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Die Wahrheit · 1924-08-29 · Heft 35 (29.8.1924) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 35 (29.8.1924)
Date
1924-08-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 35 DtC WAHRHEIT Seite 3 schieht dies allzuoft auf Kosten der Wahrheit. So erblickt er — um ein Beispiel anzuführen — einen tiefen Gegensatz zwischen Palästina und den, angrenzenden östlichen Ländern, die unter der Führung Mesopotamiens standen. „D a s Gesetz und diie Prophet en", sagt er in seiner originellen Art, „das ist beinahe der Un t e rschied von Judäa undMesopotamien" (II, 252). Die Heimkehr aus dem babylonischem Exil war nach seiner Ansicht das Werk weniger Eiferer, „der Hartköpfigen". Die große und rassekräftige Menge ließ den Gedanken von dem Wiederaufbau Palästinas als Traum gelten, blieb aber im Lande und lebte ruhig unter seinem eigenen Fürsten, dein Resch Galutha. Während nun „die jüdische 'Kleinweit ein geistiges: Sonderleben führte, das von der gesamten Nation geachtet aber durchaus: nicht geteilt wurde, blühte im Osten die apokalyptische Literatur, die Erbin der prophetischen, auf, war daselbst eine echte Volksdichtung zu Hause. In Judäa gedieh nur das Gesetz; der talmudische Geist verkörperte sich seit 450 in den Schriftgelehrten (Sofrim) mit Esra an der Spitze. Aber in diesem Kreise war kein Platz für eine weltliche Kunst, Poesie und Gelehrsamkeit. Was im Talmud an astronomischem, medizinischem und juristischem Wissen steht, ist ausschließlich mesopotamischer Herkunft." Als Quelle für diese Behauptungen wird Funk, Entstehung des Talmuds, 2. Auflage, S. 106, angegeben. In dem von Spengler zitierten Kapitel habe ich wohl Babylonien insoferne Palästina gegenübergestellt, als das erstere als Land eines ausgedehnten See- und Welthandels zu wichtigen und1 tiefeiinschneidenden handelsrechtlichen Einführungen Anlaß gegeben hat, was übrigens schon vor mir Rappaport (Ereeh Millin) und R. Ascher zu Baba k. (Abschnitt 4) bemerkt haben. Die angeführte Stelle lautet: „In Palästina übten die Juden nicht mehr die Gerichtsbarkeit, sie hatten darum weniger Gelegenheit, aktuelle Rechtsfragen zu entscheiden, Samuel hingegen war Richter am Hofe des Exilarchen und hatte seine Jugend auch in Babylonien verlebt, in dem Lande, welches zur Zeit der Sassanideh einen hervorragenden Püatz in der Handelswelt einnahm... Und es war darum wohlbegründet, daß die Entscheidungen Samuels auf ziviirechtlichem Gebiete als gesetzliche Norm anerkannt wurden." Wo ist in diesen Zeilen auch nur eine Andeutung diafür zu finden, daß in Palästina „für weltliche Kunist, Poesie und Gelehrsamkeit kein Platz war" öder daß alles „was im Talmud an astronomischem, medizinischem und! juristischem Wissen steht, ausschließlich mesopotamischer Herkunft sei? Habe ich doch gerade das Gegenteil von dem geschrieben, was Spengler behauptet: „Die Haggada des palästinischen Talmuds übertrifft an Schönheit und Reinheit den babylonischen. Die Verfolgungen, die auf die Entwicklung der Haiachstudien hemmend wirkten, haben die Haggada gefördert". In Babylonien blühte der Handel und mit dem Handel das Recht, der „stille Garten der Haggada" konnte aber nur in Palästina, im Lande der Propheten und der heiligen ^Sänger gedeihen. Tatsächlich sind auch alle Midraschwerke in Palästina entstanden. Palästinische Tanmaim waren es, die auch als Mediizi'ner Großes geleistet; Operationen in Marmorsälen unter Anwendung von Schlafmittel1 vollzogen haben, den Kaiserschnitt gekannt und in bezug auf sozialhygienische Maßregeln ihrer Zeit um Jahrtausende voraus waren. (Funk, die Hygiene des Talmulds, 199.) Was aber Palästina und Jerusalem in den letzten Jahrhunderten des jüdischen Staates als geistige Zentrale für das Judentum, für den Bestand und für die Entwicklung des jüdischen Volkes bedeutet, kann nur ein Forscher werten, der das „Talmudjudentum" — Spengler spricht von einer „talmudischen Religion, die das Stiefkind der religionsgeschichtlichen Forschung ist" — in seiner ganzen Tiefe erfaßt. All das, was das jüdische Volk in seiner Zerstreuung zusammenhielt, was im Volke das Gefühl der Zusammengehörigkeit geweckt und erhalten und ihm die Heimat ersetzt hat: Die Bestimmung der Feste, die wichtigsten Gebete für Gemeinde und Haus, die Segenssprüche, die Sitten und Bräuche, ein großer Teil der Speise-, Reinheits-, Ehe- und Rechtsgesetze, die uns in den tannaitischen Werken und Ueber- Iieferungen nur teilweise überliefert! wurden — viele haben sich nur in der Praxis erhalten — sind das Werk Palästinas, der Zentralbehörde in Jerusalem, deren Entscheidungen nicht nur „allenthalben anerkannt" wie Spengler (II, 253) meint, sondern auch befolgt wurden. Jeder Taimudkuodige könnte Spengler darüber belehren, daß) eine schriftliche Entscheidung aus dem Westen für Babylonien die Wirkung einer sinaitischen Lehre hatte (Baba b. 41 b, Scheb. 48 b, Sanhedr. 29a, Sab 115a) und daß die palästinensische Zentralbehörde auch in später Zeit babylonische Juden vor ihr Forum zu laden pflegte. (Sanhedr. 31 b.) Pallästina verhielt sich zu Babylonien wie die W urzein eines Baumes zu den Aesten — und der Vorwurf, den Spengler den jüdischen Forschern macht, daß sie es gar nicht beachtlet, „daß die Verfolgung durch Antiochus Epiphanes sich überhaupt nicht gegen „das Judentum", sondern gegen; Judäa richtete", zeigt nur, daß Spengler für die1 Wendezeit des nachex'ilischen Judentums kein Verständnis hat. Antiochus hat eben die Bedeutung Judäasi als geistige Zentrale richtiger eingeschätzt als Spengler. Wer einen mächtigen, weitverzweigten Baum fällen wil!l, legt die Axt an die Wurzeln an. Ein halbes Jahrhundert ohne geistige Führerschaft, ohne Festkalender und ohne oberste Behörde in jener Zeit hätten genügt, um „das Judentum" zu zerschmettern. Es wäre in kürzester Zeit zerfallen; das jüdische Volk hätte sich im hundert Sekten aufgelöst. Wie anders hat Renan die Bedeutung Palästinas als geistige Zentrale des jüdischen Volkes und folgerichtig auch die Heimkehr der Erulanten aus Babylonien eingeschätzt! „Hätte die Rückkehr nicht stattfinden können — sagt er am Ende des dritten Bandes seiner Geschichte und so hätte Juda das Schicksal. Israels geteilt und wäre im Orient aufgegangen, die hebräischen Schriften wären verloren und wir hätten nichts gewußt von all den merkwürdigen Geschichten, die unser Entzücken und unser Trost sind." Auch für Renan war die Heimkehr der Exulanten ein Werk der Fanatiker, der „Hartköpfigen". Noch mehr. Er erblickt in< derselben „eine Aeußerung der "bis zum Wahnsinn sich steigernden Hoffnung", fügt aber das Bekenntnis hinzu: „Und diesmal wieder ist der Wahnsinn — wenigstens vom Stand-

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