Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 36 (5.9.1924)
- Date
- 1924-09-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 4 Dlt WAHRHEIT Nr. 36 Palästinaaktion mildern zu helfen, werden ohne Zweifel sich zahlreiche Nichtjuden in Amerika finden. Und je mehr der praktische Sinn des amerikanischen Kaufmannes sich der Besiedlung Palästinas mit produktiver jüdischer Bevölkerung annimmt, ein um so rascheres Tempo wird in dieses Werk kommen, das immner mehr, und ganz besonders im Licht der amerikanischen Grenzsperre wie der polnischen Judenpolitik als eine unausweichliche Notwendigkeit erscheint. Aber auch das Vertrauen zu der Arbeit am Wiederaufbau Palästinas wird wachsen und in jüdische Kreise dringen, die bisher eine skeptische Haltung zu bewahren Grund zu haben glauben. Jüdische Motive in der Weltliteratur. Von Rabbiner Dr. S. M a n d e 1 s. A. Meinen vergleichenden Studien über obiges Thema (siehe diese Zeitschrift 1921, Nr. 8 ff) lenkten mich auf die freilich längst bekannten Parallelen zwischen Goethes „Faust" und der jüdischen Literatur, namentlich dem Buche Hiob. Vielleicht aber weiß einer der Leser dieses Blattes betreffs folgernder zwei Parallelen Aufschluß, ob und wo sie etwa schon behandelt wurden. Wir stellen Sie mit dem Bemerken einander gegenüber, daß sfte den Beweis liefern, wie das größte Meisterwerk der deutschen Literatur von jüdischen Motiven durchwoben erscheint: „Faust" I., Prolog im Himmel. Der Herr und Mephisto. Versuchung Fausts durch die Sünde gegen Gretchen. Jalkut Schimoni Beresch. Kapitel 49.: „Ma4 sse le' R. Mathja C. Cheresch schehaja joschev 1, 'B.-h.-m. w'ossek rtorati, . . paam echad abar satan umith' kane lo, amar efschar adam k'se lo cechata? amar lif'ne H.-k.-b.-H... ten Ii pschuss w4 assissenu . . . amar lo lech, nidmo lo k' ischa jafah" . . Raumrücksichten untersagen die wöittliche Wiedergabe der augenfälligen Uebereinstimmung dieser Stelle mit ganzen Szenen aus demi „F a u s t", besonders „Faust" I., Hexenküche: Mephisto: Natürlich, wenn ein Gott sich erst sechs Tage plagt Und selbst am Ende Bravo sagt . . . Ich weiß dir so ein Schätzchen abzuspüren, Und selig, wer das gute Schicksal hat, Als Bräutigam sie heimzuführen ... Ferner: Faust I., Auerbachs Keller: Mephisto: Falsch Gebild und Wort Verändern Sinn und! Ort, Seid hier und dort . . . Midirasch Beresch. r. Kapitel 79: Amar (R. Simon b. Jochai) Gosier ani al haeljon schejered w'al hatachton scheja'le . . . R. Simoni bei Jochai, die zaub'erurnwobene Gestalt, die 13 Jahre lang in einer Höhle verborgen, dem Nationialfeind Roma zu entrinnen vermochte, übt hier ihr den verachteten Gegner hinwegzauberndes mystisches Werk, genau so wie Mephisto in Auerbachs Keiler mit den ihn bedrohenden „lustigen Gesellen" es macht. Wie kommt R. Simon b. Jochai zu dem ersten Klassiker des deutschen Dramas? Die deutschen Literaturgeschichten (Scherer, Lebener, von Bartels gar nicht zu reden), die über die kleinste Anregung ihrer Dichter kap'itellange Abhandtungen bringen, schweigen sich über offenkundige geistige Beeinflussungen wie die vorliegende gründlich aus. Die Möglichkeit bloßen Zufalls aber schließt das Be~ kenntnis dieses Polyhistors aus, daß, „so oft das Gemisch von Fabel und Geschiente ihn zu1 verwirren drohte, er gerne nach jenen morgenländisehen Gegenden flüchtete" und den sogar; hebräischen Typen und Judendeutsch unwiderstehlich fesselten. (Goethe: „Aus meinem Leben," 4. Buch.) Verfolgungen vergangener Tage. Von Dr. Willy Cohn. Die kritische Lage des' jüdischen Volkes in dier Gegenwart läßt den Blick unwillkürlich rückwärts schweifen'. Man fragt sich, wie unsere Väter Zeiten der Not durchgemacht und sich dabei doch den Glauben an das Judentum und seine: Aufgabe bewahrt haben. Wir alle haben im Geschichtsunterricht von den Kreuizzügen gehört, die das Heilige Land dem Christentum gewinnen sollten, aber wenig finden wir in den landesüblichen Geschichtsbüchern von den furchtbaren Judenverfolgungen, die eine Schande für alle Zeiten bleiben. Nur wenigen der Historiker' der allgemeinen Geschichte mögen die erschütternden hebräischen Berichte vorgelegen haben, die die Ueberlebenderi jener furchtbaren Verfolgungen zum Gedächtnis1 für alle1 Zeiten aufzeichnen unid von denen Nathan Birnbaum und Hugo Hermann eine deutsche Ausgabe unter dem Titel „Edom, Berichte jüdischer Zeugen und Zeitgenossen über die Judenverfolgungen während der Kreuizzüge"*) herausgegeben haben. In ein blühendes jüdisches Leben, vor allem der drei großen Gemeinden am Rhein, Mainz, Speyer und Worms, erschallte <Jbr Ruf: „Gott will es." Was wollte Gott nach der Auffassung der anderen? Man sollte hinausziehen in 'das Heilige Land und die Ungläubigeil von dort verjagen; um an ihrer Stelle die christliche Herrschaft aufzurichten. Mußte -es nicht jedem strenggläuibigen Christen ein Greuel1 sein, daß über tausend Jahre nach dem Auftreten ihres Heilandes noch. Menschen lebten, die sich nicht zu einem Glauben bekehren wollten und hartnäckig in einem Zustand verharrten, der sie nach ihrem Tode zu ewiger Verdammnis führer, mußte? Sarazenen und Juden aber weigerten sich den Christenglauben anzunehmen, und da sie es nicht taten, entsprach es dem Geiste jener Zeit,! den wir heute nicht mehr verstehen können, daß man sje auch gegen ihren Willen1 dazu zwinigen wollte. Als die Papstkirche die Kreuizzügbewegung zu der ihrigen machte, da hoffte sie vor allem, daß von dieser ein neuer Glanz auch auf die Leistung der kathoMschen Christenheit fallen wüiidieiund .somit die schon wankendte Stellung der Päpste aufs neue gekräftigt werden könnte. Gewiß gab es, wie zu allen Zeiten, auch damals unter den Führern der Bewegung große Idealisten, die sich ein1 Zeitalter des Auflebens des religiösen Gedankens versprachen, eine Verinnerlichung des Christentums; *) Berlin, Jüdischer Verlag.