Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 36 (5.9.1924)
- Date
- 1924-09-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 36 DIE WAHRHEIT Seite 3 Zum Wiederaufbau Palästinas. Die Tagespresse bringt soeben die Meldung, daß Juden in Chicago beschlossen hätten, in Palästina eine Kolonie gleichen Namens zu gründen. Bekanntlich haben die Vereinigten Staaten die Einwanderung derart gedrosselt, daß diese Zufluchtsstätte für viele hunderttausende in ihrer Heimat verfolgter Juden bis auf weiteres als für diese Flüchtlinge versperrt gelten muß. Um ihnen in Palästina ein anderes Asyl zu eröffnen, wollen die Juden Chicagos dort eine Kolonie erbauen, deren Name zugleich von ihrem Lokalpatriotismus Zeugnis ablegen, aber auch eine feine Kritik jener Einwanderungseinschränkung beinhalten würde. Dieser hochherzige Entschluß, mit echt amerikanischer Großzügigkeit und jüdischem Opfersinn gefaßt, wäre, wenn sich die Zeitungsmeldung bestätigen sollte, mit Freuden zu begrüßen. Wir dürfen hoffen, daß dieser Schritt Chicagos, kaum daß er bekannt geworden, sofort von anderen Großstädten Amerikas nachgeahmt werden wird. So wie jetzt in der Nachkriegszeit vielfach zerstörte Ortschaften des Kriegsgebietes von sogenannten Patenstädten wieder aufgebaut worden sind, so sollten die jüdischen Großgemeinden nicht nur Amerikas, sondern der ganzen Welt, es als ihre jüdische Pflicht betrachten und einen patriotischen Stolz darein setzen, den Namen ihrer Heimat in einer Kolonie in dem Lande zu verewigen, das jetzt allein als Rettungsanker für alle, zumal im Osten, an ihrer Existenz bedrohten Juden in Betracht kommen darf. Wir sind überzeugt, da'ß ein solches Unternehmen amerikanischer Juden die tatkräftige Förderung auch christlicher Mitbürger finden würde. Nach Mitteilungen von Henry H. Rosenfelt, dem verdienten Organisator des „Joint", sind für diesen der Rettung jüdischer Kriegsnotleidender in Europa gewidmeten Hakenkreuz hierummanipuliert. Dieser jeldoch scheint wenig darauf zu reagieren, sitzt, wie wenn er der einzige Passagier dieses Bahncoupes wäre und denkt möglicherweise darüber nach, wie gut es wäre, isich an solch einem protzenhaften Reichsritter für seine zudringliche Belästigung revanchieren zu können. Und richtig, es ergibt sich eine Gelegenheit, wie sie günstiger der Jude gar nicht zu erwarten waigte. Als der völkische Tribun endlich einsieht, daß seine Beimühungen, den Juden zu reizen, vergeblich sind, läßt er sein Kreuz in Ruhe und beginnt den Juden mit der größten Aufmerksamkeit von unten bis oben genau zu mustern. Vielleicht ist es doch kein Jude und er würde dann seine kostbare Halsbinde nur unnützerweise strapezieren. Plötzlich bemerkt er im Knopfloch seines Gegenübers ein sehr gefälliges Abzeichen mit den drei Buchstaben R. J. F. In Unkenntnis dessen wahrscheinlich, daß es im Deutschland; einen „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten" gebe, frägt der provinzlerische Hakenkreuzler sein Gegenüber, was denn eigentlich idÜese drei Anfangsbuchstaben auf der Nadel für eine Bedeutung haben, worauf der Jude, ohne nachzudenken erwidert: „Das bedeutet — „Rache jedem Franzosen". „Möchten Sie die Liebenswürdigkeit haben," ersucht darauf der begeisterte Franzosenjäger sein 63 Millionen Dollar-Fonds von nichtjüdischer Seite nicht weniger als 10 Millionen gespendet, außerdem die erheblichen Betriebskosten von einem christlichen Philanthropen bestritten worden. Uneingeladen kamen solche Edelmenschen in die von den (50.000) freiwilligen Werbern für den Joint einberufenen Propagandaversammlungen, und aus reiner Menschlichkeit, aber auch, wie einer von ihnen ausdrücklich betonte, aus Achtung vor seinen jüdischen Mitbürgern, spendeten sie für Juden des Auslandes. Das Gleiche ist zu erhoffen, wenn die Juden Amerikas nach derselben so glänzend bewährten Methode jetzt für Palästina arbeiten wollten. Gerade das Einwanderungsverbot ist geeignet, eine solche Aktion zu begünstigen. Welche entsetzliche Härte es für die Juden, besonders Rußlands und Polens bedeutet, kann nur der ermessen, der Gelegenheit hatte, das Elend jener Armen kennen zu lernen. Wieviel Pogromwitwen und -waisen sind nach kurzer Zeit jenseits des Ozeans zu einer wohlbegründeten Lebensstellung gelangt! Wenn man aber mit Amerikanern darüber spricht, wenn man ihnen den Ausspruch Lord Birkenheads,des früheren englischen Lordkanzlers, entgegenhält, um wie viel besser die Juden von England als von Amerika behandelt werden, so wird von den einen den Engländern der peinliche Zwischenfall judenfeindlichen Protestes gegen Erweiterung eines jüdischen Friedhofes in einem überwiegend jüdischen Viertel Londons entgegengehalten. Andere schreiben Erscheinungen unfreundlicher Gesinnung gegen Juden in Amerika auf das Konto des deutschen Einflusses in der Union. Wie immer von dem Einwanderungsverbot werden weniger Menschen, die eine angestammte Heimat haben, betroffen, als wir Juden, die wir in so vielen Landern trotz seit jahrhundertelanger Seßhaftigkeit als Fremde behandelt werden. Diese Härte durch Unterstützung einer großangelegten ihm plötzlich sympathisch gewordenes Vis-ä-vis. „mir dieses sinnreiche Abzeichen zu überlassen?"' „Mit dem größten Vergnügen," erwiderte der Jude, der sich nicht wenig über das Gelingen seines Scherzes freute, „nur würde ich um die^zwei Mark bitten, die ich für diese Nadel bezahlt habe." Ohne lange zu überlegen, überreicht der Hakenkreuzler dem Juden die zwei Rentenmark, worauf dieser die Nadel übergibt, die der überspannte Patriot, ganz glücklich über die Bereicherung seiner äußeren National- und Gefühlsausdrücke in die Halsbinde steckt, in engster Nachbarschaft des so berühmt gewordenen Hakenkreuzes. Seither läuft der Weisenfelser völkische Führer im ganzen Orte herum, als einziger unter seinen Gesinnungsgenossen mit der neuen Nadel protzend, während sich die Weisenfelser Juden im Bewußtsein des gelungenen Scherzes ihres Glaubensgenossen in dte Fäuste lachen und sich nicht wenig lustig machen über die eigenartige Vereinigung des „Hakenkreuzes" mit dem Abzeichen des „Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten" und ihren Träger, den Herrn Anführer der tapferen Hakenkreuzler in Weisenfels. Schön wäre die Welt des Hakenkreuzes, wenn nur nicht so viele andere Abzeichen wären . . .