchtsvoll und mit gezogenem Hute an. Kennt ihr dagegen den Bierlala: „Deutschland über alles!"? Er sollte eigentlich die deutsche Nationalhymne darstellen, ist aber allgemach zum Stimmungs-Cantus für besoffene Angelegenheiten geworden. Es gibt nämlich eine Sorte von Unentwegten, die ihr deutsches Herz immer erst kurz vor dem Delirium tremens entdecken und sich dann stets furchtbar mutig, tapfer und kraftvoll vorkommen, wenn sie bei der Kapelie dutzendmale das Deutschland-Lied bestellen, um jedem etwa Sitzenbleibenden „in Treue fest" den Schädel einschlagen zu

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