Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 35 (29.8.1924)
- Date
- 1924-08-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 35 Die Wahrheit Seite I und sich lieber die Dankbarkeit derer zu sichern, die das eigene Vaterland brutal abweist. Das wäre einö wirksame, empfehlenswerte AuslaTiidispropagandia und so hätten die akademischen Behörden dafür sorgen können, daß Oesterreich und seine Hochschulen im Ausland sympathisch werden. Das Gegenteil ist eingetreten. Die Reichsdeutschen betrachten unser Land als eine ihnen gehörige minderwertige Kolonie, in der man sich altes erlauben kann, und denen, die für das Gastrecht dankbar wären, verschließt man die Tür. Und als alle Argumente nicht genug „Würdigung" fanden, verfielen die Völkischen auf das Schlagwort von den minderen moralischen Qualitäten der jüdischen Rasse. Wenn man diesen erbärmlichen Haß gegen ganze Konfessionen, deren Angehörige hier nichts anderes als ihren wissenschaftlichen Studien nachgehen wollen, um des bloßen Geldes wegen sieht, wenn man sieht, wie anderseits ebendieselben Leute jüdische Professoren liebedienerisch umschmeicheln, sich von jüdischen Aerzten behandeln lasisen, wenn es ihnen ans Leben geht, und die Kunst des völkischen Arztes versagt, wie sie froh sind, noch vollbrachtem Studium bei einem jüdischem Chef unterzukommen, sofern er mehr zahlt, als der arische (zahlt der Christliche mehr, sc bleiben sie Antisemiten), so müßte man, wenn man wirklich die moralischen Qualitäten als ausschlaggebend betrachtet, einen Numerus clausus, beziehungsweise den Ausschluß für Völkische beantragen. - - Nie ist eine moralische Qualität in der Rasse gelegen. Wäre es den Völkischen wirklich um die Moral zu tun, so könnten sie in ihren eigenen Reihen genügend aufräumen. Sie müßten vor allem dafür sorgen, daß ihre jüdischen unid sozialistischen Kommilitonen nicht geprügelt werden (allerdings nach deutschvölkischer Heldenart nur auf akademischen Boden, wo sie eine Verhaftung nicht zu fürchten brauchen), statt „da capo!" zul rufen. Das sind die moralischen Qualitäten, die allein ausschlaggebend1 sind, die aber die Völkischen erst dann von ihren Gegnern verlangen wlerden, bis sie selbst die Geprügelten sind. Vorläufig aber schreien sie weiter und drohen mit roher Gewalt; die wiegt die Verachtung nicht die jeder Kulturmensch dieser Barbarei zollen muß. Was man uns schreibt Juden-Filme. Aus Leserkreisen erhalten! wir folgende Zuschrift: Geehrte Redaktion! Sie haben erst kürzlich eine freundliche Besprechung des Bettauersohen Romanes „Die Stadt ohne Juden" gebracht. Sie war auch sehr berechtigt. Das gälte Buch wurde leider von einer Filmunternehmumg zu -einem schlechten Film benützt, von der Erwägung ausgehend, daß Judenfilme das Publikum interessieren. Damit hat es auch seine Richtigkeit, vorausgesetzt, daß der betreffende Film durch spannende. Handlung und wahrheitsgetreue Milieuschilderung fesseln kann. Von alledem war aber in der gekurbelten „Stadt ohne Juden" keine Spur. Es könnte auch anders nicht gut möglich sein, nachdem mit der Arbeit ein. Regisseur betraut wurde, der auch nicht die Spur eines jüdischen Empfindens besitzt und aus eigenem Gutdünken Effekte herausholte* die bei dem Publikum, sowohl Juden als Christen, gänzlich versagten^ Bezeichnender als jedes andere ist die Tatsache, daß trotz der Mitwirkung erster erprobter Künstler kein Zwerchfell in Bewegung kam. Dagegen gab es ob krasser Blasphemien lebhaftes Aergernis. Wenn die oberösterreichische Landesbehörde die Vorführung der „Stadt ohne Juden" in Linz verboten hat, so tat sie wohl daran. Es wäre zwar nicht m den befürchteten Unruhen, aber zu Kundgebungen aus naheliegenden Gründen gekommen, wie es immer geschieht, wenn die Leute sich enttäuscht um ihr Geld gebracht finden. Denn bei diesem Judenfilm gab es außer Bettauer auch die Besucher als arg Geschädigte. V. H. Gemütsroheit. Wenn jemand eine Reise tot, so kann er was erzählen. Nicht nur über die Schönheiten der Gegend, in die mam gekommen, sondern auch über Sitten und Art der Bevölkerung. Und da muß ich, der ich außer m der Welt auch in ganz Oesterreich herumgekommen bin und mär deshalb einbilde, mein Heimatland gut zu kennen, doch eingestehen, daß Oberösterreich den rohesten Menschenschlag Oesterreichs besitzt. Wfle immer spiegelt sich das Wesen eines Landes hauptsächlich in seiner Presse wieder, besonders ist dies im der Provinz der Fall. So erscheint iin Wels eim „Welser Anzeiger", der außer einem nichtssagenden politischen Teil hauptsächlich Berichte aus den umliegenden Gemeinden enthält In einer Juli-Nummer war ein Bericht aus Schönau bei Grieskärchen enthalten, der von einem Elektrizitätswerke, von der Verwechslung der berichterstattenden Ortschaft mit einer gleich lautenden, so daß der Tod einer Bäuerin, die von Pferden zertreten wurde, irrtümlich nach Schönau verlegt wurde, lind von Todesfällen, die sich tatsächlich im dieser Gemeinde ereigneten, Kunde gab. Dann folgt folgender klassischer Satz: „Wir leben jetzt im Vollgefühle der Hochsaison, denn Bad Schallerbach weist jetzt über tausend ständige Kurgäste aus." Und wie sich die biedere Bevölkerung zu diesen Kurgästen verhält, beweist der Schlußabsatz des Berichtes: „Vorigen Samstag abends, den 5. d. M., hatten wir hier eine besondere Sensation. Ein jüdischer Kurgast aus Wien ließ sich nahe bei; der Bahnstation Schallerbach-Wallern vom Schnellzuge überfahren. Seine entsetzlich zerstückelte irdische Hülle ist am Montag nach Wien zur Beerdigung überführt worden. Hört sich das micht an wie eine Kinoreklame? Heute eine besondere Sensation: Ueberfahren eines jüdischen Kurgastes aus Bad Schallerbach. Daß der tragische Fall in diesem Orte, wo ich heuer weilte, furchtbares Entsetzen hervorrief, das verschweigt das Blatt der Bevölkerung, dtte „im Vollgefühl" voij den Kurgästen lebt, dagegen spricht es von einer „besonderen Sensation". Beweist das nicht tatsächlich die Gemütsroheiit des Landes? M. N. Moritz Fein. Diese Zeilen widme ich dem Andenken eines Mannes, der im Kriege, aus dem Osten zu unskam. Er starb dieser Tage. Auf einer Urlaubsreise trifft mich die Nachricht. Und mir ist, als wenn mir ein lieber guter Verwandter gestorben. Moritz Fein hieß er. Er war ein einfacher Buchhalter. Nichts weiter! Er war der Typus jener langsam aussterbenden Juden, dliie Kindern gleichend durchs Leben gehen, ein einfaches reines Gemüt bewahrt habeni Diesen Typus gilt es festzuhalten. Er enthielt das Beste am Juden. Es handelt sich darum, einen Menschen zu schildern, der täglich „wie hineingeschneit" in dieser Welt stand. Er, der bei gut einem Dutzend Firmen die Bilanzen einrichtete, war wirtschaftlich ein Kind! Eine riesengroße Erbschaft war ihm selbst vor einigen Jahren zugefallen! Ein in Amerika verstorbener Verwandter. Er verzichtete! Noch höre ich sein: „was brauche ich das Geld? Ich verdiene, was ich brauche." Er galt in seinem Fache als Genie. Das Geheimnis des Bücherabschlusses war ihm. dem sonst Weltfremden, eine Spielerei! 1916 war es ihm sohlecht gegangen. Aus seiner Heimat verjagt, irrte er buchstäblich hungernd in Wien herum. Ueberall abgewiesen, ärmlich gekleidet, der Typus des Flüchtlings. Schwer war es ihm. die erste Position zu finden. Doch dann, er schilderte es oft, war es wunderbar. Man riß sich geradezu um seine Mitarbeit, ich glaube mehr der Mensch war es, der treue brave Moritz Fein. Was war das Wunderbare an ihm, das ihn so emporhob über den Durchschnitt, ja ich darf wohl sagen, über uns alle? Seim Charakter, seine Verachtung des Geldes! Von ihm strahlte die Kraft der wenigen Menschen.aus, die die wahren Werte noch würdigen! Uns andere hat das Leben fortgerissen von den Quellen einfacher Güte. Er, Moritz Fein, hatte sich diesen Simm immer bewahrt Mögen die, die ihn kannten und diese Zeilen lesen, ein wenig nachdenken. Es gilt den Typus Moritz Fein zu ehren und selbst vielleicht ein wenig näherzukommen! Das scheint mir die wahre Kraft wertvoller Menschen, daß sie, ohne es zu wissen, die anderen nachdenklich stimmen). B . . . r.